Den Behörden ist das Nein zu den Pestiziden egal

Die Volksabstimmung für das Verbot von Pestiziden hatte einer kleinen Gemeinde in Südtirol
vor fünf Jahren große Aufmerksamkeit gebracht. Der Funke hat zwar gezündet, pestizidfrei
ist die Gemeinde Mals aber noch immer nicht. Eine Zwischenbilanz aus einem Ort, an dem
die BürgerInnen nach wie vor dafür kämpfen, dass ihr Wille umgesetzt wird.
    

Mals, Italien. – Den Hügel bis zur St. Veithkirche steigt er schnell hinauf, seine 68 Jahre merkt man Gerhard Tarmann nicht an. In Sachen Schmetterlingsforschung hat er die ganze Welt bereist, doch im Vinschgau kennt er sich besonders gut aus. Seit fast einem halben Jahrhundert forscht er an den Hängen der Berge und in den Tälern der nördlichsten Provinz Italiens, schaut sich um und zählt, beobachtet und kartiert, wo seine Lieblingsspezies, die Widderchen (Zygaenide), tagaktive Nachtfalter und zur Familie der Giftschmetterlinge gehörend, herumflattert. Zwischen 2014 – dem Jahr der Volksabstimmung gegen Pestizide – und 2018 prüfte der Zoologe, wie es mit diesen fliegenden Messgeräten in der Gemeinde Mals aussieht; denn auf Luftverschmutzungen reagieren Widderchen hochempfindlich. Und Pestizide sind Teil dieser Kontamination. Die Ergebnisse dieser vier Jahre Beobachtungen rund um die zarten Widderchen fügte Tarmann mit jenen seit 1972 zu einer europaweit einzigartigen Langzeitstudie zusammen.

Wichtiges Fazit für die Gemeinde Mals: Selbst die ansonsten in weiten Teilen Mitteleuropas stark zurückgegangen Arten sind hier noch immer zu finden. Mit insgesamt 16 verschiedenen Arten, sagt Gerhard Tarmann, „gehört die Gemeinde zu einem der bedeutensten Schmetterlingszentren des Alpenraumes“. Also ist alles in Ordnung? Mitnichten.

Eigentlich das perfekte Habitat für Widderchen

Hier, am Tartscher Bichl, wo der alte Brauch des Scheibenschlagens stattfindet, ein Ritual, das dem Winter mit brennenenden Scheiben der Garaus machen soll, indem der Wunsch nach heißer Liebe per gesprochenem Reim auf glühenden Scheiben durch die Luft fliegt, hier am Bichl, dessen Bauch von Mussolinis Truppen für ein geplantes Waffen- und Soldatendepot ausgehöhlt wurde und wo bereits 400 vor Christus eine stattliche rätische Siedlung stand, erklärt Gerhard Tarmann, was Sache ist: Eigentlich sei der Hügel ein perfektes Habitat für Widderchen, denn früher habe er sie hier gefunden; weniger sensible Schmetterlingsarten gäbe es in der Gegend bis heute.
Für ihn ist der Widderchenschwund ein Zeichen, dass der Malser Hotspot bereits kränkelt. An den unteren Hängen der Tartscher Leiten, kaum einen Kilometer nördlich des Bichls und am Fuße des Malser Hausbergers gelegen, trifft er auf das gleiche Phänomen: Der Lebensraum an sich wäre perfekt, doch die Falter finden sich erst etliche Höhenmeter weiter oben an den Oberen Tartscher Leiten. Monokulturen und mehr Pestizide in der Luft seien Mitverursacher dieses Widderchenschwundes, sagt Tarmann. (…)

Hauptbild: Die Grande Dame des Saatguts und der Bürgermeister von Mals: Vandana Shiva und Ulrich Veith, hier nach einer Pressekonferenz in der römischen Abgeordnetenkammer im April diesen Jahres. Wenige Tage später war Shiva für einen Vortrag in Mals zu Gast (unbekannt).