Mutter Erde und Vater Sonne auf dem Höhepunkt

In Ecuador wird die Sommersonnenwende ausführlich gefeiert – weniger in den Städten, dafür umso mehr auf dem Land. Ausgelassenheit und Blutvergiessen schliessen sich dabei nicht aus.

Als sich der Fussballspieler Xherdan Shakiri vor zehn Tagen sein T-Shirt vom Leib riss und seine Muskeln spielen liess, befand sich die Sonne bereits auf dem Weg Richtung Winter. Gerademal 24 Stunden waren vergangen, nachdem sie den höchsten Punkt am Himmel erreicht und damit auf der Nordhalbkugel den längsten Tag des Jahres markiert hatte. Seither nimmt das Tageslicht wieder ab. Ein Naturphänomen, das in Europa vor noch nicht all zu langer Zeit gebührend zelebriert wurde.

Nicht so im 21. Jahrhundert.

Zwar werden vielerorts nach wie vor Feuer zur Sommersonnenwende entfacht und man trifft sich zum Schlemmen, Trinken und Tanzen; gerade in nördlichen Gegenden wie Skandinavien oder Grossbritannien, wo es viele Monate im Jahr lange dunkel ist. Und natürlich versammeln sich im südenglischen Stonehenge wie jedes Jahr tausende Menschen, um bei den Skulpturen aus der Jungsteinzeit dem längsten Tag des Jahres zu huldigen. Doch im Mittelpunkt der europäischen Zelebrationen steht in diesen Wochen etwas ganz anderes: Siege von einer Nation über die Andere. Und zwar derart ekstatisch – siehe Shakiri –, dass der kriegerische Aspekt von Sportveranstaltungen wieder einmal fassbar wird. Ob die Sommersonnenwende damals, als sich römische Gladiatoren gegenseitig zerfetzten oder von Raubtieren gefressen wurden, ebenfalls zur Randnotiz verkam?

Neujahr am 21. Juni
In den Dörfern und kleineren Städten Ecuadors ist es nach wie vor umgekehrt. Natürlich wird auch hier die Fussballweltmeisterschaft in Russland verfolgt, doch zelebriert wird wie in Stonehenge der neue Zyklus der Sonne. Kriegerisches spielt allerdings auch hier eine Rolle.

Der 21. Juni ist für viele indigene Völker des Landes, was der 1. Januar im Westen, ein Tag im Februar bei den Chinesen und der Nouruz am 21. März bei den Persern: der Beginn des neuen Jahres. An den Tagen rund um Inti Raimy(Sonnenfest) werden Ernten eingefahren, Kräuter und Blumen gepflückt und Opfergaben erbracht. Im Zentrum steht die Beziehung zu Vater Sonne (Inti)und dem Universum sowie die Rituale gegenüber Mutter Erde (Pachamama). Für die Indigenen sind die beiden Planeten die eigentlichen Spielmacher. Immerhin gäbe es ohne Sonne und Erde kein menschliches Leben, ergo auch keine Fussballspiele. (…)

Hauptbild: In der Kirche das Johannesfest, draussen Inti Raimy: Auf dem Plaza San Francisco in Quito werden zur Sommersonnenwende Opfergaben erbracht. (mutantia.ch)

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