Montag, 15. März 2021, Zürich, Schweiz

 

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Blauer Frühlingshimmel alleine ist auch noch keine Lösung

 

 

Lieber Romano, alter Hippie

Liebe Postpandemikerinnen und Postpandemiker

 

Vielen Dank für deine liebestrunkenen Zeilen, Romano. Schön, von dir zu hören! Deine Beschreibung der Aussicht aufs Tumbaco-Tal hat mich neugierig gemacht, ich bin darum per Google Maps kurz rüber zu dir nach Ecuador gereist und habe dieses gelbe Streetview-Männchen ein bisschen durch die Strassen dort spazieren lassen. Leider habe ich keine Ahnung, wo du ungefähr wohnst, und so habe ich mich virtuell hoffnungslos verlaufen. Es mag Vorteile haben, wenn man sich übers Internet das andere Ende der Welt ins Wohnzimmer holen kann, die Frage ist halt einfach: Wen fragst du nach dem Weg, wenn du von ihm abgekommen bist?

An meiner Strasse in Zürich parkieren auch ziemlich viele Autos, ohne beschlagene Fenster jedoch, und soweit ich sehen kann, findet darin nichts statt, was das Sittlichkeitsempfinden der zwinglianischen Bürgerschaft verletzen könnte. Doch Frühlingserwachen herrscht auch hier. Vor gut drei Wochen begann es wärmer zu werden, und die Menschen blühten auf: Mir schien, als seien sie auf einmal freundlicher und entspannter und bewegten sich geschmeidiger. Als funkle in ihren Augen ein freudiger Glanz, als strahle ihr Lachen durch die hellblaue Hygiene-Einwegmaske hindurch.

Und ich strahle mit. Du kennst mich, Winter war noch nie meine Stärke, und dieser Winter hatte es in sich. Die Kälte im Januar, die ständige Dunkelheit auch tagsüber, weil kaum jemals die Sonne schien. Und dann waren all diese Dinge nicht möglich, die mir gewöhnlich über die Winter hinweghelfen: Freunde zum Fondue einladen, mal ein Feierabendbier im «Si o No», vielleicht gar wieder mal eine ausufernde nächtliche Tour durch viel zu volle und viel zu laute Bars, an einem trüben Sonntagnachmittag ins Kino, ins Museum. Ging alles nicht. Die sozialen Höhepunkte bestanden aus Spaziergängen mit anderen Menschen bei null Grad und der Entdeckung, dass die Hygienemaske das Gesicht angenehm wärmt, auch wenn natürlich die dauerbeschlagenen Brillengläser etwas nerven. Es war ein bedrückender Winter ohne Leichtigkeit, ohne Witz, ohne Charme. Monate, die sich anfühlten wie ein nie enden wollender garstiger Wintertag. Und darum strahle ich, jetzt, wo es wärmer wird, ich strahle vor Zuversicht.

Wobei ich mich manchmal frage: Zuversicht? Was ändert der blaue Zürcher Frühlingshimmel denn an der ganzen Situation, in der die Welt steckt? Klar, sage ich mir dann, er ändert nichts, er nährt einfach Hoffnung. Um mich gleich danach zu zu fragen: Hoffnung worauf? 

 

“Viele Leute sagen, sie wollen zurück zur Normalität, doch frage ich mich, was sie damit meinen.
Man wird nicht so tun können, als habe es keine Pandemie gegeben. Selbst in der Schweiz,
wo es immer heisst, es sei genug Geld da, um damit alle Probleme zuzupflastern,
tun sich Gräben auf, die wohl lange zu spüren sein werden.”

 

Der erste Teil der Antwort ist einfach: Hoffnung, dass es bald vorbei ist. Dass Covid-19 seinen Schrecken verliert, dank der Impfung, dank anderen medizinischen Fortschritten, dank einem Umgang, den wir mit dem Virus hoffentlich finden, und der es uns ermöglicht, mit ihm zu leben, nicht gerade in Eintracht, aber doch wenigstens mit einer gewissen Gelassenheit. Und: dass das gesellschaftliche Leben zurückkehrt, die Bewegungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit. Dass all diese behördlichen Restriktionen aufhören – denn ich halte sie im Ausmass, in dem sie in der Schweiz gelten, zwar für angebracht und notwendig, doch ich spüre, wie meine Geduld schwindet, sie noch lange ertragen zu müssen.

Der zweite Teil der Antwort ist schwieriger. Denn: Wie wird das Leben aussehen, wenn alles vorbei ist? Wie wird die Welt aussehen? Und was machen wir damit?

Viele Leute sagen, sie wollen zurück zur Normalität, doch frage ich mich, was sie damit meinen. Man wird nicht so tun können, als habe es keine Pandemie gegeben. Selbst in der Schweiz, wo es immer heisst, es sei genug Geld da, um damit alle Probleme zuzupflastern, tun sich Gräben auf, die wohl lange zu spüren sein werden: Ein grosser Teil der Jugend zum Beispiel – vor allem jener, der aus ohnehin schon benachteiligten Familien stammt – wird sich mit einem Bildungsdefizit herumschlagen müssen, das er den Corona-Massnahmen verdankt, wird den Sprung ins Berufsleben später und schlechter schaffen, und vielleicht gar nie so recht. In Frankreich sind acht Millionen Menschen – darunter viele Studierende – auf Lebensmittelhilfe angewiesen. In Italien leben heute eine Million Menschen mehr in absoluter Armut als noch vor einem Jahr. Zurück zur Normalität, das wird kein Spaziergang.

Und dann gibt es Leute die sagen: Welche Normalität überhaupt? Und warum sollen wir zurück wollen zu einer Normalität, die zumindest in der westlichen Welt zu einem wesentlichen Teil darin bestand, auf Kosten des Planeten über unsere Verhältnisse zu leben? Und das stimmt, finde ich. Zurückgehen ist keine Option, schon alleine deswegen, weil das einfach nie klappt mit diesen Zeitreisen zurück in die Vergangenheit. Also vorwärts, einverstanden. Aber wohin genau? Die Pandemie sei eine Chance, ist zuweilen zu lesen, nebst anderen euphorischen Verkündigungen. Neue Denk- und Verhaltensweisen könnten sich nun durchsetzen, an einem Wendepunkt der Geschichte seien wir angelangt. Vielleicht stimmt das alles. Aber vielleicht ist es auch einfach Wunschdenken von Leuten, die es furchtbar aufregend fänden, einen historisch bedeutsamen Moment mitzuerleben, während sich wirkliche Zäsuren so leise vollziehen, dass sie von den meisten Menschen unbemerkt bleiben – plötzlich sind ihre Auswirkungen da, und erst Jahre später begreifen wir, wann das eigentlich begonnen hat. 

Ja, ich hoffe, dass wir die Pandemie bald geschafft haben. Und dann? Mein Feierabendbier im «Si o No» werde ich in ein paar Wochen wahrscheinlich wieder haben. Alles andere erscheint mir eher wackelig.

Du merkst es Romano: In mir blüht die prächtigste Ratlosigkeit. Und ja, auch Müdigkeit ist da, genau wie bei dir. Müdigkeit von dem Virus, dem Kriegsgerassel, von den Nachrichten. Du hast schon recht, wir Journalistinnen und Journalisten spielen eine merkwürdige Rolle in dieser Krise; wenn sie einmal überstanden ist, wird man analysieren müssen, was wir da eigentlich getan haben. Die Informationspflicht zu erfüllen ist das Eine – aber wie viel im Grunde nicht wirklich Relevantes haben wir verbreitet? Wie viele der Artikel und Beiträge über das Auf und Ab der Ansteckungen, den Mangel an Beatmungsgeräten, die geöffneten Terrassen in Skigebieten oder die schleppend anlaufende Impfkampagne brachten den Menschen tatsächlich einen Erkenntnisgewinn, und nicht bloss ein Gefühl der Hilflosigkeit, gekrönt durch eine gelegentliche Panikattacke? 

Also gut. Was tun? Du schlägst Liebe vor, und das klingt gut. Wobei, ehrlich gesagt, auch ein bisschen arg simpel und nach Woodstock. Ist halt auch ein grosses Wort, Liebe. Aber ich nehme an, dein Begriff von Liebe ist auch mit Worten wie Wohlgesonnenheit oder Wohlwollen umschreibbar, und da bin ich bei dir. Wohlwollen anderen Menschen gegenüber hilft generell, auch bei solchen, mit denen man eigentlich nicht allzuviel zu tun haben möchte. Da geht man sich bei Meinungsverschiedenheiten wenigstens nicht sofort an die Gurgel. Man muss ja nicht gleich zerfliessen vor Liebe.

 

“Hier ist in linksurbanen Kreisen der neuste Shit, selber Sauerteigbrot zu backen, Bier zu brauen, im Hochbeet Salat zu pflanzen und sich allerhand Geschirr zu töpfern. Das ist ja eigentlich auch völlig in Ordnung. Nur habe ich den Eindruck, dass damit häufig ein völliger Rückzug ins Private einhergeht.”

 

Und dann schreibst du von den Dingen, auf die du dich konzentrierst, um den ganzen Wahnsinn der Welt etwas von dir fernzuhalten: Kampfkunst, die nachbarschaftlichen Beziehungen, der Garten, gemeinsame Mahlzeiten. Selbstfürsorge, lautet wohl der trendige Begriff dafür. Und klar, es ist wichtig, für sich selbst und für sein Wohlbefinden zu schauen, auf einem Kalenderblatt im Wartezimmer beim Zahnarzt würde wohl stehen: du kannst nur Gutes tun, wenn es dir selber gut geht. Ein Kalenderblatt weiter könnte dann stehen: wenn du die Welt verbessern willst, dann beginne in deinem engsten Umfeld damit. Klingt alles furchtbar banal, und dennoch ist es nicht falsch.

Und gleichwohl gibt es einen Fallstrick bei dieser ganzen Selbstfürsorge: das neue Biedermeier. 

Wahrscheinlich ist das ein Phänomen, das nicht nur in Zürich auftritt, sondern auch in vielen anderen westlichen Städten mit einer eher wohlhabenden Mittelschicht. Aber hier ist in linksurbanen Kreisen der neuste Shit, selber Sauerteigbrot zu backen, Bier zu brauen, im Hochbeet Salat zu pflanzen und sich allerhand Geschirr zu töpfern. Das ist ja eigentlich auch völlig in Ordnung. Nur habe ich den Eindruck, dass damit häufig ein völliger Rückzug ins Private einhergeht. Dass es sich diese Leute einfach schön gemütlich machen daheim und mit der Welt draussen nichts mehr zu tun haben wollen. Dass für sie der Lockdown ewig weitergehen könnte, weil sie dann keine Leute treffen müssen, keine fremden Ansichten und Eindrücke aushalten müssen. Einfach schön kuschelig daheim am eigenen Bierchen nuckeln. 

«Post pandemic planet» heisst unser Briefwechsel – und wenn ich auf diesem postpandemischen Planeten auf eine westliche Gesellschaft träfe, in der den Menschen vögeliwohl dabei wäre, einfach mit ihrer Kernfamilie daheim zu hocken, Sauerteigbrot zu knabbern und Netflix zu gucken, dann würde ich finden: nicht so gut. Ich glaube: Wir müssen alle wieder raus, sobald es geht. Nicht um die Weltrevolution anzuzetteln (gegen derartige Unterfangen bin ich misstrauisch), sondern um Öffentlichkeit zu schaffen. Um uns auf Plätzen zu begegnen, auf Strassen, in Lokalen, um von Angesicht zu Angesicht Argumente auszutauschen statt uns bloss in sozialen Netzwerken anzubrüllen. Um draussen die Anliegen anderer zu erkennen, um solidarisch zu sein mit Leuten, die unter die Räder kommen.

Und vielleicht sind daher nicht nur die Pärchen Rebellen, die sich in deiner Strasse in einem Auto zum Schäferstündchen treffen, Romano. Sondern auch die Leute, die das Feierabendbier nicht daheim trinken, sondern im «Si o No», sobald das wieder geht. Weil sie dann vielleicht mit den Leuten am Nachbartisch ins Gespräch kommen, Banalitäten oder Tiefgründiges austauschen, sich mögen, sich auf die Nerven gehen. Was man eben so tut als Mensch.

Feierabendbier mit dir wär auch mal wieder schön, Romano. Ist gerade aber etwas schwierig, so über den Ozean. Kannst mir ja eine Kneipe bei dir in der Gegend angeben. Ich komm dann mit dem gelben Streetview-Männchen vorbei, wenn ichs finde.

 

Liebe Grüsse und gehab dich wohl,

Markus

 

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