Stimmen der Zuversicht

“Ich werde in den nächsten Monaten und Jahren
die Produktion von Gemüse und Früchten ausbauen

 

German Garcia (39) – Vater, Gemüsegärtner, Biologe
Chapadmalal (Argentinien)

 

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, weil ich nun mehr Zeit habe für meinen Sohn und meine Lebenspartnerin sowie fürs Bestellen meines Gemüsegartens. Ausserdem kann ich nun täglich darüber nachdenken, wie ich das mit dem Essen langfristig lösen möchte. Mein vorheriger Alltag führte mich zu mehr Komfort, er führte mich ins Büro und zum Supermarkt. Zu dieser „Normalität“ möchte ich nicht zurück.

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19: Ich möchte ein System für die Heimproduktion von Hühnereiern aufbauen. Und auch die vermehrte Herstellung von Eingemachtem steht auf meiner Liste. Zudem scheint mir wichtig, öfters nachbarschaftliche Netzwerke zu pflegen, vielleicht sogar in einem kleineren Rahmen, als dass wir dies bisher getan haben. Meine akademischen Tätigkeiten hingegen sehe ich in Zukunft eher im Homeoffice. 

Mein persönlicher Beitrag: Wir brauchen Netzwerke für den Austausch von natürlich produzierten Lebensmitteln. In diesem Sinne werde ich in den nächsten Monaten und Jahren die Produktion von Gemüse und Früchten auf meinem Landstück ausbauen.

 

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Stimmen der Zuversicht

 

9. Mai 2020, Quito. – Österreich seit Ostern, die Schweiz seit vergangener Woche und Ecuador seit Montag: Regierungen rund um den Planeten lockern ihre Massnahmen in Bezug auf die Covid-19-Pandemie. Was das für das Zusammenleben bedeutet, wird sich erst zeigen müssen. Immerhin waren seit Anfang Jahr Millionen von Menschen in ihren Wohnungen und Häusern gefangen und hatten kaum Kontakt zur Aussenwelt. Weitere Millionen, wie beispielsweise in Indien sowie einigen Staaten Afrikas und Lateinamerikas, sind es immer noch. Und wiederum Millionen – vorwiegend im globalen Süden – kämpfen auf Grund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs ums nackte Überleben. Die UNO rechnet damit, dass sich die Zahl der Hungernden – nicht zuletzt auf Grund der Pandemie – bis Ende 2020 auf 265 Millionen Personen verdoppeln könnte. Hinzu kommen all die anderen Krisen: von Klima über Migration zur Rohstoffausbeutung bis hin zum Kollaps ganzer Gesellschaften.

Düstere Aussichten also, zumal dies erst der Anfang einer tiefgreifenden Krise ist, wie sie es die Welt seit dem zweiten Weltkrieg  nicht mehr gesehen hat. Das mag Angst auslösen, ja bei Einzelnen sogar Panik. Doch genau diesem Gefühl will mutantia.ch nun entgegenwirken. Das scheint uns deshalb wichtig, weil ein ängstliches Volk ein schwaches Volk ist. Und weil sich ein schwaches Volk einfacher dominieren lässt als eines, dass sich seinen Fähigkeiten und Stärken bewusst ist und Ereignisse kritisch zu beurteilen vermag. Gerade in Krisenzeiten brauchen wir Menschen, die sich von den Fesseln der Angst befreien und zusammen mit anderen das Danach planen und gestalten. Denn die Zeit nach der Covid-19-Pandemie wird kommen. Es liegt auf der Hand, dass wir als Spezies nicht zu jenem Alltag zurückkehren können, den wir gemeinhin für normal hielten. Dazu war er schlicht zu feindselig, sowohl für die Natur als auch für uns Menschen. 

Deshalb lanciert mutantia.ch heute im Verbund mit Extension Rebellion Ecuador die Kampagne „Auf dass sich die Angst verzieht!“. In den nächsten Tagen und Wochen soll jenen Menschen das Wort gegeben werden, die sich über die Post-Covid-19-Zeit bereits Gedanken gemacht haben und Ideen für ein anderes Miteinander haben. Konkret geht es um drei Punkte:

 

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, weil …

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19: 

Mein persönlicher Beitrag:

 

Dazu Vor- und Nachname der Person sowie ein Foto, dass die Person ausserhalb ihrer vier Wände zeigt. Schön wäre, sie an einem Ort in der Natur zu sehen, an dem sie sich oft und gerne aufhält. Mitmachen kann jedeR, die oder der etwas mitteilen und zum kollektiven Aufbau der Post-Covid-19-Realität beitragen möchte. Vorschläge inklusive Foto bitte auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch oder Englisch an folgende Mailadresse senden: redaktion.mutantia@gmail.com.

Der Anfang der Kampagne macht heute German Garcia, Vater, Gemüsegärtner und Biologe. Der 39-Jährige aus dem argentinischen Küstenort Chapadmalal will auf keinen Fall zurück zum Alltag vor der Pandemie, weil er nun mehr Zeit für seinen Sohn, seine Lebenspartnerin sowie fürs Bestellen seines Gemüsegartens hat. 

 

Wir freuen uns auf eure Anschriften.

das mutantia-Team

 

PS: Freiwillige, die uns beim Übersetzen der Kampagne ins Französische oder Italienische helfen oder uns beim Design der Kampagne im deutschsprachigen Raum unterstützen wollen, sind Herzlich Willkommen!

 

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Durch die Einschränkung unserer Konsumkultur
möchte ich Bewusstsein für die Umwelt schaffen“

 

Karla Paola Morales Rubio, Marketing und Unternehmensführung
– Ambato, Ecuador

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, viel lieber will ich mich künftig von der Energie stärken lassen, die uns das Universum schenkt. 

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19:

Die einfachen Dinge zu schätzen, die uns das Leben ermöglicht, und nicht zu glauben, dass es materielle Dinge sind, die uns glücklich machen.

 

Mein persönlicher Beitrag:

Durch die Einschränkung unserer Konsumkultur möchte ich Bewusstsein für die Umwelt schaffen.

Ich schlage vor, dass unsere ideologischen, religiösen, wirtschaftlichen und physischen Grenzen lediglich als Erinnerungen an das ‚Vorher‘ weiterleben“

 

Luis Carlos Marrero Chasbar, Theologe
– Havanna, Kuba

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, weil dieses „Vorher“ gezeigt hat, wie zerbrechlich wir als Menschen in diesem bewohnten Kosmos sind. Das „Vorher“ hat Krankheiten, Pandemien, Egoismus, Konsumismus und Separatismus verursacht, die wir nicht weiter reproduzieren sollten. „Das Alte“ teilt uns in Klassen ein, macht uns zum Norden und Süden, zum oben und unten und nagelt uns fest. Ich möchte jedenfalls nicht in dieses frühere Leben zurückkehren. Ich lehne es kategorisch ab, in dieser alten Form zu fühlen und in ihr mit anderen in Beziehung zu treten. Ich möchte lediglich ein weiterer Teil dieser grossen Schöpfung sein: ein Baum, ein Wind, ein Meer, ein Berg. Und ich lade euch ein, darüber nachzudenken. Wir haben jetzt in unseren Herzen die Möglichkeit, uns zu verändern und das gemeinsame Haus in einen wahrhaft heiligen Raum des Zusammenlebens zu verwandeln. 

 

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19:

Als erstes sollten wir bedenken, dass wir vor einer neuen Lebenschance stehen, denn das ist essentiell. Deshalb sollten wir eingehend darüber nachdenken, wer wir sind und was unsere Mission ist. Auch tun wir gut daran Strategien zu stärken, die auf Freundschaft, Solidarität, Kooperation und tausenden verschiedenen Beziehungsformen basieren. Als erstes sollten wir lernen, dass wir nicht das Zentrum des Universums, sondern ein Teil davon sind, und dass wir in einer Ordnung miteinander verflochten sind. Desweiteren schlage ich vor, dass unsere ideologischen, religiösen, wirtschaftlichen und physischen Grenzen lediglich als Erinnerungen an das „Vorher“ weiterleben. Wir leben in Zeiten, wo Alternativen gefragt sind und wo unsere Ureinwohner, Afros, Bauern, Frauen und Kinder zu unseren wahren Meistern werden sollten. 

 

Mein persönlicher Beitrag:

Dieser kommt von überall wo ich gerade bin. Veränderung beginnt bei einem selbst und bei sich Zuhause. Egal wo wir gerade sind – im Klassenzimmer, beim Treffen mit Freunden, auf einer Party –, jeder Ort kann der genaue richtige Moment sein, um eine andere Art des Seins und Fühlens zu schaffen und jedes Projekt, jede Idee, jeden Traum, der die Würde des Menschen und jene der Schöpfung als Horizont hat, zu unterstützen. Ich setze darauf, diesen schönen chaquiñán (Weg auf Kiwcha), das gemeinsame Haus, weiterzugehen und die Menschen mit ihren Erfolgen und Misserfolgen zu berücksichtigen. Dies ist der Auftrag, den Gott mir gegeben hat, und ich versichere Ihnen, dass ich versuchen werde, ihn mit all meinen Kräften zu erfüllen.

Wir sollten jene Wildpflanzenarten retten, die entgegen jeglichem Marktdesign irgendwo am Strassenrand wachsen und die wir böswillig Unkraut getauft haben“

 

Mariana Karina Acosta, Mutter, Agrarökologin, Erzieherin
– Concordia, Argentinien

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, weil die „Normalität“ vor der Pandemie Teil der Krise war. Und es war klar, dass diese „Normalität“ irgendwann zusammenbrechen würde. Letztlich war es ein Virus, das uns gezeigt hat, wie zerbrechlich wir als Lebewesen sind. Die nötige Mutation, um uns zu schützen, scheint hingegen nicht ganz so einfach, im Gegenteil: Wir sind in unserer kollektiven Immunität total geschwächt – eine Schwächung, die nicht zuletzt mit Faktoren wie dem Klimawandel zusammenhängt und Nebenwirkungen wie beispielsweise verseuchtes Wasser und verseuchte Lebensmittel mit sich bringen. 

 

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19:

Wir sollten jene Wildpflanzenarten retten, die entgegen jeglichem Marktdesign irgendwo am Strassenrand wachsen und die wir böswillig Unkraut getauft haben. Dabei handelt es sich oft um frische, gesunde, nahrhafte und günstige Lebensmittel, die ganz in der Nähe von uns wachsen. Wir müssen die individuellen und familiären Produktionssysteme stärken und unser Konsumverhalten ändern. Denn dieses sorgt für die Verschmutzung lebenswichtiger Ressourcen wie Wasser, Boden und Luft und macht nicht nur uns krank, sondern auch die Umwelt.

 

Mein persönlicher Beitrag:

Alleine werde ich gar nichts erreichen. Vielmehr ist es an der Zeit, im Kollektiv zu denken. Wir sind seit einiger Zeit wie fleissige Ameisen daran, verloren gegangenes Wissen zu retten, und die Menschen dazu zu ermutigen, zur Natur und zum Ur-Wissen zurückzukehren und dadurch zu verstehen, dass wir ein Ganzes sind und als solches über die gleichen lebenswichtigen Ressourcen verfügen wie die anderen Wesen auf dem Planeten. Ich persönlich helfe mit, den Wert von Wildpflanzen zu entschlüsseln und aufzuzeigen, wie sie sich in konventionellen Präparaten verwenden lassen. Ich trage dazu bei, uns an das zu erinnern, was unsere Grossmütter einst gegessen haben – ein Wissen, das nach wie vor vorhanden ist, und dass sich daher nach wie vor retten lässt.

Ich werde durch meinen Lebensstil weiterhin zeigen,
dass es möglich ist, einfacher zu leben”

 

Ernesto Hernández, Tonmeister
– Berlin (Deutschland)

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, weil ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, so zu leben wie vor der Pandemie.

 

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19:

Wir sollten uns unserem Verhalten und dessen Folgen bewusster werden, unsere Kodexe und Werte überprüfen, und zu einer Lebensweise finden, die den Planeten schützt.

 

Mein persönlicher Beitrag:

Ich werde durch meinen Lebensstil weiterhin zeigen, dass es möglich ist, einfacher und weniger konsumorientiert zu leben und damit glücklich zu sein. Ich werde weiterhin darauf verzichten, all den produzierten Müll zu kaufen, der ohnehin nutzlos ist und den wir eigentlich auch gar nicht brauchen. Ich werde weiterhin versuchen, so konsequent wie möglich dasselbe zu denken, zu sagen und zu sein.

„Als Journalistin versuche ich Alternativen aufzuzeigen,
um eine ökologische Revolution einzuleiten“

 

Milena Recio, Mutter und Journalistin
– Madrid (Spanien)

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, weil … Nun, ich glaube, das Ende der Pandemie ist noch nicht genügend weit weg, um bereits darüber sprechen zu können. Die Probleme werden auch dann nicht vorüber sein, wenn ein entsprechender Impfstoff gefunden sein sollte. Es wird dauern bis in ärmeren Ländern, etwa in Afrika, eine universelle Inmunität geschaffen wird. Alleine aus diesem Grund wissen wir, dass es das Leben „wie vorher“ nicht mehr geben wird. Der Tod hat bereits zahlreiche Familien in Anspruch genommen, und die Angst vor dem unsichtbaren Feind ist in einem Grossteil von uns, die leben und nicht infiziert sind, ebenfalls vorhanden. Die Erfahrung der vergangenen Wochen wird uns dazu zwingen, vorsichtiger mit unserer Gesundheit umzugehen. Wahrscheinlich wird sich in einzelnen Gesellschaften nun endlich eine universelle Gesundheitsgrundversorgung durchsetzen – im Bewusstsein, dass das Fortbestehen der Menschheit auch von der Pandemie-Prävention abhängig ist und dass das persönliche Interesse mehr denn je den Interessen der Gemeinschaft unterliegt und das Gefühl von Sicherheit eng mit Solidarität zusammenhängt. 

 

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19:

Zunächst müssen die Prioritäten neu geordnet werden: Wissenschaft, Forschung und Gesundheitssysteme müssen sowohl in der Politik als auch in der Struktur unserer Wirtschaft eine prominentere Rolle einnehmen. Zweitens müssen die wirtschaftlichen und politischen FührerInnen sowie die Zivilgesellschaft davon überzeugt werden, dass wir unseren Lebensraum zerstören, und dass es angesichts dieser Entwicklung unmöglich ist, weiterhin untätig zu bleiben. In Sachen Klima, Konservierung der Artenvielfalt sowie der Ausbeutung nicht erneuerbarer Ressourcen sind wir daran, Schwellen zu übertreten, bei denen es kein Zurück mehr gibt. All das wird einen enormen Tribut von uns verlangen. Wir sind nicht all zu weit von jenem Tag entfernt, an dem wir uns schuldig fühlen und schuldig sind, Kinder in eine Welt gesetzt zu haben, die nicht mehr bewohnbar ist. Dieses Coronavirus hat Fragen aufgeworfen, die sich darum drehen, wir wir unsere Gesellschaften organisieren und gleichzeitig die Gaben der Natur nutzen können. 

 

Mein persönlicher Beitrag:

Als Mutter beginne ich bei der Erziehung meiner Tochter, die heute zehn Jahre alt ist. Sie erlebt ein Eingesperrtsein sowie globale Risiken, die sowohl meine Generation als auch andere, die noch am Leben sind, nicht kannten. Dies wird Spuren in ihrem emotionalen Gedächtnis hinterlassen, genauso wie in ihrer Biografie. Ich möchte, dass sie die Ursachen und Folgen kennt, sich ihrer bewusst ist und dass sie über die Möglichkeiten Bescheid weiss, um solche Szenarien in Zukunft vermeiden zu können. Als Journalistin versuche ich eine andere Form der Weltwahrnehmung zu dokumentieren und Alternativen aufzuzeigen, um eine ökologische Revolution einzuleiten. Persönlich bleibe ich Zuhause, ich kümmere mich um mich und um meine Lieben. Oder zumindest versuche ich das.

Wir müssen uns zu soliden Persönlichkeiten entwickeln,
die sich an dem vor uns liegenden Kampf beteiligen können“

 

Darwin Reyes Solis, Philosophie-Professor
– Quito (Ecuador)

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, weil eigentlich können wir gar nicht mehr zurück zum Leben vor Covid-19. Wir befinden uns in einer Krise und das ist die erste Tatsache, der wir uns bewusst werden sollten. Die Welt wird sich nicht verändern – sie hat sich bereits verändert. Wir befinden uns in sozialer Isolation und in Telearbeit. Die Regierung wird einen Teil unseres Lohns abzwacken, in unserem Volk sind Tausende gestorben und die hegemonialen Systeme spekulieren mit den Preisen der Rohstoffe, von denen unsere Staaten abhängig sind. Wir können das, was wir für die nächsten Jahre geplant hatten, nicht mehr umsetzen. Es sind unsichere Zeiten.

 

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19:

Wir müssen uns zu soliden Persönlichkeiten entwickeln, die dem System die Stirn bieten und sich an dem vor uns liegenden Kampf beteiligen können: solide Persönlichkeiten, Menschen mit einer selbstkritischen Perspektive, die fähig sind, Überzeugungen, Vorurteile und kulturell ererbte Gewohnheiten zu revidieren. Es liegt an uns, die menschlichen Systeme zu verändern, um demokratische Gesellschaften zu schaffen, die den Reichtum einer grossen Mehrheit zukommen lassen. Darüber hinaus brauchen wir Gemeinschaften, die sich in Krisen selbst wieder aufbauen und neue Formen menschlichen Erblühens hervorbringen können. Wir verstehen diese Form der Gemeinschaft als ein gemeinsames Band zwischen ihren Mitgliedern. Ein Band, das die Möglichkeit bietet, trotz und dank der grossen Unterschiede und Vielfalt, die sich im täglichen Leben manifestieren, Lebensprojekte zu verwirklichen.

 

Mein persönlicher Beitrag:

Dies ist keine individuelle Angelegenheit, sondern eine kollektive. Wir müssen stark sein, um dem System die Stirn zu bieten und in den Kampf um die Bildung von kleinen Gemeinschaften wie die Familie, die Nachbarschaft, die Freunde oder auch die Kirche, einzutreten. Zudem gibt es noch eine weitere Gemeinschaft, die wir nicht vergessen dürfen: den Staat. Diesem Kampf werden wir uns bald stellen müssen. Wir müssen den Staat wieder aufbauen, unabhängig davon, wo wir beginnen. Ja, eigentlich hat dieser Kampf bereits begonnen. Lasst uns überlegen, wie wir diesen Zustand ändern können, denn wir sind es, die diese Prozesse in die Wege leiten müssen. Beginnen wird der Kampf sicherlich auf der Strasse. Vorerst müssen wir uns aber um unsere eigenen Leben kümmern, denn wir brauchen einander lebend.

„Mein tierischer, wilder, spiritueller Beitrag
wird darin bestehen, mein noch ungeborenes Kind zu stillen“

 

Isabel Christina López Hamze, Theatrologin
– Havanna (Kuba)

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, weil mir die Hektik auf den Strassen, der unruhige Alltag, die Odysseen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sowie die Scheinheiligkeit des öffentlichen Lebens nicht gefallen. Das Leben vor Covid-19 drehte sich im Aussen statt im Innen. Ich habe während diesen Wochen der Quarantäne zu den einfachen Dingen des Lebens zurückgefunden: mein Zuhause, meine Familie. Dies hat mir erlaubt, Pläne zu schmieden, innezuhalten und über den Weg der Ameisen und jenen der Supernovas nachzudenken. Auch erinnerte ich mich an meine toten Grosseltern und widmete mich den Bewegungen des Babys in meinem Bauch. Für mich war es eine Zeit des inneren Friedens, der Introspektion, der Versöhnung mit der Natur, der Verbindung mit einer spirituellen Welt, die ich zuvor nur selten wahrnehmen konnte. Wenn die Pandemie vorüber ist, möchte ich jedenfalls nicht zurück zum alten Leben. Ich wünschte, das Ende der Pandemie würde uns die Möglichkeit geben, klüger zu werden, und einen Mittelweg zwischen dem Aussen und dem Innen zu finden.

 

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19: Wir sollten uns dem Gleichgewicht zwischen Materiellem und Geistigem stärker bewusst werden. Ein Gleichgewicht, auf das sowohl wir als auch die Natur angewiesen sind. Ich schlage deshalb vor – unabhängig von den Technologien und den Fortschritten des vergangenen Jahrhunderts – an den Anfang zurückzugehen, also zum Beispiel wieder die Lebensmittel zu säen, die wir essen und wieder in Kontakt mit der Wildnis zu treten. Schliesslich ist sie nach wie vor unsere Umgebung und wir können durchaus liebevoll zu jenem tierischen Aspekt zurückkehren, der in uns weilt.

 

Mein persönlicher Beitrag:

Mein tierischer, wilder, spiritueller Beitrag wird darin bestehen, mein noch ungeborenes Kind zu stillen.

„Ich hoffe, dass dieser Reigen an Solidarität, der in diesen Wochen
zu beobachten war, zu einer Form der Organisation wird“

 

Santiago Rosero, Journalist und Koch
– Quito (Ecuador)

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, weil das Raubtierhafte im Menschen enorm stark ist und sich unsere Beziehung zur Umwelt und zu den Tieren unbedingt ändern muss. Schliesslich waren wir es, die ihnen Leben und Ökosysteme weggenommen haben. Und dennoch gibt es Aspekte vor Ausbruch der Pandemie, die ich eigentlich gerne weiterhin geniessen möchte, etwa die Nähe zu den Menschen und die Möglichkeit körperlicher Zuwendung. Hinzu kommt das Teilen des öffentlichen Raums und eine direkte Beziehung zu unserem Umfeld. Auch die Bewegungsfreiheit möchte ich nicht missen sowie die Planung der nahen Zukunft ohne all zu grosse Ungewissheiten – letztlich alles Dinge, die uns als soziales Wesen ausmachen.

 

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19:

Ich hoffe, dass dieser Reigen an Solidarität, der in diesen Wochen zu beobachten war, zu einer Form der Organisation wird, ja am liebsten zu einem wesentlichen Merkmal einer neuen Bürgerkultur, die nicht nur in Notfällen zusammenhält, sondern Teil unserer täglichen Gewohnheiten wird – sowohl in Bezug auf unseren Konsum als auch in Beziehung zu anderen.

 

Mein persönlicher Beitrag:

Die aktuelle Gesundheitskrise steht ganz im Zeichen der Lebensmittelversorgung. Es geht um die täglichen Bedürfnisse in allen sozialen Schichten, einschliesslich der von der Regierung durchgeführten Notfallpolitik. Ich möchte meine Arbeit zur Rettung von weggeworfenen Lebensmitteln verstärken, sodass diese zu jenen Menschen kommen, die sie benötigen. Zudem bin ich derzeit daran, ein kulturell-gastronomisches Zentrum aufzubauen, das Raum lässt für Reflexionen, Experimente und Zusammenarbeit. Und klar, Lebensmittel werden im Fokus stehen. 

„Die Situation hat uns gelehrt, dass die Vorstellung vom Individuum, das isoliert
von seinem Kontext lebt, ein Mythos ist. Wir können nur in Gemeinschaft leben“

 

Ximena Antillón, Psychologin, Feministin y Aktivistin
– Mexiko Stadt (Mexico)

Ich will nicht zurück zum Alltag vor der Covid-19-Pandemie, weil die Pandemie uns einerseits die Absurdität unserer Gesellschaften vor Augen geführt hat, die so organisiert sind, dass sie Profite und nicht das Leben garantieren. Andererseits ist es dringend notwendig und auch möglich, sich zu ändern, angefangen beim Schutz der Rechte auf ein menschenwürdiges Leben. Die Situation hat uns gelehrt, dass die Vorstellung vom Individuum, das isoliert von seinem Kontext lebt, ein Mythos ist. Wir können nur in Gemeinschaft leben. Angesichts des Klimawandels ist dies dringend erforderlich.

 

Mein Vorschlag für das Leben nach Covid-19:

Ich halte es für sehr wichtig, dass wir beginnen, darüber zu sprechen, worin unsere strategischen Veränderungen bestehen und wie sie vorangetrieben werden können. Ein zentraler Aspekt besteht für mich darin, die Lehren von Völkern und Gruppen wahrzunehmen, die sich vor allem dank ihrer Organisation gegen Vertreibung und Gewalt zur Wehr setzen konnten.

 

Mein persönlicher Beitrag:

Auf der einen Seite müssen wir ein politisches Projekt aufbauen, welches das Leben in den Mittelpunkt stellt. Das wiederum bedeutet, dass wir die politische Vorstellungskraft durch kollektives Denken anregen müssen. Daher bin ich sehr daran interessiert, zuzuhören, zu lesen, zu lernen, mit anderen zu sprechen. Auf der anderen Seite ist es sehr wichtig, konkrete Dinge zu tun. Zum Beispiel die Beteiligung an der lokalen Wirtschaft, Netzwerke bilden, sowie organisatorische Prozesse zur Sicherstellung unserer Bedürfnisse aufbauen.