„Wo lassen sich diese Kriminellen verurteilen?“

Morgen wird der internationale Anti-Chevron-Tag begangen. Einer, der sich seit über zwanzig Jahren
mit den Erdöl-Verschmutzungen im ecuadorianischen Regenwald auseinandersetzt, ist Pablo Fajardo.
In einem offenen Brief empört sich der Anwalt über die Straffreiheit von transnationalen Firmen und fragt, warum manche Menschen keinen Zugang zur Justiz haben.  

Im Jahr 2005 übernahm Pablo Fajardo den Fall Texaco/Chevron in Ecuador, und damit einen der grössten Umweltprozesse weltweit. Er handelt von der US-Erdölfirma, die zwischen 1964 und 1993 im nordwestlichen Amazonasgebiet von Ecuador tätig war und für die Verschmutzung zahlreicher Gewässer und Ländereien verantwortlich ist. Anwalt Fajardo und seine MitstreiterInnen verlangen nichts weniger als die ökologische Wiederherstellung des gesamten Gebietes. 

2011 wurde Texaco/Chevron von einem ecuadorianischen Lokalgericht zu einer Entschädigungszahlung von 9,5 Milliarden Dollar verurteilt. Da das Unternehmen allerdings bereits sämtliche Vermögenswerte aus dem Land abgezogen hatte, entschieden sich die Kläger, den Betrag in jenen Staaten einzufordern, wo Chevron Corporation bis heute aktiv ist: Argentinien, Brasilien und Kanada.

Es sollte beim Versuch bleiben.

Das letzte Land, das die Berufung von Fajardo&Co abgelehnt hatte, war Kanada im April dieses Jahres. Begründung: Chevron Canada Limited gehöre nicht zu Chevron Corporation und seine Aktien und Vermögenswerte können nicht von Personen in Anspruch genommen werden, die ein Urteil aus Ecuador vollstrecken wollen.

Einige Tage später setzte sich Pablo Fajardo an seinen Schreibtisch in Quito und versuchte zu verstehen. Er suchte nach Antworten und kam zur Einsicht, dass die Justiz nur für jene gilt, die viel Kapital mitbringen. Der 47-Jährige, der einst Rechtswissenschaften studiert hatte, um seine Leute verteidigen zu können – darunter diverse indigene Völker aus dem Regenwald – äussert in einem Brief seine Empörung.

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Im Rat der Menschenrechte der UNO in Genf: Justino Piaguaje von der comunidad Siekopai (links) und Anwalt Pablo Fajardo, Oktober 2018.                                                                                                                                             BILD: zvg.

 

Zwischen Wut und Hoffnung

Vor über zweiundfünfzig Jahren begann die Firma Texaco (heute Chevron Corporation) im nördlichen Amazonasgebiet von Ecuador mit dem Abbau von Erdöl. Neben Öl gab es hier auch einen üppigen Regenwald sowie eine aussergewöhnliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Doch die Region fiel vor allem durch die diversen indigenen Völker auf, die in absoluter Harmonie mit der Natur lebten. Die Natur ist Teil von ihnen und sie sind Teil der Natur. Sie hatten ein hohes Mass an Wissen über den Regenwald und die Elemente des Lebens entwickelt.

Um es mit den Worten von Humberto Piaguaje auszudrücken, einer der Führer der comunidad Siekopai, war der Regenwald ein eigenes Krankenhaus, eine Apotheke, ein Markt, eine Schule, eine Universität sowie ein Ort der Erholung, kurz: das Leben selbst der indigenen Völker. Sie hatten einen respektvollen Umgang mit ihm entwickelt und niemand fällte einen Baum, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Wenn keine grosse Not bestand, jagte oder fischte niemand mehr Tiere als nötig. Das heisst, die Völker hatten ihre eigene Lebensversicherung, selbst für künftige Generationen – und dies, obwohl sie der Kautschuk-Industrie ausgesetzt und Missionare (1) in den Dschungel eingedrungen waren.

Als Texaco/Chevron seine Tätigkeit aufnahm, begann die Firma sofort Bäume zu fällen, und zwar, ohne jemanden um Erlaubnis zu bitten. Maschinen, die in den Wald vordrangen, machten Lärm und vertrieben die Tiere. Es wurden Millionen Liter Salzwasser in die Flüsse geschüttet, das sogenannte Produktionswasser, und wer weiss, wie viele Liter der schwarzen, öligen Flüssigkeit namens Erdöl. Mitten in den Wäldern wurden Wege und Strassen angelegt, die man zur Festigung mit Erdöl übergoss. An allen möglichen Orten wurden Löcher gebohrt, um aus den Tiefen des Bodens jenes Blut des Waldes herauszupumpen, das man Erdöl nannte. An jeder Ecke wurden Gruben ausgehoben, um giftigen Schlamm und Müll abzulagern. Ausserdem wurden Bohrtürme mit Feuerzungen aufgestellt, unter denen regelrechte Friedhöfe von Insekten, Vögeln und Schmetterlingen entstanden. Der Geist des Dschungels, der den Menschen Leben eingehaucht hatte, wurde von den petrolerosvertrieben. Die Lebensmittel der indigenen Völker wurden vernichtet, die natürlichen Ressourcen missbraucht und Mutter Erde schwer verletzt. (…)

Hauptbild: „Justicia ya“ – „Gerechtigkeit jetzt“: Öl-Pipline zwischen Lago Agrio im ecuadorianischen Regenwald und der Raffinerie-Anlage in Esmeraldas an der Pazifikküste (Silvia Fumagalli)