Tagebuch 2020, Woche 3: Kopfschuss – Städter -Hundefutter

Wenige Momente bevor die Polizei am 25. Mai diesen Jahres mit einem massiven Aufgebot die DemonstrantInnen vom Plaza Santo Domingo in Quitos Innenstadt vertreibt: Pazifist mit Maske im Gesicht und Blume in der Hand. – FOTO: mutantia.ch

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25. Mai – Kopfschuss

Vor ein paar Tagen hat mir Rosa* eine Sprachnachricht hinterlassen. Sie hätte gerne ein paar Fotos von Clever* aus dem Spital, ob ich ihr da helfen könne. Die Polizei hatte Clever im vergangenen Oktober aus einem Panzerwagen aus kurzer Distanz in den Kopf geschossen. Das Gummigeschoss zertrümmerte das rechte Auge des 23-Jährigen. Der junge Mann sprach leise und traurig, als ich ihn ein paar Tage nach Ende des Landesstreiks besucht hatte. Später wurde mir gesagt, dass er mit Selbstmordgedanken spiele. Rosa hatte damals in der Verzweiflung und Trauer sämtliche Fotos gelöscht. Sie wollte alles löschen, was irgendwie mit diesem blutigen Oktober zu tun hatte. Rosa ist die Mutter von Clever.

Heute ist übrigens der erste Tag seit besagtem Oktober, an dem zu massiven Demonstrationen aufgerufen wird. Für Juni ist ein weiterer Generalstreik angekündigt, ohne zu wissen, ob er wirklich stattfinden wird.

 

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26. Mai – Städter

Auf eine Demonstration, wie jene von gestern, habe ich seit über einem Monat gehofft. Zu gross ist der tägliche Druck von tausenden Menschen, irgendwie überleben zu können, zu gross auch die Ungewissheit und Unsicherheit darüber, wie es weitergeht. Hinzu kommt die Beschränkung diverser Rechte, die für mich nur schwierig zu ertragen sind, auch wenn ich sie teilweise nachvollziehen kann. Das Gesundheitssystem ist desolat und das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs durch Covid-19 ist angesichts von Vorerkrankungen, vor allem aber wegen prekärer Lebensbedingungen extrem hoch. Dieses Präkariat förderte die Pandemie innert kürzester Zeit ans Tageslicht, ohne Netz oder doppelten Boden. Da ist nur der Freie Fall und ein voraussichtlich harter Aufprall, wie ihn seit März etliche Familien im Land erfahren.

Um diesem entgegenzuwirken, beziehungsweise um die Situation sichtbar zu machen, sind sie gestern nun endlich zu tausenden auf die Strasse gegangen: LehrerInnen und StudentInnen, ArbeiterInnen und Pflegepersonal, private Sicherheitskräfte und Gewerkschaften. Nur die Indigenen hatten wegen des Risikos einer möglichen Ansteckung darauf verzichtet.

 

Die Polizei war zwar mit einem Grossaufgebot vor Ort,
warf aber verhältnismässig wenig Tränengas in die Menge
und verhielt sich mehr oder weniger zurückhaltend.

 

Allerdings gibt es hierzu zwei Punkte zu erwähnen: Erstens, die Demonstrationen liefen – ähnlich wie während des Landesstreiks – dezentral ab, also auch in anderen und vor allem kleineren Städten Ecuadors. Zweitens, und um genau zu sein, marschierten auch hunderte Indigene mit. Diese werden auf Grund ihrer Lebensform in den Städten von breiten Teilen der Gesellschaft aber nicht als solche anerkannt, und sehen sich oft selber nicht als Indigene. Doch wer genauer hinschaut, weiss, dass heute zehntausende von Menschen in Grossstädten leben – nicht nur in Ecuador – die entweder in einer comunidad auf dem Land geboren und aufgewachsen waren oder deren Familien nach wir vor dort leben. Exklusiv von „Städtern“ zu sprechen geht also nicht auf. Die BewohnerInnen der Zementwüsten – anders kann man die Grossstädte Lateinamerikas nicht bezeichnen – mögen zwar von den Praktiken auf dem Land, von den Pflanzen und Tieren und Feldern abgeschnitten sein, doch im Herzen pocht die Geschichte dieser Menschen.

Nun, eigentlich wollte ich ja über die Proteste gestern schreiben, aber das hole ich in den nächsten Wochen nach. Wird schliesslich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass die Menschen auf die Strasse gingen. Nur so viel für den Moment: Die Polizei war zwar mit einem Grossaufgebot vor Ort, warf aber verhältnismässig wenig Tränengas in die Menge und verhielt sich mehr oder weniger zurückhaltend.

Clever* im Spital Eugenio Espejo, wenige Tage nachdem ihm die Polizei beim Landesstreik im Oktober 2019 aus kurzer Distanz in den Kopf geschossen hatte. Der damals 23-Jährige verlor darauf sein rechtes Auge. – FOTO: mutantia.ch  

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27. Mai – Hundefutter

Die beiden Nachbarhunde von Elvia, ich habe es vergangene Woche erwähnt, sind abgemagert, doch Elvia sagt, dass sie das nichts angehe. Und so siechen die Beiden weiter vor sich hin, ohne zu wissen, ob sie das Morgen noch erleben. Also habe ich mir für dieses Mal einen Sack Hundefutter mitgenommen. Und da die Brachfläche der Tiere Hang abwärts liegt, ist es einfach, ihnen das Futter zuzuschiessen. Fast ein wenig wie im Zoo.

Das Futter war eigentlich für die hungrigen Hunde in unserem Quartier gedacht, doch als ich die Beiden sah, konnte ich nicht anders. Ich öffnete den Sack und schmiss ihn ohne gross Aufsehen zu erzeugen in Richtung Tal. Klar, die Beiden hatten bereits aufgehorcht, als sie das Rascheln des Plastiks hörten. Sofort stürzten sie sich auf die Industrieware, bestehend aus Sojaschrot und irgendwelchen Resten der Chicken-Industrie. Eigentlich ist‘s minderwertiges Zeugs für derart junge und abgemagerte Hunde. Die bräuchten ein ordentliches Stück Fleisch. Doch wer hungert, egal ob Tier oder Mensch, der nimmt, was sich irgendwie verdauen lässt.

*Name geändert