Kirche treibt Aufklärung ab

Wer in Argentinien abtreibt, muss weiterhin mit Geldstrafen oder Gefängnis rechnen. Die Debatte der vergangenen Wochen zeigte aber vor allem eins: Der Einfluss der Kirche ist nach wie vor enorm.

Die Unterstützung für das neue Gesetze zum freiwilligen Schwangerschaftsabbruch in Argentinien war gross, doch eine Aktion stach besonders hervor: jene der zwei dutzend Kurdinnen in Militärkluft. „Wir kämpfen nicht nur gegen den Islamischen Staat, sondern auch für den Aufbau einer neuen Gesellschaft, in der die Frauen frei sind“, sagt die Sprecherin der Gruppe in einer Videobotschaft, die irgendwo im Nahen Osten aufgenommen wurde. Dazu hält sie Plakate mit dem grünen Kopftuch in die Kamera – das Symbol der Abtreibungsbefürworterinnen am anderen Ende der Welt.

Es war der vergangene Mittwoch, als sich weltweit hunderte von Menschen vor argentinischen Botschaften versammelt hatten, um jenem Gesetz Kraft zu verleihen, das von den Senatoren in Buenos Aires diskutiert wurde: die Entkriminalisierung der Abtreibung. In Argentinien darf nur abgetrieben werden, wenn die Gesundheit der Frau in Gefahr ist oder die Schwangerschaft durch den Missbrauch einer Frau mit Behinderung zustande kam. Alle anderen Frauen, und das sind ziemlich viele, müssen mit Geldstrafen oder Gefängnis rechnen. Experten gehen davon aus, dass es in Argentinien jährlich zu 350.000-500.000 Schwangerschaftsabbrüchen kommt.

Und das wird vorläufig auch so bleiben. Zwar hatte das Unterhaus dem Gesetzesentwurf im Juni knapp zugestimmt, doch die Senatsabgeordneten stimmten vergangene Woche dagegen. Der Vorstoss wurde seit 2007 bereits sieben Mal abgelehnt.

Gemüsestiele, Zangen, Kleiderbügel

Damit bleiben Kuba und Uruguay die beiden einzigen Länder in Lateinamerika, in denen die Schwangerschaft legal abgebrochen werden darf. In Argentinien wird weiterhin versteckt abgetrieben, genauso wie anderswo auf dem Kontinenten. Oft geschieht dies ohne professionelle Hilfe und unter widrigsten Bedingungen. „Abtreibungen mit Gemüsestielen, Zangen oder Kleiderbügeln sind keine Geschichten aus der Vergangenheit“, liess sich Geburtshelfer Mario Sebastiani unlängst in den argentinischen Medien zitieren. Man müsse lediglich in die Vorstädte oder in den Norden Argentiniens fahren – also in die ärmeren Regionen des Landes.

Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch bleibt damit der Oberschicht des Landes vorenthalten. Die Mehrheit der Schwangeren hingegen muss selber schauen, wie sie lebend und straffrei davonkommt. Verlässliche Zahlen gibt es zwar nicht und die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher sein, aber Sabastiani geht davon aus, dass jährlich hundert Frauen an den Folgen einer Abtreibung sterben. (…)

Hauptbild: „Die Reichen treiben ab, die Armen sterben“ – Schwangerschaftsabbrüche sind in Argentinien eine Klassenfrage: Demonstrantin in Buenos Aires. (lmdiario.com.ar) 

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