„Wer sich dazu äussert, äussert sich zur Mafia“

Mónica Mancero befand sich über ein Jahr in verschiedenen ecuadorianischen „Entzugskliniken“. Nun hat die Schauspielerin einen Film gedreht und klagt an. Hinter den dubiosen Einrichtungen deckten sich Regierung, Polizei, Psychologen, Psychiater und Ärzte gegenseitig.  

 

5. August, 2019, Quito, Ecuador. – Es dauerte lange, bis der erste Film von Mónica Mancero im Kasten war: vom ersten Entwurf bis zur fertigen Verfilmung waren es über elf Jahre. Das lag einerseits daran, dass die 38-Jährige eigentlich Schauspielerin ist und nicht Regiesseurin. Andererseits schrieb und filmte sie das Stück ohne finanzielle Hilfe. „Nicht einmal die Crew und die Schauspieler konnte ich bisher entlöhnen“, sagt Mancero im Gespräch. Die hätten sich aus Überzeugung kostenlos an „AzulesTurquesas“ („Blau-Türkis“) beteiligt. Gemeint sind die knapp vierzig TonerInnen, Kamerafrauen- und Männer, SchnitttechnikerInnen, Masken- und KostümbildnerInnen sowie die über fünfzig SchauspielerInnen, die ebenfalls auf ein Honorar verzichteten.

Erschwerend kam hinzu, dass Mónica Mancero nicht nur schrieb und filmte, sondern auch die Hauptrolle übernahm: jene einer 28-jährigen Frau, die auf Grund von Alkohol- und anderen Drogenexzessen irgendwann den Faden verlor und von ihrer Familie in eine Entzugsklinik eingeliefert wurde – in einer derjenigen Entzugskliniken, die oftmals von ehemaligen Drogenabhängigen eröffnet und unter dubiosen Bedingungen betrieben werden. Die angewandten „Rehabilitationsmethoden“ entbehren oft jeglicher wissenschaftlicher Grundlage und sind wegen ihrer Brutalität schon mehrfach gerügt worden, selbst international. Auch mutantia.ch berichtete letztes Jahr darüber.

 

Spiegelbild der ecuadorianischen Gesellschaft

Mónica Mancero, die Mitte der Nullerjahre selber in mehreren solcher Kliniken „behandelt“ wurde, machte sich nach ihrem Austritt auf die Suche nach Antworten – und stiess auf Strukturen, die weniger mit einem Gesundheitssystem als mit mafiösen Verflechtungen zu tun haben. „Da ist jeder irgendwie Komplize“, sagt Mancero. 

Nun kommt „AzulesTurquesas“ Ende September in die ecuadorianischen Kinos. Der Film spiegelt nicht nur die äusserst brutalen Methoden in den „Kliniken“ wieder, sondern wirft auch ein Licht auf die ecuadorianische Gesellschaft: eine Gesellschaft, durchdrungen von den Glaubenssätzen der katholischen Kirche, deren Menschen stets darauf bedacht sind, nichts Falsches zu sagen – oder im Notfall lieber zu schweigen.

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Über die Verzweiflung der Familie
und die Folterungen in den Kliniken

 

Mónica Mancero, Ihr Stück heisst „AzulesTurquesas“. Warum zwei Farben als Titel eines Films?

Als ich nach all den schmerzhaften Erfahrungen die Kliniken verlassen hatte, schenkte mir meine Schwester ein Lied: AzulesTurquesas des argentinischen Musikers Alejandro Estimuño. Sowohl sie als auch ich hatten das Gefühl, dass der Text Momente widerspiegelt, die wir in dieser Zeit erlebt hatten.

 

Inwiefern?

Es gibt einen Teil, in dem es heisst: Ich wüsste nicht, wie ich erklären sollte, dass lieben so aussieht. Das ist sehr symbolisch, denn es war meine Schwester, die mich in die Klinik eingeliefert hatte. 

 

Warum?

Aus Verzweiflung. Sie und der Rest meiner Familie wussten nicht mehr, was sie mit mir machen sollten. Sie sahen, dass es mir schlecht ging, wollten etwas unternehmen und dann hat man ihnen eine dieser Kliniken empfohlen. Zu dieser Zeit konsumierte ich alle möglichen Drogen. Aber das Problem war nicht der Konsum an und für sich, sondern die Tatsache, dass ich die Kontrolle verloren hatte. Ich rutschte in eine starke klinische Depression und hinterher spürte ich plötzlich eine riesige Euphorie. Und in dieser Euphorie, nun, da habe ich alles ausprobiert. Meine Familie war verzweifelt, weil sie mich ausser Kontrolle sah. 

 

Insgesamt waren Sie über ein Jahr lang in verschiedenen Kliniken. Gibt es da prägende Episoden?

Klar, davon gibt es viele – und dazu zählen auch die Geschichten der Menschen, die ich dort kennenlernte. Dass in den Kliniken versucht wird, Menschen zu „enthomosexualisieren“, ist eines der lächerlichsten Dinge, die ich je in meinem Leben erlebt habe. Dazu werden Methoden angewendet, die einer Vergewaltigung sehr ähnlich sind. Auch andere Formen von Folter kommen zum Einsatz. Eine Strafmassnahme ist zum Beispiel, die Patienten über Nacht ans Bett zu fesseln. 

 

Es heisst, dass in diesen Kliniken ausgebildete PsychiaterInnen und PsychologInnen tätig sind.

In einzelnen Fällen mag dies zutreffen, aber meistens nicht. Ihre Methoden basieren auf körperlicher und emotionaler Gewalt und die zuständigen Personen haben nichts unternommen, als ich sie darauf hingewiesen habe. In diesen Rehabilitationszentren, wie sie sie nennen, leben sogar Minderjährige. Als ich dort war, gab es einen 13-jährigen Jungen. Hinzu kommen lesbische Frauen und schwule Männer, die nur wegen ihrer sexuellen Orientierung dort sind. Sie werden von ihren Familien und gegen ihren Willen eingeliefert. Das ist verboten. Gemäss Verfassungsartikel 364 können sie dich, selbst wenn du auf Drogen bist, nicht einfach wegsperren. (…)