Der Post-Pandemic-Planet und seine GastautorInnen aus aller Welt

22. November 2021, Tumbaco, Ecuador

 

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Vom Nicht-Wissen und anderen Weisheiten

(Nicolás Cambas, Künstler, Clown und Katalysator der kollektiven Transformation durch Kreativität, Argentinien/Ecuador*)

 

Unser eigenes Universum, genauso wie das kollektive, ist derart von Theorien geprägt, dass diese sogar die physikalische Reichweite unserer Sichtweise bestimmen. Wir schaffen es nicht, jene Dinge zu identifizieren, die in unserer Kultur und Sprache nicht konzeptualisiert sind. So wie wir bestimmte Muster in der Natur auf Grund unserer Ignoranz oder unserer Distanz nicht einordnen können, die aber einem Jäger und Sammler genug Handlungshinweise geben, um sein eigenes Überleben zu sichern.

Trotzdem ändern Theorien nichts an der Natur des Lebens, die zum Mysterium gehört. Ich kann mich diesem Mysterium zwar mehr oder weniger annähern, aber aus meiner theoretisierenden und endlichen Form des Menschseins, kann ich es nicht vollständig entschlüsseln. Und Sie, als LeserIn, können das auch nicht – womit wir uns auf einer gemeinsamen Ebene befinden. Wir können zwar so tun, als hätten wir die Dinge unter Kontrolle; und indem wir an künstlichen Routinen festhalten, die zu funktionieren scheinen, können wir es sogar am eigenen Körper erfahren. Aber es gibt Dinge, die so nicht funktionieren. Und es sind nicht einmal wenige.
Wenn wir es also wagen, zu erkennen, dass wir nichts wissen und für ein paar Augenblicke die Tatsache atmen, nichts zu wissen?

„Ich weiss nur, dass ich nichts weiss“, sagte Sokrates vor rund 2.500 Jahren. Nein, auch ich verstehe nicht viel von dem, was in der Welt vor sich geht. Ich weiß, dass ich nicht weiß, was vor sich geht, und das bringt mir inmitten von so viel Ungewissheit etwas Frieden. Und in gewisser Weise gibt es mir sogar eine gewisse Freiheit. Ich brauche keine Fahnen zu hissen, und kann stattdessen beim Schlürfen eines Morgentees zuschauen, wie meine Theorien ins Leere fallen und ihnen zum Abschied winken. Und ich werde immer wieder überrascht sein, wie komplex und einfach alles ist und wie wenig ich tatsächlich weiss. Dennoch: Ich will wissen und verstehen! Auch mir drückt das Gewicht dieser Welt auf den Schultern. Letztendlich ändert das Wissen, dass ich nichts weiß, zwar nicht die Welt, aber es ist ein grossartiges persönliches Ventil der Entladung.  

Wir leben seit langem in einer Welt von Menschen, die zu wissen glauben, oder besser gesagt: daran glauben, dass es Andere gibt, die es wissen, und dann denjenigen Bescheid sagen, die das Sagen haben. Innerhalb dieser Mischung aus „Weisheit“ und „Macht“, die unsere Realität derzeit prägt, existiert die Möglichkeit des Nicht-Wissens nicht. Denn das Eingestehen dieses Nicht-Wissens, stellt alles auf den Kopf. Und das ist sehr schwierig zu kontrollieren, und den „Mächtigen“ daher sehr unangenehm. So war es auch zu Zeiten von Sokrates, der für seine Ideen, „die die Jugend in Aufruhr versetzten“ zum Tode verurteilt wurde.  

Im Laufe der Menschheitsgeschichte waren die Unwissenden die Verrückten, die Wahnsinnigen, die Randständigen, die Querdenker, die Verärgerten, die Ignorierten, die Gefürchteten und die Bewunderten. Doch auch sie sind zum Schweigen gebracht worden. 

Es gibt viele und gute Geschichten von „verrückten“ Menschen. Sie, die uns etwas anderes gezeigt haben als die gängige Erzählung, und uns dadurch ein Stück weit wachgerüttelt haben: Von Lao Tse im Taoismus (6. Jahrhundert vor Christus, China) und dem Sufi Nasrudin (13-14. Jahrhundert, arabischer Raum) über die Heyokas Sioux (Nordamerika) bis hin zu Dali (1904-1989, Europa) und einer Vielzahl unbekannter Verrückter ist dieser Archetyp immer schon unter uns gewesen, und hat uns mit seiner schöpferischen Reibung aufgeweckt. 

Was uns der Verrückte mit seinem Nichtwissen zeigt, ist, dass die Normen einer Gesellschaft weder in Stein gemeisselt, noch einzigartig, noch unverzichtbar sind. In der Welt der Ahnen sind die Verrückten heilig, denn sie halten das Kollektiv wach, und dies oftmals mit Humor.

Im Gegensatz dazu ist in der Welt, in der der vorliegende Text gelesen wird, die Möglichkeit des Nicht-Wissens schwindelerregend und wird daher gemieden und abgelehnt. Es ist unangenehm und chaotisch, wenn man sich von den bekannten Formen, den Bräuchen und Verpflichtungen, den Gurus und Situationen unserer Zeit lossagen muss. Doch um mit dem Nicht-Wissen zu beginnen, muss man die Glaubenssätze der Massen loslassen. 

Manche bezeichnen den endgültigen Verlust der Flexibilität des Wesens als sogenannte Kristallisierung, also einen Prozess, bei dem die Psyche am Bekannten festhält und aufhört, sich weiterzuentwickeln. Eine kristallisierte Person oder eine kristallisierte Gruppe von Personen sind diejenigen, die aufhören zu lernen und ihren Horizont nicht mehr erweitern. Ich stelle sie mir als einen gläsernen Baum vor, an dem keine einzige Frucht und kein einziges Blatt wachsen kann und alles wie ein altes Ornament auf einem Regal befestigt ist. Dort sind sie stehengeblieben.

Hervorgehoben sei an dieser Stelle die Tatsache, dass sowohl Sie als auch ich – da wir teilweise zu diesem Baum gehören – bestimmt in einer Ecke unseres Seins bereits mehr oder weniger kristallisiert sind. Klar, es gibt verschiedene Stufen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass von den Jungen bis zu den Alten diejenigen, die sich am stärksten an das Bestehende und seine Kategorien klammern, in Zeiten turbulenter Veränderungen wie der jetzigen am meisten leiden.  

Die Spannung, die durch das Festhalten an einer früheren Anhäufung von hypothetischen Wahrheiten entsteht, die mit dem Fortschreiten der neuen Zeit unaufhaltsam dahinschmelzen, macht krank. Und dies geschieht mit den Individuen, vor allem aber mit den Massen. Die kristallisierte Masse ignoriert ihre Unwissenheit und folgt falschen Propheten. Und wie schon so oft in der Vergangenheit wird sie, wenn sie richtig gewürzt ist, jedem den Krieg ansagen, der eine andere Struktur vorschlägt als die, in der sie gefangen ist. Die Masse besteht darauf, sich an deformierte Normalitäten zu klammern, und ist nicht gewillt, sich selber als manipuliert, kontrolliert und ignorant wahrzunehmen. 

Die Masse denkt, sie sei wissenschaftlich, aber sie ist in erster Linie religiös. 

Um aktiv versuchen zu begreifen, was sich derzeit auf dem Planeten abspielt, scheint mir Fragen stellen ein guter Weg. Niemand hat gesagt, dass Nicht-Wissen gleichbedeutend ist mit Ignorieren oder sich Einfrieren. Denn ein unmittelbares Symptom des Nichtwissens ist die Neugier, die Schwester der Kreativität. Die Neugier stellt Fragen und die Kreativität erfindet Antworten. Das Kind, das nichts weiss, stellt Fragen über seinen Körper: mit seinem Blick, mit seinem Speichel, mit seiner Präsenz und mit seinen Spielen. Und so entdeckt es mit der Zeit die Erfahrung, indem es ein kreativ-experimentelles Gedächtnis generiert, welches seine Spuren hinterlässt, bis es in die Schule kommt, wo es dann aufhört, unbequeme Fragen zu stellen und stattdessen zu „lernen“ und zu „wissen“. Da endet diese natürliche Neugierde – in vielen Fällen für immer. Und es erscheinen plötzlich Formeln und Theoreme, vor allem aber Narrative. 

 

„Die Wissenschaft, die in der Vergangenheit grosse Fortschritte gemacht hat,
war die Wissenschaft neugieriger Menschen, die wussten, dass sie nichts wussten
und Fragen stellten. Und sie beobachteten und entdeckten – im Wissen,
dass es immer mehr Fragen zu stellen und mehr zu entdecken gibt.“

 

Eine kurze Frage an die Allgemeinheit: Warum glauben wir immer noch so sehr an dieses Narrativ, das wir „Bildung“ nennen? Wenn wir uns die Welt anschauen, haben wir dann das Gefühl, dass es gute Ergebnisse liefert? 

Sagen wir es mal so: An vielen Stellen lauern versteckte Fallen, insbesondere in unserer Sprache. Ähnlich wie es George Orwell (1903-1950) in seinem Buch 1984 beschreibt, bringen wir uns selber bei, Indoktrination „Bildung“ zu nennen. Dabei sind wir über Generationen hinweg indoktriniert worden. Indoktrinieren bedeutet, eine Doktrin aufzwingen. Und diese Doktrin ist so auferlegt, dass man sie bis vor kurzem nicht sehen konnte – insbesondere, wenn man wie die meisten Menschen abgelenkt war. Die Doktrin war Religion, war ein Imperium und war Krieg. Heute nennt sich dieselbe Doktrin „Wissenschaft“.  

Wenn wir die Welt um uns herum mit etwas Abstand betrachten, fällt es uns wie Schuppen von den Augen – und der Kaiser läuft plötzlich nackt an uns vorbei. Die Wissenschaft, die in der Vergangenheit grosse Fortschritte gemacht hat, war die Wissenschaft neugieriger Menschen, die wussten, dass sie nichts wussten und Fragen stellten. Und sie beobachteten und entdeckten – im Wissen, dass es immer mehr Fragen zu stellen und mehr zu entdecken gibt. Jede Kultur hat die Wissenschaft auf ihre eigene Art und Weise ausgeübt und das Universum auf der Grundlage einer wertvollen Vielfalt entdeckt: Die Magie der menschlichen Neugier im Angesicht des universellen Geheimnisses. 

Diese experimentellen Kenntnisse und diese Wissenschaften – ich schliesse das Heidentum und den Schamanismus, die Alchemie und die Astrologie mit ein – wurden jedoch im Laufe umfangreicher historischer Prozesse von der einzigen „Wissenschaft“ usurpiert, und diese wiederum funktioniert heute wie eine Religion.
Ich sage Religion, weil diese auch auf endgültigen Definitionen beruht, aufhört, Fragen zu stellen, und sich endgültig zu einer einzigen, unverrückbaren Version der Existenz herauskristallisiert, die zufälligerweise immer den Mächtigen in die Hände spielt. Aus ihrer materialistischen Fabel heraus, die jede individuelle Macht, jede innere Göttlichkeit auslöscht, stellt die Wissenschaft ihre symbolische „Macht“ zur Schau, um uns ihren Wahrheiten zu unterwerfen und die Unterwerfung jener Individuen zu rechtfertigen, die einen anderen Weg als die Masse einschlagen. Es ist die „Wissenschaft“ im Dienste der „Macht“: die Religion. 

Oder liege ich damit etwa falsch? 

Halten wir fest: Die Programme, die in dieser Welt eingeführt wurden, mit einer „Wissenschaft“ an der Spitze, die vorschreibt, was der Mensch in jeder Phase seines Lebens „sein“ und „wissen“ muss, trennen uns von unserem Potenzial als Individuum und als Spezies und reissen uns letztlich auseinander. Wir „lernen“, die Welt in immer mehr einzelne Fragmente zu unterteilen, aber wir wissen nicht, was sie als Ganzes ist und was ihr Wesen ausmacht. Auch nicht unsere Essenz! Wir sind voll von Spezialisten für bestimmte Schrauben und Muttern, die nicht wissen, wie die Maschine funktioniert oder wozu sie überhaupt dient. Und so gehen wir dahin, zersplittert und verloren, und wiederholen dasselbe immer und immer wieder, und halten die Richtung, die uns die grosse Maschine vorgibt. Ich habe das Bild von Charlie Chaplin (1889-1977) vor mir, der in „Moderne Zeiten“ von den Maschinen verschluckt wird … „Bildung“ macht uns für all das fit, und zwar ziemlich perfekt. Ich weiss es nicht, aber ich habe den Eindruck, dass all dies kein Zufall ist. 

Woran das wohl liegen mag?  

Vielleicht, weil diejenigen, die sich keine Fragen stellen, nur in der Welt leben können, die ihnen massiv verkauft wird, und es für sie unmöglich ist, über die eigene Wahrnehmung der Welt durch Beobachtung, Neugier und Kreativität zu existieren? Nun, wir kaufen diese Version der Welt, weil wir nicht wissen, wie wir es anders machen sollen – und natürlich auch, weil wir zu faul sind, etwas zu ändern. Und ausserdem ist es das, was alle anderen schliesslich auch tun. Was für eine wunderbare Welt, die sie uns da feilbieten! 

Zum Schluss habe ich noch zwei Fragen: Gibt es jemanden, der hier bleiben möchte? Und: Wie kommen wir aus der aktuellen Situation heraus? Aus meiner kleinen, ungeschulten Ecke sehe ich zwei mögliche Wege: jenen der Massen und jenen der Kollektive der Individuen. Die Masse wurde bereits beschrieben, zumindest teilweise, denn das Ganze ist ziemlich komplex. Vor allem aber ist die Masse langweilig und typisch. Jeder, der sie von aussen betrachtet, wird verstehen, wohin sie sich verirrt hat. Hoffnungslos verirrt.  

Der Weg der Kollektive an Individuen dagegen steht weder beschrieben noch geschrieben. Es liegt an jedem Einzelnen es zu wagen: Davon auszugehen, dass er oder sie nicht weiß und aus Neugier – die trotz des zunehmenden Verlusts des Unterscheidbaren überlebt hat – zu beschliessen, das Kommende zu entdecken. Und zwar durch Neugier, Kreativität, Spiel und Resilienz. Und natürlich mit der Schlauheit, der Liebe und der Geduld, die notwendig sind, um in kleinen Kollektiven von Individuen, die die Theorien aufgeben und sich auf ihren gesunden Menschenverstand verlassen, neue unerforschte Wege zu entdecken – während alles, was bisher bekannt war, demontiert wird.

 

*Nicolás Cambas (1982, Argentinien) ist Künstler, Clown und Katalysator der kollektiven Transformation durch Kreativität. In den vergangen 18 Jahren hat er an der Schnittstelle zwischen Kunst und Schamanismus geforscht und als nomadischer Clown in Lateinamerika in engem Kontakt mit den Kulturen der Indigenen gelebt. Mit seinem methodischen Vorschlag CAMINOCREATIVO ist er in Europa und Lateinamerika präsent, um mögliche Wege für einen Paradigmenwechsel in dieser Zeit des kollektiven Wandels aufzuzeigen. Er lebt seit Jahren in Ecuador.

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25. Oktober 2021, Kalifornien, USA

 

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UN-Gipfel schweigt zu den Ursachen, warum unser Ernährungssystem versagt

(Hans R. Herren, Schweizer Insektenforscher sowie Landwirtschafts- und Entwicklungsexperte, USA*)

 

Am UN-Ernährungssystemgipfel 2021 wurde die Chance vertan, echte Alternativen zu den von Konzernen gesteuerten, umweltschädlichen Produktionsmethoden für unsere Lebensmittel zu finden. Es hätte ein Sprung nach vorne für die Zukunft des Planeten sein sollen, aber stattdessen war es ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man einen Gipfel eben nicht durchführen sollte.
Der UN-Gipfel zu den Ernährungssystemen sollte eine Wende in unserem gescheiterten Ernährungssystem herbeiführen und den Weg in eine klimaresistente, ernährungssichere und gerechte Zukunft weisen. Stattdessen stehen wir wieder am Anfang: ein Sammelsurium von guten, schlechten und hässlichen «Lösungen», aber ein ohrenbetäubendes Schweigen zu den eigentlichen Ursachen der Probleme, mit denen wir konfrontiert sind.

Ein internationales Gipfeltreffen zum Thema Ernährung war längst überfällig. Unser Ernährungssystem funktioniert weder für die Menschen noch für die Tiere oder den Planeten. Die Lebensmittelproduktion setzt grosse Mengen an Treibhausgasen frei, die den Planeten erwärmen und für 37 Prozent der Emissionen verantwortlich sind. Fettleibigkeit und Unterernährung nehmen zu, während die Fortschritte bei der Bekämpfung des Hungers ins Gegenteil umschlagen: Im vergangenen Jahr musste ein Zehntel der Weltbevölkerung hungern.

Eine Veränderung der Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren, verarbeiten und konsumieren, ist der Schlüssel zur Bewältigung all dieser Probleme. Das Gipfeltreffen war eine entscheidende Gelegenheit, um die Art von Veränderungen herbeizuführen, die ausserhalb dieser aussergewöhnlichen Momente schlicht nicht möglich sind. Was ist also schiefgelaufen?

Der übermässige Einfluss der Konzerne auf den Gipfel – ein Sektor, der weitgehend für den schlechten Zustand der Ernährungssysteme verantwortlich ist – hat von Anfang an für Kontroversen gesorgt. Das Gipfeltreffen ging eine enge Partnerschaft mit dem Weltwirtschaftsforum ein, einer privatwirtschaftlichen Organisation, die gegründet wurde, um die Interessen der Wirtschaft zu vertreten. Zudem wurde es von der Bill and Melinda Gates Foundation gesponsert, deren Verbindungen zum Privatsektor kein Geheimnis sind.

Dies führte zu einem Boykott durch Gruppen, die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sowie Kleinproduzentinnen und Kleinproduzenten vertreten, bis hin zu internationalen Nichtregierungsorganisationen. Ihre Bedenken waren wohlbegründet. Die Lebensmittel- und Agrarindustrie hat im Vorfeld des Gipfels die Transformation des Ernährungssystems thematisiert und dabei unter anderem die Themen Klima, Lebensgrundlagen, Natur und Transparenz angesprochen. Es gibt jedoch keine Garantie dafür, dass sich die Konzerne an die Regeln halten, wenn die Regierungen sie nicht zur Verantwortung ziehen.

Mangelnder Ehrgeiz war ein weiteres grosses Hindernis für den Erfolg. Die Notwendigkeit einer umfassenden Reform war noch nie so klar wie heute: Neue Zahlen aus der vergangenen Woche belegen, dass 87 Prozent der weltweiten Agrarsubventionen in Höhe von 540 Milliarden US-Dollar dem Klima, der Natur und der menschlichen Gesundheit schaden. Dennoch ist es dem Gipfel nicht gelungen, einen klaren Kurs in Richtung einer nachhaltigeren Lebensmittelproduktion einzuschlagen.

Es hat sich gezeigt, dass die Agrarökologie die Ernteerträge um fast 80 Prozent erhöht, den Zugang der Menschen zu Lebensmitteln verbessert und den Hunger reduziert, die Einkünfte der Bäuerinnen und Bauern steigert und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Überschwemmungen, Dürren und anderen Schocks erhöht. Nichtsdestotrotz ist die Agrarökologie nach wie vor stark unterfinanziert.

Zwar wurden auf dem Gipfel einige Zusagen zur Reform der Subventionen gemacht und einige Regierungen beginnen, die Agrarökologie ernst zu nehmen. Die meisten Fonds werden jedoch weiterhin einen Ansatz unterstützen, der mehr oder weniger dem «Business as usual» entspricht. So diente der Gipfel beispielsweise als Startrampe für AIM (Agriculture Innovation Mission for Climate), eine US-Klimainitiative zur Förderung einer «klimaintelligenten» Landwirtschaft, die sich weitgehend darauf konzentriert, die Klimaauswirkungen der derzeitigen – stark umweltverschmutzenden – Lebensmittelproduktion abzumildern, statt zu wirklich nachhaltigen landwirtschaftlichen Systemen überzugehen.

Das Gipfeltreffen wurde auch genutzt, um Spenden für die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) zu sammeln. Diese Initiative wird von der Gates-Stiftung finanziert und von Agnes Kalibata, der Sonderbeauftragten des Gipfels, geleitet. Mehr Geld für AGRA bedeutet mehr Lösungen von oben nach unten, die für die Afrikanerinnen und Afrikaner und nicht mit ihnen entwickelt werden.

 

„Die Regierungen müssen auf bestehenden Institutionen wie dem Ausschuss für Ernährungssicherheit aufbauen und dürfen diese nicht untergraben.“

 

Das letzte Aushängeschild des Gipfels war eine von oben nach unten gerichtete intransparente Arbeitsweise. Nirgendwo wird dies deutlicher als in der «Scientific Group», die eingerichtet wurde, um die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger schnell zu beraten, die aber wegen ihrer Voreingenommenheit zugunsten industriefreundlicher High-Tech-Lösungen in die Kritik geraten ist.

Die Organisatoren sahen sich gezwungen, die Pläne aufzugeben, diese Gruppe in ein ständiges Gremium umzuwandeln. Die Versuche, diese Version der Wissenschaft voranzutreiben, werden den Gipfel jedoch überdauern und drohen, die wichtige Arbeit bestehender Institutionen wie des Ausschusses für Welternährungssicherheit zu untergraben, in dessen wissenschaftlichem Gremium eine grössere Bandbreite von Stimmen, einschliesslich der Produzentinnen und Produzenten sowie der Zivilgesellschaft, vertreten ist.

Zusammengenommen haben diese Versäumnisse zu einem Gipfel geführt, der uns weiter von wirklichen Lösungen für die Ernährung und das Klima entfernt hat. Wie geht es nun weiter?

Um wieder auf den richtigen Weg zu kommen, muss ein Konsens über Ideen wie die Agrarökologie geschaffen werden, die nachweislich etwas bewirken. Damit dies erreicht werden kann, müssen die Regierungen auf bestehenden Institutionen wie dem Ausschuss für Ernährungssicherheit aufbauen und dürfen diese nicht untergraben. Denn sie werden von den Menschen unterstützt, die an vorderster Front von der Ernährungs-, Gesundheits- und Klimakrise betroffen sind. Dies ist das richtige Forum, um die Agenda für die Transformation unserer Ernährungssysteme wieder aufzugreifen und die Ideen voranzubringen, mit denen dies erreicht werden kann.

Der Klima- und der Biodiversitätsgipfel bieten uns eine weitere Chance, die Transformation des Ernährungssystems auf den Tisch zu bringen. Die Regierungen müssen diese Chance erkennen und ein faires und nachhaltiges Ernährungssystem in den Mittelpunkt eines Abkommens zur Senkung der CO2- und Methanemissionen, eines Abkommens zur Reduzierung der Entwaldung und von Ausgabenentscheidungen stellen.

Der Gipfel zu den Ernährungssystemen hat das «Business as usual» als etwas Neues aufgetischt. Angesichts der dringenden Klima-, Gesundheits- und Umweltkrisen können wir es uns nicht leisten, diesen Fehler erneut zu begehen.

 

*Dr. Hans Rudolf Herren (1947) ist ein Schweizer Insektenforscher, Landwirtschafts- und Entwicklungsexperte. Als Pionier in der biologischen Schädlingsbekämpfung bekämpfte er in den 1980er Jahren in Subsahara-Afrika erfolgreich die Schmierläuse, die dort das wichtige Grundnahrungsmittel Maniok bedrohten. Damit rettete er das Leben von über 20 Millionen Menschen. Als erster Schweizer wurde Herren dafür 1995 mit dem Welternährungspreis ausgezeichnet. 1998 war er Mitbegründer von Biovision, mit der er 2013 den Alternativen Nobelpreis «Right Livelihood Award» gewann. Er ist Präsident des Millennium Institute (Washington DC) und im Vorstand des Internationalen Verbands der ökologischen Landwirtschaftsbewegungen (IFOAM) tätig. Hans R. Herren lebt in Kalifornien.

Dieser Artikel ist am 23. September auf der Website der Thomson Reuters Foundation erstveröffentlicht worden. Die Übersetzung des Texts aus dem Englischen erfolgte durch Textcontrol, Zürich. Der Artikel ist seit Anfang Oktober auf der Webseite biovision.ch aufgeschaltet und erschien am 19. Oktober 2021 auch in der Zeitung «Zeit-Fragen».

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18. Oktober 2021, El Bolsón, Argentinien

 

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Feminismus & Ökologie: Kämpfe, die das Kapital nicht verdaut

(Adriana Marcus, Buchautorin und pensionierte Ärztin, Argentinien*)

 

Guten Morgen Leute 

 

Aus meinem kleinen Lehm-und-Holz-Haus im Andenwald Patagoniens betrachte ich die Auswirkungen des argentinischen Frühlings, der trotz des morgendlichen Frosts zum Spriessen und Blühen ruft. Und ich beginne über die Zeit nach der Pandemie nachzudenken, wozu mich die KollegInnen des Post-Pandemic-Planets eingeladen haben.

Ganz ehrlich: Ich war anfangs fasziniert davon, daheim zu sein. Normalerweise fahre ich alle zwei Monate zu meiner 95-jährigen Mutter, die 2000 Kilometer entfernt wohnt. Doch es sagte mir im Herbst 2020 durchaus zu, im gemeinsamen Gemüsegarten mit meiner Nachbarin zu arbeiten, zu plaudern, mit ihr gut auszukommen. Oder vor dem Holzherd zu stricken, selbstgemachte Bücher zu nähen, zu schreiben und zu lesen – ohne Zeitdruck oder die Eile, kochen zu müssen. Ich weiss, dass die meisten Menschen eine harte Zeit durchmachten, unter Druck gesetzt im Homeoffice, eingesperrt in winzige Wohnungen.

Es kam zu vielen Feminiziden, Depressionen, Panikattacken, Vernachlässigung alter und kranker Menschen und es gab viele Menschen, die sich auf Grund der Einschränkungen nicht um ihre Gesundheit kümmern konnten. Und jene, die einen Großteil des Lebens in den Städten aufrechterhielten, stammten ausgerechnet aus den am meisten gefährdeten Sektoren. Es waren die Hausangestellten und die unter prekärsten Bedingungen schuftenden Liefersdienstleistenden, die für das Leben der Mittel- und Oberschicht sorgten – zumindest hier in meinem Land, wo Arbeitslosigkeit, Inflation und politischer Klassenkampf die Bevölkerung verarmen liessen.

Vielleicht wird ja jetzt, nachdem das gelebte Leid sichtbar wurde, das urbane Leben allmählich in Frage gestellt. Yayo Herrero López, Anthropologin und Ökofeministin aus Madrid, sagt, dass Grossstädte nichts produzieren, was der Nachhaltigkeit des Lebens dient. Aber letztlich werden genau dort die Entscheidungen für uns alle getroffen

Warum, frage ich mich, mussten gesunde Menschen während Monaten millionenfach „unter Quarantäne“ gestellt werden? Es ist das erste Mal in der uns bekannten Geschichte der Menschheit, dass dies geschehen ist. Aus gesundheitlicher Sicht ist es sinnvoll, die Betroffenen auf die für ihre Genesung notwendige Ruhe hinzuweisen und die Nähe zu gesunden Menschen, die sich anstecken könnten, zu meiden.

Vielleicht war diese Entscheidung – die in Bezug auf die kollektive psychische Gesundheit, die Wirtschaft, die Arbeit, die Vernachlässigung älterer Menschen und die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen sehr kostspielig ist – eher politischer als gesundheitlicher Natur. Vielleicht wurde sie auch nicht auf der Ebene der nationalen Regierungen getroffen, sondern auf einer viel höheren Ebene. So geht regieren nunmal.

Wissen Sie, welche Erinnerung mich da gerade einholen? Jene zu den Malvinas (Falklandinseln). Sieben Jahre und sechs Tage nach dem Militärputsch in Argentinien am 24. März 1976 organisierte die Zentrale Arbeitergewerkschaft CGT (Confederación General de Trabajo) eine riesige nationale Mobilisierung „für Frieden, Brot und Arbeit“. Eigentlich mehr als lobenswerte Ziele, nicht? Doch auf die Delegitimierung der Demonstration folgte sofort eine grausame Repression. Und nur drei Tage später schickten die Machthaber um Diktator Jorge Rafael Videla (1925-2013) die Streitkräfte und Wehrpflichtigen in Richtung Malvinas, ein Gebiet, das wir als Territorium Argentiniens betrachten.

Eigentlich war dieses Manöver für den 9. Juli vorgesehen, dem Unabhängigkeitstag Argentiniens, also ein bedeutendes Datum. Man wollte durch die Rückgewinnung der Inseln gegen Grossbritannien eine zweite Unabhängigkeit feiern. Doch der Volksaufstand von Ende März 1982 kam dazwischen. Um diesen unsichtbar zu machen, schickte die genozide Diktatur, die zu diesem Zeitpunkt bereits breit in Frage gestellt wurde, das Militär Richtung Süden. Videla&Co. schürten dadurch auf seltsame Weise das fremdenfeindliche Feuer, das – wie wir wissen – die Menschen jenseits aller Vernunft vereint.

Es ist eine der grossen Lehren des Faschismus: ein riesiges, allgemeines Bedrohungsszenario zu schaffen, um einerseits die Menschen zu disziplinieren und andererseits sie zu vereinigen, sodass sie folgsam werden und ihre früheren Gefühle vergessen. Denn: Ein äusserer oder ein innerer Feind wirkt einend. Dies war der Fall beim Krieg um die Malvinas, der kurz und äusserst traumatisch war. Die kollektive Euphorie der ersten Tage schlug schnell in Empörung und schuldbewusste Gleichgültigkeit um, als die überlebenden Soldaten begannen, von ihren Erfahrungen zu berichten, und der Betrug aufgedeckt wurde.

Deshalb die Frage knapp vier Jahrzehnte später: Ist das Virus der unsichtbare und universelle Feind, der uns verbindet, und der uns die Zivilisationskrise, die Unfähigkeit des vernichtenden und selbstmörderischen neoliberalen Systems und die Krise von 2008 vergessen lässt und uns das Erwachen des Volkes – etwa die Aufstände in Ecuador, Bolivien oder Chile im Oktober 2019, die brutal niedergeschlagen wurden, oder die feministische Welle, die den Planeten erfasst hat – zu verbergen versucht, und damit auch der antipatriarchale, antikapitalistische und antikolonialistische Vorschlag, das Leben und nicht den Markt in den Mittelpunkt zu stellen?
Diesbezüglich möchte ich noch hinzufügen, dass in der Region, in der ich lebe, die Enkel der Indigenen, die den Genozid Ende des 19. Jahrhunderts überlebt haben („La conquista del desierto“), und die die Grundlage für die Gründung von Nationalstaaten bilden, daran sind ihre Sprache, ihre Kultur und ihr Land zurückzugewinnen und dadurch verdeutlichen, dass die Staaten nicht bereit sind, Wiedergutmachung für jene zu leisten, die als erste hier gelebt haben, und die sie auszurotten versucht hatten.

 

„Ich glaube, dass die Wissenschaft, die sich im Westen aus einer instrumentellen Logik entwickelt hat, die für das mechanistische Paradigma typisch ist, zu einer neuen Religion geworden ist.“

 

Was die Impfstoffe betrifft, teile ich Ihnen lediglich die Gründe für meine Entscheidung mit, mich nicht impfen zu lassen – wobei ich die Entscheidungen anderer respektiere, denn die Impfung ist fakultativ, und zwar deshalb, weil sie sich derzeit noch in einer Versuchsphase befindet. Siehe dazu auch die Nürnberger Protokolle in Bezug auf die ethischen Grundsätze bei der Einführung von Arzneimitteln. Dort heisst es, dass Freiwillige, die an einer experimentellen Studie teilnehmen – und dazu gehört die Impfung gegen Covid-19 –, über die Risiken informiert werden und wissen müssen, wohin sie sich im Falle von Nebenwirkungen wenden können, und dass sie aufgefordert werden, eine Einverständniserklärung zu unterzeichnen.

Es gibt vielfältige und widersprüchliche Informationen über die Impfstoffe. Doch abgesehen davon, dass mir die Nanotechnologie völlig fremd ist, veranlasst mich allein die Tatsache, dass ein Virus – ein Proteinpartikel, das Informationen in Form von DNA oder RNA enthält und zur Vermehrung die Infrastruktur einer lebenden Zelle benötigt, da es per se kein Lebewesen ist – unter Umgehung der natürlichen Eintrittswege durch eine Injektion in den Organismus gelangt und die natürliche Barriere der Haut verletzt, die Impfung abzulehnen.

Ich glaube, dass die Wissenschaft, die sich im Westen aus einer instrumentellen Logik entwickelt hat, die für das mechanistische Paradigma typisch ist, zu einer neuen Religion geworden ist. Wir vertrauen der Wissenschaft blind, und erwarten, dass sie uns von den fantastischen Ergebnissen ihrer Errungenschaften berichtet. Das menschliche Dasein hat sein Spiritualität verloren, mit der unsere Vorfahren in Beziehung standen; die Natur beispielsweise oder andere Lebewesen, mit denen sie zusammenlebten. Diese Entsakralisierung der Welt durch das wissenschaftliche Denken unserer heutigen Gesellschaft verwandelt die Subjekte (sämtliche Lebewesen) in Objekte und manipuliert die Natur durch Eingriffe, die ihre Physiologie und ihren Metabolismus ernsthaft verändern – und dies vor unseren naiven und vertrauensvollen oder eben blinden und gleichgültigen Augen. Um es in den Worten des katalanischen Musikers und Schriftstellers Joan Manuel Serrat auszudrücken: Die Wissenschaft „spielt mit Dingen, die nicht ersetzt werden können“. Dadurch umgeht sie der natürliche Lauf der Zeit, und betrügt dadurch unser Immunsystem.

Die Eingriffe, die wir Menschen zu unserem vermeintlichen Nutzen entwickeln – Stichwort Impfung –, greifen oft in physiologische Prozesse ein und schaffen neue Probleme. Und so zerbrechen wir uns den Kopf über die Suche nach weit hergeholten technologischen Lösungen, die in einer nicht enden wollenden Spirale von Komplikationen wieder neue Störungen hervorrufen. Davon sprach bereits die britische Autorin Mary Shelley (1797-1851) in „Frankenstein“, der durch Horrorfilme in seiner ursprünglichen Anprangerung verfremdet und verzerrt wurde.

Ich habe das Gefühl, dass der Impfstoff uns einerseits entlastet, es sich dabei aber um einen psychomagischen Akt handelt, der es uns ermöglicht, zu unserer geselligen, sozialen und gemeinschaftlichen Lebensweise zurückzukehren, die wir so sehr vermisst haben. Wir denken nicht viel darüber nach. Wenn es ausreicht, sich impfen zu lassen, um ein Leben wie früher führen zu können – reisen, Konzerte, Stadionbesuche, Fussball spielen, in die Schule oder Universität gehen, arbeiten – dann lasse ich mich impfen, und das war’s. Ich stelle lediglich meinen Körper zur Verfügung.

 

„Oder aber sie oder er lässt sich im Sessel der Bequemlichkeit nieder,
im Sessel des bereits Bekannten, und delegiert unser Schicksal an andere,
ähnlich wie es uns die repräsentative Demokratie und die TV-Superhelden lehren.“

 

Es gibt auch Menschen, die es vorziehen, nicht all zu viel zu fragen, und auf den Staat vertrauen. Sie fühlen sich von den Regierenden umsorgt und drücken sie in die Rolle eines Vaters, der ihnen Entscheidungen abnimmt und damit auch die Verantwortung für ihr eigenes Leben. Sie anerkennen, dass sie eigentlich nicht verstehen, worum es geht und lagern die Sorge um ihr Leben deshalb aus. Oder handelt es sich dabei möglicherweise doch um Bequemlichkeit, intellektuelle Faulheit, die Unmöglichkeit, eigene Gedanken zu entwickeln oder gar die Angst, aus der menschlichen Herde ausgeschlossen zu werden?

Tief im Inneren spielt die für die westliche Sichtweise so typische Angst vor dem Tod eine wichtige Rolle. Die Indigenen Lateinamerikas sehen das anders und wissen, dass der Tod zum Leben gehört, und dass wir Platz schaffen müssen für die, die nach uns kommen. Sie wissen, dass das Leben sterben muss, damit der Lauf der Zeit weitergeht – genau so wie wir es in der Natur beobachten können, die Natur, von der auch wir ein Teil sind. Kollektive Rituale, wie zum Beispiel der Tag der Toten in Mexiko, können sich so in festliche Ereignisse verwandeln.

Wie dem auch sei: Letztendlich tut jeder, was er kann, glaubt an das, was er glauben will, sucht und taucht, und geht weiter, bewusst und verantwortungsvoll. Oder aber sie oder er lässt sich im Sessel der Bequemlichkeit nieder, im Sessel des bereits Bekannten, und delegiert unser Schicksal an andere, ähnlich wie es uns die repräsentative Demokratie und die TV-Superhelden lehren.

Im Jahr 2020 fantasierte ich, dass Fidel Castro (1926-2016) vielleicht Recht hatte und dass wir „nur im Angesicht einer Katastrophe lernen“. Ich habe davon geträumt, dass die Stadt sich ihres Zustands als Parasit bewusst wird, dass sie die Bauernschaft, die sie ernährt, anerkennt, dass wir lernen, sparsam zu leben, auf das Wasser zu achten, verantwortungsvoll zu konsumieren, uns um die Abfälle zu kümmern, die wir erzeugen, unseren Konsum zu reduzieren, Solidarität mit denjenigen zu zeigen, die Hilfe brauchen, uns gesund ernähren, um gesund zu werden, anstatt uns mit Medikamenten zum Nutzen der Krankheitsindustrie vollzustopfen, bescheidener zu sein gegenüber anderen Formen, in denen sich das Leben ausdrückt: Tiere, Pflanzen, Gewässer, Berge beispielsweise. Ich träumte, dass wir erkennen, dass wir Teil des großen Netzes des Lebens sind, um davon auszugehen, dass wir verletzlich, voneinander abhängig – umweltabhängig – nur „ein Faden im großen existenziellen Gewebe“. Ich dachte, wir würden es besser machen.

Ich schätze, was wir erlebt haben, denn wir haben viel gelernt. Und ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir an Bewusstsein und Verantwortung gewonnen haben, an Respekt vor unserer Mutter Erde, Ñuke Mapu. Denn wir sind Teil der Natur. Ich bitte um Bescheidenheit und Dankbarkeit dafür, dass wir Teil des Ganzen sind!

 

Saludos desde Patagonia

Adriana Marcus

 

*Die Autorin ist pensionierte Allgemeinmedizinerin und hat in Argentinien vor allem auf dem Land praktiziert. Die ehemalige Gefangene während der argentinischen Militärdiktatur (1976-1982) ist Autorin mehrerer Bücher zum Thema ganzheitliche Gesundheit sowie Teil eines selbstverwalteten Buchverlages („Apuntes para la cuidadanía“). Sie lebt in Patagonien.

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