Essay

Die Feuertaufe

Johny Freis Leben wurde jahrelang durch Wut angetrieben.
Doch eines nachts erkennt der Maurer aus Zürich-Höngg,
dass sich am Ende jedes Gefühl zersetzt.   

Er war früh erwacht, der Johny Frei, etwa mit siebeneinhalb. Es war kurz vor den Sommerferien, als er das Bild von Thich Quang Duc in der Zeitung sah, jener buddhistische Mönch, der sich am anderen Ende der Welt mit Benzin übergiessen und anzünden liess. Während es in Saigon nach Menschenfleisch roch, stieg Johny aus Zürich-Höngg die Hitze in den Kopf. Er hatte das Bild schon gestern gesehen, ausgehängt am Kiosk. Fasziniert stand er da, schaute dem Mann mit der Glatze ins Gesicht und musterte seine Kleidung. Es muss gewindet haben an diesem Tag, die Flammen züngeln nach rechts. Auf dem Bild lebt der Mönch noch, offenbar zwischen Meditation und Schmerz.

Der Kioskverkäufer, ein alter Mann aus der Nachbarschaft, hatte gesehen, dass sich in Johny etwas regte, so als ob sich etwas Schattiges auf das helle Bubengesicht gelegt hätte. Tags darauf steckte er der Familie Frei die Zeitung in den Milchkasten. Der Alte fand’s gut, dass sich die Jungen mit solchen Themen auseinandersetzten. 

Als Johny am Nachmittag nach Hause kam, verschwitzt vom Fussball spielen, lag das Bild auf dem Küchentisch. Die Mutter war gerade dabei, Käse und Brot aufzuschneiden und Johny schaute sich erneut die Zeitung an. Noch immer sass der Mönch da, als ob nichts geschehen wäre. Hinter der Feuerbrunst die  offene Motorhaube des Austin A95 und die Schaulustigen, daneben ein anderer Mönch mit Kamera in der Hand. Die Druckerschwärze des Zeitungspapiers vermischte sich mit dem Schweiss von Johnys Händen und der Knabe wurde unruhig. Warum hat er das getan? fragte er sich und spürte, wie die Hitze wieder in seinen Kopf schoss. Er eilte ins Zimmer, holte ein Blatt Papier aus der Kommode und schrieb. Dann lupfte er die schwere Matratze, zog ein hölzernes Truckli hervor und leerte den Inhalt in den Hosensack. Kinderkram, dachte er und drückte stattdessen das tausend Mal gefaltete Papier hinein. Dann leimte er den Deckel drauf, strich sich die Finger an der Hose trocken und ging zurück in die Küche. Dort lauschte die Mutter bereits dem Echo der Zeit.  

Vietnam sollte Johny Frei nicht mehr loslassen. Fortan setzte er sich zusammen mit seiner Mutter an den Küchentisch und hörte Radio. Er wartete auf Neuigkeiten aus Saigon, aus Washington, aus Bern. Ob Thich Quang Duc durch seine Selbstverbrennung etwas für die Rechte der buddhistischen Minderheit tun konnte? Vor dem Schlafengehen kramte er jeweils das Truckli unter der schweren Matraze hervor und umarmte es mit seinen Fingern. Ein Ritual, das Johny Halt geben sollte. Denn sein Leben drohte in den nächsten Jahren wegzuschwimmen. (…)

Hauptbild: Wut oder Mut? Letztlich eine Frage der Betrachtung (mutantia.ch).