Covid-19 und Pestizide: ein hochgefährlicher Cocktail

Eine Covid-19-Infektion kann für Menschen mit geschwächtem Immunsystem schwerwiegende Folgen haben. Wie beim 31-jährigen Plantagenarbeiter Lenin Merino aus Ecuador,
der jahrelang Pestiziden ausgesetzt war. Im Juli diesen Jahres ist er dem Virus erlegen.

5. Oktober 2020, Machala/Quito. – Die Beerdigung von Lenin Merino hatte etwas Groteskes – insbesondere wenn man weiss, dass er seit seiner Kindheit mit hochgefährlichen Pestiziden arbeitete. Denn statt dass ihm die Familie in Ruhe das letzte Geleit erweisen konnte, wurden sie und Lenins Sarg am Tag der Abdankung von maskierten Friedhofsmitarbeitern im Ganzkörper-Overall und motorisierten Kanistern am Rücken mit einer rosaroten Flüssigkeit besprüht. So berichtet es Juan Céspedes, Lenins Arbeitgeber. Der Motorenlärm habe das Schluchzen der Angehörigen übertönt, und das Chemikalien-Gemisch, das angeblich dazu dienen sollte, die Übertragung des Virus’ zu verhindern, habe sich wie eine Decke auf Haare, Kleider und Haut der Trauergemeinde gelegt.

Die Szene ereignete sich Mitte Juli auf einem Friedhof in Santa Rosa, einem Küstenort in der Nähe von Machala im Süden von Ecuador – also jener Gegend, die weltweit mit am stärksten von der Pandemie betroffen war. Eine Aufbahrung der Verstorbenen findet im Andenstaat seit Monaten nicht mehr statt. Und so wurde auch Lenin Merino nur wenige Stunden nach seinem Tod begraben. Vier Jahre lang hatte er als Vorarbeiter bei Juan Céspedes gearbeitet.

Lenins Entscheid, dort sein Geld zu verdienen, war gesundheitlich bedingt. Denn auf der Finca «El Cisne», ausserhalb Machalas, der selbsternannten «Welthauptstadt der Bananen», werden Biobananen für den Export nach Europa angepflanzt, sprich: ohne synthetische Pestizide. Das war wichtig für Lenin. Schliesslich war er, über dessen Tod wir kurz in unserer Reportage Mitte Juli geschrieben hatten, als Zwanzigjähriger schwer erkrankt.

 

Einfache Grippe reicht für den Tod

Sein Doktor warnte ihn damals davor, je wieder in Kontakt mit Agrarchemikalien zu kommen. Lenin Merino, der zusammen mit drei Brüdern und einer Schwester in bescheidenen Verhältnissen in Santa Rosa aufgewachsen war, galt als schweigsam, aber äusserst gewissenhaft. «Er war so etwas wie Mutter und Vater in einer Person», beschreibt ihn seine eigene Mutter, die Lenin und dessen Geschwister alleine grossgezogen hat. Schon früh mussten die Kinder selber Geld verdienen.

Lenin arbeitete zunächst in einer Bäckerei, wechselte dann aber bald in die Bananenindustrie. Mit zwölf Jahren führten ihn seine Brüder ins Handwerk der «Enfundadores» ein, eine der härtesten Aufgaben in den Plantagen. Immer und immer wieder müssen diese die Leiter hinauf- und hinuntersteigen, um die Bananenbüschel von den Stauden zu holen und in Plastiksäcke zu packen – Säcke, die mit hochgefährlichen Insektiziden und Fungiziden imprägniert sind. Meistens findet diese Arbeit ohne oder nur mit geringer Schutzausrüstung statt.

Krampfen zu einem Hungerlohn und ohne wirklichen Schutz, weder vor Pestiziden noch vor Covid-19: ArbeiterInnen einer Bananen-Plantage ausserhalb Machalas, im Süden Ecuadors, Januar 2020. – BILD: Ramiro Aguilar Villamarin 

Lenin krampfte jahrelang von Montag bis Samstag, bis er sich mit zwanzig Jahren kaum noch auf den Beinen halten kann. Innert kürzester Zeit verliert er Appetit und Gewicht und leidet nächtelang an hohem Fieber. «Zunächst vermutete man, dass ich an Dengue erkrankt war», sagte Lenin während unseres Interviews. «Mein Blut war vergiftet und ich hatte nur noch 45% der weissen Blutkörperchen. Der Arzt sagte mir damals nach der Untersuchung, dass ich eine einfache Grippe allenfalls nicht überleben würde.» Er verschrieb Lenin eine Vitamin-Kur in Kombination mit Medikamenten. Und da er fortan keinen Kontakt mehr mit Pestiziden haben durfte, verdingte sich Lenin in den folgenden Jahren beim Muschelnsammeln an der Küste – bis er doch wieder auf die Bananenplantagen zurückkehrte.

 

Durch Pandemie verstärktes Prekariat

Die Arbeitsbedingungen auf Ecuadors Monokulturen sind äusserst hart und tragen Züge moderner Sklaverei. Wenige, dafür umso mächtigere Firmen, darunter auch der Schweizer Händler Chiquita mit Sitz im waadtländischen Etoy, kontrollieren den globalen Handel mit der Tropenfrucht und haben massgeblichen Einfluss auf die Produktionsbedingungen. Wie wir in unserer Reportage aufgezeigt haben, schieben sie ihre Verantwortung für Menschen- und Arbeitsrechte jedoch oft auf die Produzenten ab. Diese wiederum – insbesondere die kleinen und mittelgrossen – kämpfen derzeit ums Überleben. Der vom ecuadorianischen Landwirtschaftsministerium etablierte Mindestverkaufspreis pro Bananenschachtel von 6.40 Dollar hat sich in den Wochen der Pandemie mehr als halbiert. Das führt dazu, dass landesweit hunderte Plantagenarbeiter und -arbeiterinnen ihren Job verloren haben oder auf ihr Gehalt warten.

 

«Da die Atemwege von Plantagenarbeitern im konventionellen Bananenbau aufgrund des Pestizideinsatzes bereits vorbelastet sein und subtile Entzündungen aufweisen können, ist davon auszugehen, dass ihr Risiko, an Covid-19 zu erkranken, grösser ist als bei Menschen, die keinen Kontakt mit Pestiziden hatten.»

Hans-Peter Hutter,
Umweltmediziner

 

Die Bananen-Gewerkschaft Astac hatte bereits Mitte März in einem Schreiben an die Regierung darauf hingewiesen: Für den Transport zu ihren Arbeitsplätzen sässen sie eng nebeneinander und das Risiko, sich mit Covid-19 anzustecken, werde dadurch unweigerlich erhöht. Ausserdem bestätigt Astac-Präsident Jorge Acosta auf Anfrage, dass die Arbeitenden für Schutzmaterial wie Masken oder Handschuhe selber aufkommen müssen.

Die Gewerkschaft zitiert in ihrem Schreiben auch Professor Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner an der Medizinischen Universität Wien, der mit seinem Team 2015 Plantagenarbeiter in Ecuadors Süden untersucht hatte. «Nebst anderen Organen können insbesondere die Lungen akut und chronisch beeinträchtigt werden», sagt der Arzt und Ökologe via Skype. Generell können auch Leber und Nieren, die für die Entgiftung toxischer Stoffe zuständig sind, durch den Einsatz von Agrarchemikalien in Mitleidenschaft gezogen werden.

Aus Sicherheitsgründen wurde die Geschichte Lenin Merinos zunächst anonym gehalten: Die Hände des Bananenarbeiters nach dem Interview im Januar 2020. – BILD: Ramiro Aguilar Villamarin 

Hans-Peter Hutter, der seit Jahrzehnten zu Umweltschadstoffen forscht, sagt, Pestizide könnten je nach Komposition der Chemikalien und individueller Veranlagung der Person Nerven- und Herzkreislaufsystem, die Atemorgane, aber auch die Immunabwehr oder den Hormonhaushalt beeinträchtigen. «Da die Atemwege von Plantagenarbeitern im konventionellen Bananenbau aufgrund des Pestizideinsatzes bereits vorbelastet sein und subtile Entzündungen aufweisen können, ist davon auszugehen, dass ihr Risiko, an Covid-19 zu erkranken, grösser ist als bei Menschen, die keinen Kontakt mit Pestiziden hatten.» Erhöht sei auch das Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf, bis hin zu Spitalbehandlung oder gar vorzeitigem Tod.

 

19 Jahre für unseren Bananenhunger

Lenin Merino litt Ende Mai wie elf Jahre zuvor plötzlich an sehr hohem Fieber. Gemäss Juan Céspedes, dem Arbeitgeber, der Lenin auf seinem Grundstück wohnen liess, habe er kaum noch gegessen und sich immer wieder übergeben müssen. Zwei Wochen darauf fuhr Lenin nach Santa Rosa. Doch auch seine Mutter konnte nicht helfen. Schliesslich wurde er mit Verdacht auf Dengue ins Spital eingeliefert. Dort, so berichtet seine Mutter, stellten die Ärzte nach einem Bluttest fest, dass Lenin zudem auch HIV-positiv war. Kurze Zeit später infizierte er sich im Spital mit Covid-19. «Aufgrund seiner Vorgeschichte gehörte der Mann klar zur Hochrisikogruppe», analysiert Facharzt Hans-Peter Hutter.

Die Ärzte in Santa Rosa wollten Lenin zunächst nach Guayaquil oder Cuenca verlegen, den beiden nächst grösseren Städten. Der langjährige Plantagenarbeiter sollte von Spezialisten behandelt werden, erinnert sich die Mutter. «Doch Lenin wollte nicht. Er bevorzugte es, bei seiner Familie zu bleiben.»

Am 11. Juli stirbt der 31-Jährige – 19 Jahre, nachdem er seine Kindheit dafür geopfert hatte, den europäischen Hunger nach Bananen zu stillen.

 

Text: Romano Paganini

Hauptbild: Mit zwölf Jahren begann er auf Bananen-Plantagen zu schuften, mit 31 war er tot: Lenin Merino (Ramiro Aguilar Villamarin).

Video: Ramiro Aguilar Villamarin (Produktion) & Victoria Jaramillo (Untertitel)

 

+ + + Diese Produktion ist in Zusammenarbeit mit der Schweizer NGO Public Eye entstanden. + + +