“Ich glaube nicht an Schuldige, aber an Verantwortliche”

Jorge Belanko. Der Name steht stellvertretend für die Lehmbau-Euphorie in Argentinien.
Dabei geht es in den Workshops des 68-Jährigen um weit mehr als den Häuserbau. 

Dieser Text ist Teil des Buches „Hände der Transition“, das Ende 2017 auf Spanisch erschienen ist. Die deutsche Übersetzung soll bis Ende 2018 abgeschlossen sein. mutantia.ch publiziert in loser Folge Auszüge aus dem Buch.  

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Als ich Jorge Belanko das erste Mal begegnete, sagte er, ohne mich eines Blickes zu würdigen: „Ich sehe dem Typen im Film nicht ähnlich, oder?“ Dann schöpfte er die nächste Portion Zementmischung auf seine Maurerkelle und verteilte sie mit feinen Strichen auf dem neu angelegten Weg seines Hauses. Nun, optisch gibt es durchaus Parallelen zum Dokumentarfilm „El barro, las manos, la casa“ (Der Lehm, die Hände, das Haus), der den Konstrukteur aus dem patagonischen El Bolsón bis nach Spanien bekannt gemacht hatte: die Baskenmütze, der markante Schnauzbart, die riesigen Hände. Doch im Gegensatz zum Film wirkt der Mann jetzt, da ich ihm gegenüberstehe, nicht ganz so entspannt.

Zu Belankos Verteidigung muss allerdings erwähnt werden, dass er seit 2008, als er im Film erklärte, wie Frau und Mann mit Lehm, Stroh oder Bambus ihr eigenes Haus bauen können, kaum zur Ruhe gekommen ist. Neben dutzenden von Workshops und Auftritten an Kongressen überhäuften ihn Häuslebauer aus ganz Lateinamerika mit Telefonanrufen und Mailanfragen. Dies ging soweit, dass der heute 68-Jährige sogar seine Homepage vom Netz nehmen musste; er kam schlicht nicht mehr nach mit Antworten.

Entsprechend skeptisch gibt er sich gegenüber Leuten, die er nicht kennt. Und da ich dies wusste, habe ich ein paar Tage zuvor telefonisch angefragt.

„Ihre Frau sagte mir, ich solle heute vorbeikommen, es geht um ein Interview mit ihnen.“ Erst jetzt unterbricht der Konstrukteur seine Arbeit und mustert mich. „Journalist“, sagt er etwas despektierlich und legt die Maurerkelle in den Kessel. Dann zieht er seinen rechten Handschuh aus und reicht mir die Hand, oder besser: seine Pranke. Nach ein paar Floskeln sagt Belanko, samstags sei eigentlich besser für ein Gespräch, dann habe er mehr Zeit.

Als ich ein paar Tage später wieder vor seinem Haus stehe, bittet er mich in seine Werkstatt, die gleichzeitig Labor und Bibliothek ist. Seit Jahren schon tüftelt er hier mit seinen Schülern an neuen Lehmkompositionen, inbesondere an allem, was den Verputz betrifft. Schliesslich regnet es oft in Patagonien und die Aussenschicht ist fundamental, damit der Lehm nicht abwäscht.

Geplant hatte ich ein Interview mit ihm. Doch kaum habe ich das Aufnahmegerät eingestellt, erzählt Jorge Belanko seine Geschichte in einer Klarheit, die meine Fragen überflüssig macht.

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“Als ich Ende Achtziger Jahre nach El Bolsón zog, war für mich klar: Nie wieder werde ich auf dem Bau arbeiten. Dort herrschte dauernd ein angespanntes Klima. Ausserdem war ich es nach zwanzig Jahren leid, auf Baustellen zu krampfen. Ich komme aus einer Familie von Konstrukteuren, mein Vater nahm mich schon als Kind zur Arbeit mit. Er selbst stammte aus Ungarn und er erzählte mir, dass er sein Haus dort mit Stroh und Lehm gebaut hatte. In Argentinien hingegen, wohin er damals geflüchtet war, bekam er keinen einzigen Auftrag, um ein Haus mit natürlichen Materialien zu bauen. Sämtliche Häuser konstruierte er mit konventionellen Materialien wie Zement oder Eisen.

Als ich die Ausbildung zum Baumeister begann, fragte ich meinen Lehrer in Technischem Zeichnen – notabene ein Architekt – warum wir nicht lernten, wie man mit Lehm und Stroh Häuser baut. Doch er sagte lediglich: Schau mein Junge, kauf‘ dir die Zeitschrift Vivienda (1), dort siehst du, wie viele neue Baustoffe angeboten werden. Verliere also keine Zeit. Ich bin überzeugt, dass er dies mit besten Absichten gesagt hatte, schliesslich hatte er es selbst so gelernt. Das war Mitte der 1960er Jahre. Und ich hatte ebenso den Eindruck , dass sich alles verändert hatte, neue Baumaterialien auf den Markt kamen und mein Lehrer also Recht behalten sollte.

***

Die ersten Jahre arbeitete ich zusammen mit meinem Vater. Auch leitete ich damals schon kleinere Arbeitsgruppen von Maurern. Nach meiner Heirat lebte ich mit meiner Familie in Santa Teresita an der argentinischen Küste. Dort gab es zu dieser Zeit enorm viel zu tun. Grund war der Bau der Interbalnearia, also der Verbindungsstrasse zwischen den einzelnen Badeorten. Es flossen unglaubliche Mengen an Schwarzgeld nach Argentinien und alle bauten sich ihr Wochenendhaus. Parallel dazu balsamierte ich Tiere ein. Ja, ich weiss, heute klingt das komisch. Aber ich war eine Zeit lang Tierpräparator.

Ich glaubte damals, ich würde einen wichtigen Beitrag leisten, sowohl für die Wissenschaft als auch für die Schulen. Ich gab sogar Unterricht in Taxidermie. Dies änderte sich abrupt, als ich zum ersten Mal nach El Bolsón kam. Ich erinnere mich, wie ich zum Piltriquitrón (2) blickte und meine Kinder fragte: Würdet ihr gerne hier wohnen? Sie waren begeistert vom Ort und auch Nora gefiel die Idee.

Und so zogen wir gen Süden, inklusive all meiner Bücher der Taxidermie. Sie dienten uns als Brennmaterial, um unser neues Zuhause zu heizen. Da realisierte ich plötzlich, dass Präparator nicht mein Ding ist und dass die Leute, wenn sie Tiere sehen wollen, in die Wildnis gehen sollen. Das Gewehr schenkte ich einer Schülerin und dutzende von Tieraugen aus Glas tauschte ich gegen Fruchtbäume, die uns bis heute mit Früchten versorgen.

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Innert kürzester Zeit hatte ich Freunde in Bolsón. Drei von ihnen kamen eines Tages auf mich zu und sagten, sie würden nach Chile reisen. Dort wollten sie Institutionen besuchen, die über nachhaltige Entwicklung forschten.

„Komm, das wird dir gefallen“, sagten sie.

Doch ich hatte in diesem Moment nicht einmal genügend Geld, um nach Bariloche (3) zu kommen.

„Macht nichts, wir laden dich ein, komm schon!“

Und so reisten wir in die Gegend von Santiago de Chile, wo über Lehmbau   geforscht wurde. Zurück in Bolsón startete ich dann meine eigene Recherche und machte Proben bei mir zu Hause. Zuerst baute ich Öfen und Lehmmauern und notierte mir die Zusammensetzung der Baustoffe. Dann machte ich ein Diaspositiv und zeigte es meinen Nachbarn. Ich war hellauf begeistert! Und so kehrte ich auf den Bau zurück – dieses Mal allerdings mit Materialien, die bereits mein Vater in Europa gebraucht hatte. Und da begann ich zu spüren: Das ist mein Ding!

Hauptbild: Konstrukteur Jorge Belanko an einem Lehmbauworkshop in der Provinz Neuquen, Argentinien. (lmneuquen.com)

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