„Ich habe zwei Jahre neben Pestiziden geschlafen“

Wie sieht der Alltag eines Pestizid-Sprühers in den Monokulturen Argentiniens aus?
Das folgende Gespräch mit Roberto Rios ist ein Auszug aus dem Buch
„Hände der Transition – Geschichten, die uns stärken“, das 2017 auf Spanisch erschienen ist.

Roberto Rios aus Ceres, einer mittelgrossen Stadt in der Provinz Santa Fe (Argentinien), hatte zwischen 2001 und 2009 als Pestizidsprüher gearbeitet. Der heute 41-Jährige sprühte zu dieser Zeit mehrere Tausend Hektar von Monokulturen mit Fungiziden, Herbiziden, Insektiziden und künstlichen Düngemitteln. Das Gespräch wurde im April 2012 etwas ausserhalb von Ceres geführt.

Roberto Rios, worin genau bestand ihre Arbeit auf dem Feld?

Ich begann 2001 als Landarbeiter und machte jede Arbeit, die anfiel. Nach einer Weile wurde ich als Pestizid-Sprüher angestellt und von da an bestand meine Arbeit nur noch im Sprühen. Manchmal mit dem Rucksackkanister von Hand, doch meistens auf dem Traktor – ein Traktor ohne Kabine.

Um welche Tageszeit sprühten Sie?

Das varierte. Es gab Tage, an denen ich um 5 Uhr morgens begann und um 21 Uhr aufhörte, manchmal auch später. Wenn es besonders heiss war, sprühten wir in der Nacht. Da arbeiteten wir von 18 Uhr abends bis 6 Uhr früh.

Wer hat Ihnen beigebracht, wie man sprüht?

Ich besuchte Kurse der INTA (1). Dort wurden wir von einem Agraringenieur instruiert, der sich auf diesem Gebiet spezialisiert hatte. Mir wurde erklärt, wie Mensch und Maschine effizienter arbeiten können. Der Fokus in den Workshops war immer derselbe: Wie kann ich noch mehr Hektare pro Tag sprühen?

Wurde Ihnen auch gezeigt, wie Sie sich von den Chemikalien schützen?

Nein, gar nicht. Über die Krankheiten, die Agrarchemikalien provozieren können, wurde gar nichts gesagt.

Wie viele Pestizide pro Hektar wurden versprüht?

Ein Agraringenieur sagte mir, dass maximal acht Liter Glyphosat, ein Liter 2,4D und ein halber Liter des Insektizids Sipermetrina pro Tag und Hektar gesprüht werden darf.

Und die Firma, für die Sie arbeiteten, respektierte diese Vorgaben?

Am Anfang ja. Aber die Unkräuter wurden im Laufe der Jahre immer resistenter gegen die Chemikalien. Deshalb wurde die Menge der Pestizide laufend erhöht, bis zu zwanzig Liter Glyphosat pro Hektar. Hinzu kamen die Insektizide und Düngemittel. Ich versprühte damals bis zu fünfhundert Liter Pestizide pro Tag. Das ging so weit, dass wir unsere Sprühmaschinen einmal pro Jahr austauschen mussten. Denn durch die Agrarchemikalien erodierte das Eisen der Maschinen.

Waren die Ingenieure dabei, als Sie die Chemikalien mischten?

Nein. Sie machten die Berechnungen, schrieben den Arbeitsplan für die Firmen und ich machte dann den Service.

Mit welchen Chemikalien arbeiteten Sie?

Mit allen möglichen Insektiziden, egal welche Gefahrenstufe (2): rot, blau, gelb, grün.

Sprühten Sie auch Endosulfan (3)?

Ja, auch Endosulfan. Beim Mischen kam es immer wieder zu Unfällen. Zum Beispiel fiel mir Glyphosat über die Hände oder andere Teile des Körpers, auch ins Gesicht. Damals arbeiteten wir ohne jegliche Schutzausrüstung und solche Unfälle mit Chemikalien gehörten dazu.

Wo haben Sie die Chemikalien jeweils zubereitet?

Das Saatgut behandelten wir mit Insektiziden in einem Schuppen nahe der Felder. Die Mischung für die Felder bereiteten wir draussen oder direkt im Schuppen vor. Es war der gleich Schuppen, in dem wir auch übernachteten.

Sie schliefen im selben Raum, in dem Sie auch die Agrarchemikalien mischten?

Ja, zwei Jahre lang.

Warum?

Weil die Firma keinen anderen Ort hatte uns unterzubringen. Ich schlief nur wenige Meter neben den Agrarchemikalien.

Was geschah mit den leeren Chemikalien-Kanistern?

Die Firma wollte, dass wir sie in einem Loch verbrennen, fünfzig Meter von jenem Schuppen entfernt (Pause). Es war der reinste Horror, denn es stank nach allen möglichen Chemikalien.

Wann spührten Sie zum ersten Mal, dass etwas mit Ihrem Körper passierte?

Bereits nach drei oder vier Monaten Sprühen mit dem Traktor hatte ich regelmässig Kopfschmerzen, aber ich schenkte dem keine Beachtung.

Sie arbeiteten weiter und es entwickelten sich andere Symptome. Welche waren das?

Ein komisches Gefühl im Magen, Schmerzen in der Leber, Muskelkrämpfe, Sehschwierigkeiten, trockene Lippen und weitere Beschwerden, die schwierig zu beschreiben sind. Immerhin musste ich gleichzeitig konzentriert arbeiten. Zudem dachte ich, das sei alles Teil meiner Arbeit. Schliesslich hatte mich niemand über die Risiken aufgeklärt.

Haben Sie mit Ihren Arbeitskollegen darüber gesprochen?

Ich informierte mich über das Fernsehen, aber bei der Arbeit sprachen wir nicht darüber.

Wann begann die Firma Sie mit Schutzmaterial auszurüsten?

Ab 2007 gaben sie mir verschiedene Schutzanzüge und Handschuhe. Auch bekam ich Stiefel, Schutzbrille und spezifische Schutzmasken, das kam auf die Chemikalie an. Allerdings kam das für mich alles viel zu spät. Ich war bereits vergiftet.

Was war Ihre Reaktion, nachdem Sie bereits sechs Jahre ohne Schutzausrüstung gearbeitet hatten?

Mir wurde erst so richtig bewusst, was für eine Arbeit ich überhaupt verrichtete – sowohl was mich betrifft als auch die Firma. Die Firma sagte mir, ich müsse diese Ausrüstung aus Versicherungsgründen tragen.

2009 konnten Sie nicht mehr arbeiten. Was war passiert?

Eines Tages wollte ich morgens aufstehen, doch ich konnte nicht mehr laufen. Damals befand ich mich in psychologischer Behandlung, denn die Ärzte sagten mir, dass ich ein psychisches Problem hätte. Zudem hatte ich Schmerzen in der Speiseröhre und eine Zeitlang ass ich nichts mehr. Deshalb verlor ich auch viel Gewicht. Und da ich nicht wusste, wie viele Tage ich noch zu leben hatte, wurde ich an der Speiseröhre operiert. Doch nicht nur das: drei Monate darauf bekam ich verstärkt Probleme mit meiner Gallenblase und meiner Leber, und ich musste mich ein weiteres Mal operieren lassen. Und nochmals drei Monate später entfernten sie mir Steine in der rechten Niere.

Was sagten die Ärzte?

Dass ich keinen weiteren Kontakt mehr mit Agrarchemikalien haben dürfe.

Und die Firma?

Die Firma sagt, dass meine Krankheiten nicht mit den Agrarchemikalien zusammenhängen. Die Versicherung hat ausserdem Untersuchungen mit mir durchgeführt und hinterher gesagt, dass ich problemlos wieder mit den selben Chemikalien arbeiten könne. Meine Firma hat mich nicht nur nicht entschädigt, sondern offeriert mir bis heute, als Pestizid-Sprüher zu arbeiten.

Was arbeiten Sie heute?

Ich arbeite in einem Büro. Psychisch fühle ich mich gut. Mit der Speiseröhre ist es besser geworden, aber ich kämpfe nach wie vor mit meiner rechten Niere. Ich habe täglich Schmerzen und die Flüssigkeit läuft nicht ab. Wenn ich eine Chemikalie rieche, kann ich Ihnen genau sagen, welche es ist. Ich bin äusserst sensibel und spüre, wie sie mich negativ beeinflussen. Dasselbe passiert innerhalb meiner Familie, die die vergangenen Jahre ebenfalls viel gelitten hat. Ich habe drei Kinder mit Allergien und Atemproblemen.

Gingen Sie vor Gericht?

Ja, es ist ein Verfahren hängig gegen meine Firma und gegen die Arbeitsversicherung. Es ist schwierig, einen Arzt zu finden, der sagt, dass Agrarchemikalien töten. Mit dem Anwalt versuchen wir eine Rente für den Rest meines Lebens zu erwirken. Die Firma hat sich bis heute weder nach meinem Gesundheitszustand erkundigt, noch eine finanzielle Entschädigung angeboten.

All das berichtete Roberto Rios 2012 im Gespräch in einem Tankstellencafé ausserhalb seines Wohnortes. Für die Publikation dieses Textes setzte ich mich erneut in Verbindung mit ihm, wollte wissen, wie es ihm heute geht. Der Kontakt kam schliesslich per Mail zu Stande. Roberto Rios freute sich über die Nachfrage und schreibt, dass es ihm besser gehe als noch vor ein paar Jahren. Er arbeitet nach wie vor im Büro und hilft bei der Produktion eines Radioprogramms, das sich für alternative Formen der Landwirtschaft stark macht. Des weiteren schreibt er:

“Es war sehr schwierig, mir einzugestehen, dass uns die aktuelle Nahrungsmittelproduktion krank macht. Ich vermisse die Felder, also jenen Ort, an dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin, wo ich für‘s Leben gelernt habe, wo ich spielte, teilte und mit Tieren und dem Wald zusammenlebte. Heute kannst du diese Gegend nicht mehr begehen, denn sonst vergiftest du dich. Mir gefällt die Arbeit auf dem Land nach wie vor, aber wir müssen die Erde anders kultivieren. So wie man es früher machte, ohne Herbizide, Fungizide, Insektizide und künstliche Düngemittel. Ich glaube, die Luft auf den Feldern ist genauso schädlich wie die Lebensmittel, die wir heute essen.”

LEGENDEN

(1) Das  Instituto Nacional de Tecnología Agropecuaria, kurz INTA, ist direkt an das argentinische Landwirtschaftsministerium angeschlossen. Es soll unter anderem “die Entwicklung der Forschung in der Landwirtschaft vorantreiben und stärken”.

(2) In Argentinien ist jeder Pestizidkanister mit einer vom Landwirtschaftsministerium definierten Farbe gekennzeichnet, die für die Giftigkeit der Chemikalie steht. Es waren diese Kennzeichnung, die den Agraringenieuren Claudio Lowy 2011 in einen mehrtägigen Hungerstreik vor dem Landwirtschaftsministerium in Buenos Aires treten liessen. Er warnte, dass die enthaltenen Produkte wesentlich giftiger seien, als auf den Etiketten behauptet werde.

(3) Endosulfan ist ein Insektizid der Firma Bayer, dessen Einsatz in Europa sowie in diversen Ländern Afrikas und Asiens seit Jahren verboten ist. Die USA hat die Chemikalie 2010 ebenfalls verboten. Bayer selber hat die Produktion von Endosulfan 2007 eingestellt. Heute wird sie unter anderem von der israelischen Firma Makhteshim produziert. Verkauft wird Endosulfan unter den Namen Thiodan, Phaser oder Benzoepin. In den Monokulturen Lateinamerikas wird sie nach wie vor eingesetzt, auch in Argentinien.

Text: Romano Paganini

Hauptbild: Darf keinen Kontakt mehr mit Pestiziden haben: Der ehemalige Sprüher Roberto Rios musste sich mehrmals operieren lassen. (Marilina Calos)

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