Essay

Darfs noch ein bisschen mehr sein?

Die Antworten auf die Migrationsfragen
hängen eng mit unserem Konsumverhalten zusammen

Wenige Monate bevor Herr und Frau Schweizer den Rütlischwur feierten und die SchülerInnen des Landes eine Silbermedallie mit der Zahl siebenhundert in die Hand gedrückt bekamen, hübsch verpackt in ein mit blauem Samt ausgestatteten Plastiktruckli, wenige Monate also vor 1991, da trat Indianer-Häuptling Guaicaipuro Cuatémoc vor die europäischen Staats- und Regierungschefs und sprach:

Ich, der Abkömmling jener, die Amerika vor vierzigtausend Jahren besiedelt haben, bin hierher gekommen, um jene zu treffen, die vor fünfhundert Jahren hier eintrafen. Mein Bruder, der europäische Zollbeamte, verlangt ein schriftliches Dokument mit Visum von mir, um die zu entdecken, die mich entdeckt haben. Mein Bruder, der europäische Winkeladvokat, erklärt mir, dass alle Schulden mit Zins zurückgezahlt werden, auch wenn menschliche Wesen und ganze Länder ohne ihre Zustimmung verkauft werden. Allmählich entdecke ich sie. Auch ich kann Zahlungen einfordern, auch ich kann Zinsen verlangen. Allein zwischen den Jahren 1503 und 1660 kamen 185 000 Kilo Gold und 16 Millionen Kilo Silber aus Amerika in Sanlúcar de Barrameda an. Plünderung? Das glaube ich nicht. Denn das würde bedeuten, dass die christlichen Brüder gegen das Siebente Gebot verstoßen hätten. Nein! Diese 185 000 Kilo Gold und 16 Millionen Kilo Silber müssen als das erste von vielen freundschaftlichen Darlehen Amerikas betrachtet werden, die für die Entwicklung Europas bestimmt waren. Ansonsten würde man von Kriegsverbrechen ausgehen, was nicht nur dazu berechtigen würde, die sofortige Rückgabe zu fordern, sondern einen Ausgleich für Schäden und Nachteile.

Während Guaicaipuro Cuatémoc die europäische Kolonialpolitik in ein anderes Licht rückt, bereitet sich der Schweizer Staat auf ein Jahr der Selbstbeweihräucherung vor. Siebenhundert Jahre Rütlischwur wollen gefeiert werden! Der damalige Bundespräsident Flavio Cotti betont in seinen zahlreichen Ansprachen, dass das Land nicht im Alleingang in Europa und der Welt bestehen könne und es den Sonderfall Schweiz nicht mehr gäbe.

Sonderfall Schweiz?

Cottis Realitätslektüre erscheint heute (und vielleicht auch schon damals) wie die Aufführung eines Varietee, wo am Ende alle klatschen und befriedigt nach Hause gehen. Sie ist aber vor allem eins: Ausdruck von Arroganz und fehlender Empathie. Es ist zynisch, überhaupt je von einem Land als Sonderfall geredet zu haben, das sich gerade im 20. Jahrhundert enorm abhängig vom Rest der Welt gemacht hatte. Denn ohne Ausland wäre die Schweiz nicht, was sie ist: einer der wohlhabensten Staaten der Welt. An der Silbermedallie, die die Kinder bei sich Zuhause ausstellen, klebt schliesslich nicht der Schweiss eines Urners oder Luzerners, sondern das Blut eines Peruaners oder Mexikaners.

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Schauen wir uns das mit den Metallen etwas genauer an, immerhin beinhalten die fünf wichtigsten Schweizer Importgüter alle irgendeinen metallischen Rohstoff. Gemäss eidgenössischer Zollverwaltung sind es Edelmetalle sowie Edel- und Schmucksteine, Produkte der chemisch-pharmazeutischen Industrie, Maschinen-Apparate-Elektronik, Fahrzeuge und Metalle an und für sich. Nimmt man diese Importgüter nun auseinander und zeichnet auf einer Weltkarte die Herkunft ihrer Rohstoffe ein, dann landen wir in Kolumbien und Südafrika (Gold), in Mexiko und Peru (Silber), in Chile (Kupfer) und Brasilien (Eisenerz), in Bolivien und Afghanistan (Lithium) und natürlich immer wieder in Kanada, Russland, Australien, China und im Kongo (Nickel, Cobalt, Aluminium und seltene Erden). Wenn wir uns dann noch auf die Spuren jenes Rohstoffes begeben, der für die Produktion und den Transport unserer Importgüter unabdingbar ist, dann gelangen wir nach Libyen und in den Irak, in den Iran und nach Saudi-Arabien, in die Emirate, nach Nigeria, Kasachstan, Venezuela und in die USA. Ohne (Latein)-Amerika, Afrika und Asien wäre die Schweiz mausarm und ihre BewohnerInnen migrierten möglicherweise wie damals im 19. Jahrhundert. Müssten wir angesichts dieser Waren, die immerhin knapp drei Viertel unserer Importprodukte ausmachen, die Grenzen nicht auch für die Menschen öffnen?

Gold, Kupfer, Lithium und Erdöl in den Händen: Junge Männer freuen sich in Sydney über das neuste Iphone.
                                                                                                                                                                                                                            BILD: David Moir (EPA-EFE)

Zu den verschiedenen Freihandelsabkommen, die die Schweiz in den vergangenen Dekaden mit anderen Ländern abgeschlossen hat, bräuchte es parallel Freimigrationsabkommen – und zwar nicht nur für Expats und andere “gutausgebildete Akademiker”. Selbes gilt für Rohstofffirmen. Glencore&Co. betreiben ausserhalb Europas zwar ihre blutigen Geschäfte, profitieren jedoch von den niedrigen Steuern zwischen Genf, Zürich und Zug. Damit sorgt der Schweizer Staat als Drehscheibe von Rohstoffhandel nicht nur für die Zementierung herrschender Rassen- und Klassenunterschiede, sondern legitimiert auch die Ausbeutung in anderen Teilen der Welt – mit all ihren Konsequenzen:  bewaffnete Truppen, die die BewohnerInnen aus ihrem Habitat vertreiben, dahinsiechende Familien, die ihr Land auf Grund des mit Quecksilber- und Zyanit verseuchten Wassers nicht mehr bewirtschaften können, junge Frauen, die keinen anderen Weg sehen, als ihren Körper zu verkaufen. Hinzu kommen die Kriege um Ressourcen, bei denen es künftig immer weniger um Erdöl geht, sondern um seltene Erden und Metalle für unsere Solaranlagen. Sie sollen die Industriestaaten ins Post-Fossile-Zeitalter katapultieren. Im Preis nicht mit inbegriffen sind die oben erwähnten Folgen.

Logisch, dass die betroffenen Menschen da irgendwann ihre Sachen packen und migrieren. In Europa drücken wir ihnen dann dem Stempel Wirtschaftsflüchtling auf, tun so, als ob diese keine Legitimation hätten, sich anderswo niederzulassen und schaffen sie dann mit Flugzeugen aus, die ohne metallische Rohstoffe gar nicht hätten gebaut werden können. Wie war das nochmal mit den europäischen Zollbeamten und Winkeladvokaten?

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Haben die europäischen Brüder die Mittel, die ihnen der International-Indoamerikanische Währungsfonds so großzügig zur Verfügung gestellt hat, rationell, verantwortungsbewußt oder zumindest produktiv verwendet, fragt Guaicaipuro Cuatémoc in seiner Ansprache. Leider müssen wir sagen: nein. In strategischer Hinsicht haben sie sie in den „Schlachten von Lepanto“, in „Unbesiegbaren Armadas“, in “Dritten Reichen“ und anderen Formen gegenseitiger Vernichtung verschwendet. In finanzieller Hinsicht waren sie nach einem Moratorium von fünfhundert Jahren ebenso unfähig, das Kapital und die Zinsen zu tilgen als auch sich von den Gewinnen, den Rohstoffen und der billigen Energie, die ihnen die Dritte Welt liefert, unabhängig zu machen.

Das war vor 27 Jahren so und das ist auch heute noch so. Die rohstoffarme Schweiz zog ihre Grenzen auf einem rohstoffarmen Kontinent, liess die Naturressourcen jahrzehntelang billig importieren und verkaufte sie dann in Form von Bauelementen oder Messgeräten wieder ins Ausland. Die Konsequenzen dieser auf Wachstum und Ausgrenzung getrimmten Politik sind heute sichtbar. Auf jeden Schiffscontainer voll mit Iphones und SUV’s – egal ob diese in der Schweiz abgeladen oder abgeholt werden – kommt ein Stapel Asylanträge. Die Menschen, die ihren Bodenschätzen folgten oder auf Grund von Dürren, Überschwemmungen oder Lawinen ihre Dörfer und Länder verlassen mussten – Stichwort CO2-Ausstoss und Klimawandel –, sind letztlich nur der Spiegel unseres materiellen Wohlstandes. Als Konsumenten bürgen wir also nicht nur für die genannten Güter, sondern auch für die dadurch verursachte Migration. Unser Konsum hängt eng mit jenen Menschen zusammen, die in Chiasso, Genf, Basel oder St.Margrethen auf Einlass hoffen.

Und als ob dies nicht genug der Herausforderung wäre, verlangt nun Indianer-Häuptling Guaicaipuro Cuatémoc auch noch die Rückgabe der im voraus gelieferten Edelmetalle, sowie den Festzins von jährlich zehn Prozent. Auf dieser Grundlage und in Anwendung der europäischen Formel des Zinseszinses informieren wir die Entdecker darüber, dass sie uns als erste Abschlagszahlung ihrer Schulden die Menge von 180 000 Kilo Gold und 16 Millionen Kilo Silber schulden, beide um das 300-fache vervielfältigt. Das heißt, eine Ziffer, für die insgesamt mehr als dreihundert Zahlen nötig wären und die das Gesamtgewicht der Erde deutlich überschreitet. Diese Menge Gold und Silber ist sehr schwer! Was wäre ihr Gewicht in Blut aufgewogen?

Obwohl die Kriegsrhetorik des Häuptlings auf Grund der Geschichte verständlich ist, lassen wir sie heute beiseite und konzentrieren uns auf den pazifistischen Einflussbereich von BewohnerInnen eines Industriestaates im 21. Jahrhundert. Weniger konsumieren wäre ein erster Ansatz, Rohstoffe konsequent reziklieren ein zweiter, selber produzieren ein dritter, kaputte Produkte reparieren statt sie wegzuwerfen ein vierter, teilen statt neu kaufen ein fünfter, beim Bauern statt bei Migros oder Coop vorbeigehen ein sechster und Velo- statt Autofahren ein siebter. Dazu ein bisschen bescheidener werden, sich den Sonderfall Schweiz definitiv aus dem Kopf schlagen und mit den Nachbarn im Quartier (weiterhin) eine gemeinsame Realität aufbauen – egal wo diese geboren wurden oder woran sie glauben. Die Rohstoffe, mit denen wir unseren Alltag gestalten, stammen schliesslich auch nicht aus den Alpen.

Auch wegen der Rohstoffausbeutung in Richtung Norden unterwegs: Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze, 2015.                                                                                                                                                          BILD: Dalton Bennett/AP

Als Orientierung könnte ausgerechnet jenes Dokument dienen, das im Jubiläumsjahr 1991 vielfach zitiert wurde: der Bundesbrief von 1291.  Dort heisst es unter anderem: Alle Leute der Talschaft Uri, die Gesamtheit des Tales Schwyz und die Gemeinde der Leute der unteren Talschaft von Unterwalden haben im Hinblick auf die Arglist der Zeit zu ihrem besseren Schutz und zu ihrer Erhaltung einander Beistand, Rat und Förderung mit Leib und Gut innerhalb ihrer Täler und ausserhalb nach ihrem ganzen Vermögen zugesagt gegen alle und jeden, die ihnen oder jemand aus ihnen Gewalt oder Unrecht an Leib oder Gut antun.

Die Talschaften in Uri, Schwyz und Unterwalden funktionieren heute dank den Talschaften in Afghanistan, dem Ostkongo und Bolivien. Die Kommunikation und der Transport zwischen den drei Urkantonen ist heute wesentlich einfacher dank den Importwaren aus Übersee. Und angesichts der Arglist der Zeit – Klimawandel, Wirtschaftskrise, Terror, Kriege – klingt einander beistehen irgendwie konstruktiver als Grenzen ziehen. Gemeint sind sowohl die physischen als auch die kulturellen Grenzen. Die Gebliebenen brauchen Verständnis für die Ankommenden und umgekehrt. Offene Grenzen erfordert offene Herzen, egal ob EidgenossInnen, EritreerInnen oder IrakerIn.

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Die Pessimisten der Alten Welt sagen, ihre Zivilisation sei derart bankrott, dass es ihnen unmöglich ist, ihren finanziellen oder moralischen Verpflichtungen nachzukommen, schliesst Guaicaipuro Cuatémoc seine Rede, die vom venezolanischen Schriftsteller Luis García Britto geschrieben und 1990 in der Zeitung La Nación (Caracas) erstmals gedruckt wurde. In diesem Falle würden wir uns damit zufriedengeben, dass sie uns als Entschädigung die Kugel zurückerstatten, mit der sie den Dichter erschossen haben. Aber das werden sie nicht können. Denn diese Kugel ist das Herz Europas.

Guaicaipuro Cuatémoc lebte zwar bereits im 16. Jahrhundert und das mit dem Herzen Europas ist freilich übertrieben. Eine weitere Isolation, wie sie sich verängstigte BürgerInnen des “alten Kontinenten” wünschen, käme allerdings einer weiteren Varieteevorstellung gleich. Wir können die Augen nicht davor verschliessen, dass sich unser Alltag durch die Rohstoffausbeutung in den vergangenen Dekaden rasant verändert hat. Die Digitalisierung, die es ohne Metalle nicht gäbe, hat die Ländergrenzen flüssig werden lassen. Die Idee des Nationalstaates verschwimmt, die vermeintlichen Klarheiten lösen sich in Luft auf und damit auch die Selbstwahrnehmung der eigenen Identität. Das sorgt für Ungewissheit und lässt die verunsicherten Nationalisten weltweit Mauern und Zäune bauen.

Doch solange wir Iphones und SUV’s nutzen, solange wir in Zügen und Flugzeugen reisen und Bananen und Mangos zum Frühstück essen, solange wir also jenen Alltag leben, den wir leben, solange sollen auch die Menschen frei zirkulieren können. Das mag zwischenzeitlich für ein Chaos sorgen, stärkt unter dem Strich aber die Menschenrechte. Oder steht der Freihandel von Waren etwa über dem Recht der freien Migration?

Wer an dieser neuen Realität nicht mitwirken möchte, dem steht es selbstverständlich offen, den umgekehrten Weg zu gehen und endlich das zu werden, was Frau und Mann fast überall auf dem Planeten ist: Ausländerin oder Ausländer. Dank der metallischen Rohstoffe kann problemlos in die entgegengesetzte Richtung geflüchtet werden. Und wer weiss, vielleicht stossen die Neo-Migranten aus den Alpen dann auf Menschen wie Guaicaipuro Cuatémoc. Denn diese gibt es wirklich und lernen liesse sich von ihnen so einiges. Nicht nur was Grosszügigkeit betrifft.

Dieser Essay entstand im Rahmen des Schreibwettbewerbs „Wir sind ein Einwanderungsland – schmeckt Ihnen das?“, organisiert von der Zeitung „Der Bund“. Der Text fand den Weg unter die besten zwanzig Geschichten und wird im November 2018 in Buchform beim Verlag Zytglogge erscheinen. Die aktuelle Version ist leicht überarbeitet.

Autor: Romano Paganini

Mitarbeit: Sieglinde Oehrlein

Hauptbild: Apple oder Apfel? Die Zeichnung stammt vom polnischen Künstler Pawel Kuczynski.