„Menschen sind ein Zweig am Baum des Lebens“

Wenn es um Naturrechte geht, gehört Cormac Cullinan weltweit zu den wichtigsten Ansprechpartnern. Der Anwalt aus Kapstadt erklärt im Interview, warum er zivilen Ungehorsam angesichts des Klimawandels für unentbehrlich hält und inwiefern die Verteidigung der Natur mit dem Anti-Apartheid-Kampf zusammenhängt.

Quito – „Der Klimawandel ist nicht das Problem, sondern Symptom einer gesellschaftlichen Struktur, die wir aufgebaut haben.“ Cormac Cullinan sagte diesen Satz während des Symposiums zu den Naturrechten im Herbst 2018 in Quito. Er hatte den langen Weg vom Kap der guten Hoffnung in die ecuatorianische Hauptstadt unternommen, um mit dutzenden anderen VertreterInnen der Naturrechtsbewegung zu diskutieren.
Der irisch-südafrikanische Doppelbürger hat über zwanzig Regierungen bei Rechtsfragen zu Umweltthemen beraten und war bei der Ausarbeitung diverser Berichte der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) beteiligt. Heute führt er eine Anwaltskanzlei in Kapstadt, die sich auf Umwelt und ökologischen Handel spezialisiert hat. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Global Alliance, einem weltweiten Netzwerk bestehend aus Organisationen und Privatpersonen, das die Rechte der Natur vorantreiben will.
Am Rande des Treffens in Quito nahm sich der Spezialist in Naturrechtssfragen Zeit, mutantia.ch ein paar Fragen zu beantworten.

 

In ihrem Vortrag sprachen Sie davon, dass Gesetze die DNA der Gesellschaft darstellen. Was meinen Sie damit?
Die DNA steuert die Reproduktion eines Organismus, das heisst: Wenn sich ein Organismus vermehrt, sieht die DNA-Struktur der Kinder jener der Eltern ähnlich. Dieser Mechanismus lässt sich auch auf unser Rechtssystem übertragen. Um bestehende Strukturen zu ändern, muss das Parlament ein Gesetz ausarbeiten. Doch falls sich nichts ändert, sorgt die DNA dafür – in diesem Falle unsere herrschende Rechtsordnung –, dass sich die Gesellschaft so weiterentwickelt, wie sie es bisher getan hat.

 

Wenn sich also an der bestehenden Rechtsordnung etwas ändern soll, bedeutet dies langwierige Prozesse?
Nun, der Wandel wird langsam sein und ein radikaler Wandel ist schwierig. Beispiel Naturrechte: Wenn ein Staat in seinem Rechtssystem bisher nur die Rechte von Menschen und Firmen berücksichtigt, wird es schwierig, dies zu ändern. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil sich eine DNA nicht so schnell ändern lässt.

 

Dennoch schlagen Sie vor, dass wir als Gesellschaft genau dies anstreben sollten.
Ja, denn für einen grundlegenden Wandel innerhalb der Gesellschaft muss sich die DNA verändern. Dies kann durch eine neue Verfassung geschehen oder durch die Schaffung neuer sozialer Normen, etwa wenn Menschen sich einig darüber sind, dass Verhaltensmuster von früher heute nicht mehr akzeptabel sind. Dadurch verändert sich das Verhalten in der Gesellschaft, was sich dann früher oder später auch in den Gesetzen widerspiegeln wird. (…)

 

Hauptbild: „Es geht um eine miteinander verbundene Gemeinschaft von Wesen, die in kontinuierlicher Beziehung zueinander stehen.“ – Cormac Cullinan in Quito, Ecuador, September 2018. (Alejandro Ramírez Anderson)