Ein Buch, das die digitale Ära hoffentlich überlebt

Vor einem halben Jahr ist das erste Buch von Romano Paganini auf Spanisch erschienen. Nun veröffentlichen wir in den kommenden Wochen erste Auszüge auf Deutsch. „Hände der Transition – Geschichten, die uns stärken“ umfasst zwölf journalistische Texte aus fünf Ländern und hat in erster Linie ein Ziel: die Leserinnen und Leser zu motivieren, ihren persönlichen Weg zu gehen. Erhobenen Hauptes und mit dem Herz in den Händen. 

Das Buch, das derzeit in Ecuadors Hauptstadt im Eigenverlag gedruckt, genäht und geklebt wird („Manos de la Transición – Relatos para empoderarnos“, Quito, Dezember 2017) soll bis Ende 2018 komplett auf Deutsch übersetzt werden. Noch ist der Autor auf Verlagssuche. Vorschläge werden gerne entgegengenommen: redaktion@mutantia.ch

Der Anfang der Buchauszüge macht heute der Prolog – eine Zusammenfassung dessen, wie das Buch überhaupt zu Stande gekommen ist. Ein Buch, das so eigentlich gar nicht geplant war. 

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Prolog

Manchmal muss man ganz unten sein, um wieder auf die Beine zu kommen: mit seinem Körper, seinen Emotionen, seiner Seele, seinem Sein. Ich persönlich lag im April 2012 am Boden, nachdem ich von einer Recherche über die argentinischen Soja-Monokulturen zurückgekommen war. Vier Tage lang hatte ich die Gegend zwischen Rosario (Provinz Santa Fe) und Selva (Santiago del Estero) bereist und dort Ärzte, Chemiker, Agraringenieure, Nachbarn von Pestizid-versprühten Äckern und Pestizid-Sprüher interviewt. Ich wollte spüren, sehen, riechen und hören, worüber so viel berichtet und was seit Jahrzehnten kritisiert wird: die Agrarindustrie. Die Realität übertraf meine Vorstellungskraft bei weitem. Ich wusste zwar, dass die Agrarindustrie ein dunkles Kapitel in der Menschheitsgeschichte ist. Doch ich war mir nicht bewusst, dass es sich um das handeln könnte, was mir betroffene Nachbarn als stillen Genozid schilderten.

Ich erinnere mich gut an Viviana Peralta und ihre Familie, die ausserhalb von San Jorge lebt, einer kleinen Stadt inmitten der Monokulturen von Santa Fe. Wenn ihr Nachbar Pestizide sprühte, nur zehn Meter von ihrem Haus entfernt, musste sie Türen und Fenster schliessen. Ansonsten konnte sie nicht atmen. „Die Chemikalien gelangten trotzdem ins Haus“, erinnerte sich Viviana. „Meine Zunge wurde schwer, ich konnte nicht mehr sprechen und musste warten, bis dieses Unwohlsein wieder wegging.“

Ihre jüngste Tochter Ayelen, damals zwei Jahre alt, hatte nicht die selben Kräfte. Es gab Nächte, da schlief das Mädchen auf der Brust der Mutter, damit Viviana sicher gehen konnte, dass sie noch atmete. Doch statt von der Gemeinde Unterstützung zu erhalten, wurde das Gerücht verbreitet, Viviana leide an einer Psychose. Sowohl der Gemeindepräsident als auch der sprühende Nachbar offerierten ihrer Familie Medikamente, Hotelaufenthalte, ein neues Auto und sogar ein Haus in der Stadt. „Aber wir wollen hier bleiben“, antwortete Viviana. „Wir haben dieses Haus hier gebaut, bezahlen Steuern und haben das Recht darauf, würdevoll zu leben – egal, ob wir viel oder wenig haben.“

Fassen wir kurz zusammen: Die Pflanzenschutzmittel eines Lebensmittelproduzenten sorgen dafür, dass die Tochter der Nachbarin beinahe stirbt, der Gemeindepräsident als politischer Vertreter leistet dabei Schützenhilfe. So weit, so korrupt. Die Frage, die sich uns als Konsumenten stellt und die inzwischen vielerorts diskutiert wird: Was genau ist eigentlich in unserem Essen? Welche Stoffe befinden sich beispielsweise im Rapsöl, in der Soja-Sauce, im Gemüse, den Früchten oder in unserem Brot? Die vier Tage in den argentinischen Monokulturen haben mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Was mache ich hier eigentlich?, fragte ich mich. Ist es wirklich nötig, dass ich in Anbetracht der vielen Negativ-Schlagzeilen auf der Welt so etwas Perverses kommuniziere?

Natürlich wurde mir relativ schnell klar: Solange Lebensmittel für die menschliche Existenz unabdingbar sind, muss uns interessieren, wie diese hergestellt und verteilt werden. Wir müssen wissen, was in der Landwirtschaft passiert, denn nur so ist es uns möglich zu verstehen, was sich in unseren Körpern abspielt und inwiefern sich unsere Ernährung auf unser Denken und Handeln auswirkt. Auch müssen wir als Bürgerinnen und Bürger die Interessen der transnationalen Firmen und deren politischen Vertretern kennen, allen voran die der Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie. Das hilft, um zu verstehen, warum sie gegen das Sammeln, Konservieren und Bewahren von Bio-Saatgut ist. Denn wenn wir Bürgerinnen und Bürger wieder lernen, uns unabhängig von der Industrie zu ernähren und zu kurieren, verliert diese an Einfluss und Macht. In diesem Zusammenhang seien die Kleinbauern und ihre Familien erwähnt, die Landarbeiter, Gemüsepflücker und Helfershelfer. Sie alle tragen dazu bei, dass wir in den Städten drei Mal am Tag essen können.

Deshalb – und entgegen dem, was ich in diesem Buch eigentlich kommunizieren möchte – habe ich mich entschieden, das Interview mit dem ehemaligen Pestizid-Sprüher Roberto von 2012, inklusive der Hintergründe zur Geschichte der Pestizide, an den Anfang dieses Buches zu stellen. (…)

Hauptbild: Das Buch und sein Autor: „Hände der Transition“ soll bis Ende 2018 ins Deutsche übersetzt werden. (Marizu Robledo)

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