Montag, 29. März 2021, Mals, Italien

 

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Nach innen gehen und rausspazieren?

 

Werte Post-Pandemiker, 

 

Erinnert ihr euch an Woody-Allens Film «Was Sie schon immer über Sex wissen wollten (aber bisher nicht zu fragen wagten)»? Er wurde einige Jahre vor eurer Geburt gedreht, lief jedoch häufig im Fernsehen oder in den Programmkinos. Nach der Lektüre eurer Briefe fiel mir diese fantastische Filmszene ein, worin ein schwarzes Spermium inmitten weisser Kollegen reichlich verwirrt in Richtung Uterus rutschte: «Hilfe, ich bin hier falsch!», rief es immer wieder, bevor es in der Menge verschwand. 

Dieses kleine schwarze Kerlchen; nun kann ich mir vorstellen, wie es sich gefühlt hat. Anders drauf, anders denkend, anders eben. Denn ich bin sie, Markus, die schon Jahre vor der Pandemie liebend gerne auf der heimischen Terrasse sass und die Sonne beim Untergehen bewunderte und auch damals kaum Bedarf nach lustigem Treiben im Dorf hatte, damit sie nicht noch eine andere Meinung hören musste: die Spiesserin. Auch bin ich jene, die sich, im reichen Südtirol lebend, mit all jenen Ecuadorianerinnen, die von der Hand in den Mund leben, bestens identifizieren kann: das Prekariat. Und eine, die sich wundert, ob die Charaktere all jener, die sie im Laufe langer Wintertage erfindet und erfunden hat – wenn kein Job vorhanden ist, der das Geld zum Leben bringt – nicht zu blass sind: die Bohémienne. 

Das macht also zusammen: Eine Prä-post-prekäre-Pandemische-Bohémienne-Spiesserin, heute mit Pulswärmern, weil der Kamin nicht zieht, wir kein Feuer machen können und die Fingerchen während des Schreibens einzufrieren drohen. 

Doch muss ich wirklich vor die Türe, wenn rote Zettelchen auf dem Bürgersteig – vom Wind angetrieben – an den Gummistiefeln auf dem Weg zu den Hühnern kleben bleiben? Denn so etwas passiert durchaus. Heute zum Beispiel. Da wirbelte doch diese rote DIN-A4-Seite in schwarzer Schrift auf Wadenhöhe herum, mit dem herausragenden Titel: «Der Wunsch nach mehr». Naja.
Der Text beginnt mit einer Frage, die eine Frage aufwirft: Soll man darüber stolpern oder gleich laut loslachen?: «Was haben Sie sich von der Pandemie erwartet?». Weiter ging’s mit Aussagen rund um die Pandemie und um die Verfassung Italiens, insbesondere ist hier der Verweis auf das Recht auf Arbeit von Interesse. 

 

La Repubblica riconosce a tutti i cittadini il diritto al lavoro 

e promuove le condizioni che rendano effettivo questo diritto. 

Ogni cittadino ha il dovere di svolgere, secondo le proprie possibilità 

e la propria scelta, una attività o una funzione che concorra 

al progresso materiale o spirituale della società. 

 

Arbeitslosigkeit gab es – Verfassung hin oder her – übrigens auch vor der Pandemie. Das rot-unterlegte Schreiben dreht sich um alles, was laut VerfasserIn nicht rund läuft: «Maskentragen ist strafbar», so steht’s geschrieben, das sei nur zu Fasching erlaubt. Bei einer Anzeige von Seiten der Polizei solle man diese einfach nicht unterschreiben. Jeder Bürger und jede Bürgerin habe sich frei zu bewegen, sich frei zu machen von diesem Wahnsinn, es sei denn, er oder sie habe ein Verbrechen begangen, die psychologischen Folgen würden jene tragen, die die Unschuldigsten von allen seien: die Kinder. Diese Gefangennahme, entnehmen wir den Zeilen, sei drauf und dran, die Menschheit auszurotten. 

Beim Lesen fällt mir die Krankenschwester ein, die in einem Altenpflegeheim arbeitet. Und die berichtete, dass sie es sich nicht mehr leistet, die Entscheidungen der Politik, ob richtig oder falsch, zu beurteilen. Ansonsten würde sie tatsächlich wahnsinnig. Bei 14-Stunden-Schichten, etlichen Todesfällen und dem dauerhaften Maskentragen lautete ihre Devise irgendwann nur noch: «Ihr entscheidet, wir setzen um. Sonst drehen wird durch». Aufmerksam wird man auch auf jenen Angestellten, der sich, als einige Gemeinden in Südtirol aufgrund der südafrikanischen Mutation zur Sperrzone wurden (inmitten der Sperrprovinz in der gesperrten Region im zugesperrten Land), einmal die Woche Urlaub nahm, damit er sich nur zweimal anstelle der viermal wöchentlich testen lassen musste. In Hessen/Deutschland gibt es nun ein mobiles Testzentrum für Schülerinnen und Schüler. Eines. Für ganz Hessen. Nach einem Jahr Pandemie-Verordnungen! Gestern verordnete Angela Merkel etliche Osterruhetage, heute sind sie bereits wieder auf der Dann-doch-nicht-To-Do-Liste gelandet. Kurz: der Wahnsinn lauert so oder so; ob nun Coronaverordnungen befolgt werden oder nicht. Und er liegt vielmehr in der intensiven Beschäftigung mit Corona als in der Krankheit selbst.

Was wäre denn, wenn wir der Pandemie deutlich weniger Gewicht gäben? Man muss keine Leugnerin sein, um keine Lust mehr zu haben auf eine derart einseitige Sicht auf die Welt. Der Planet ist ja nicht nur mit Corona, sondern vor allem mit einer Corona-Sichtweise infiziert. Wenn wir ein kleines Stück zurückgingen? Dorthin, wo die grössten Baustellen warten. Die klobigen Stiefel und die groben Arbeitshandschuhe anziehen und beginnen, die Steine neu zu ordnen oder den Grundstein mal woanders hinzusetzen? Das Artensterben schreitet voran, der …, nun, ich will das überstrapazierte Wort dafür (vor einiger Zeit noch in aller Munde) nicht benutzen, schreitet voran … Jetzt wisst ihr alle, was kommen könnte, nämlich die ganze Litanei, wie wir den Planeten retten könnten. Ihr kennt die Worte, ihr kennt alle wissenschaftlichen Argumente dafür, ihr kennt die wirtschaftlichen Argumente dagegen. Ich kenne sogar mein eigenes bescheidenes Verhalten, das kaum jemals perfekt und manchmal – fast schon gewissenlos ist. 

Ihr wisst ja, dass Sauerteig-in-der-Designerküche-herstellen der neue champagne-socialism ist, und ihr wisst auch, dass noch nicht einmal sauberes Konsumverhalten und Energiesparen uns direkt und sofort aus dieser wirklich planetarischen Krise retten kann: Erst einmal nicht. Doch träumen – das können wir immer. 

 

“Werte Postpandemiker, ich glaube nicht, dass es Leute wie mich für kluge Kommentare über die Zukunft des Planeten braucht, wenn ich schon beim Ostereierfärben scheitere.” 

 

Also träume ich mich in eine Schule, deren Schulbücher neue Themen haben. Eine neue Schule, in der Solidarität als cool und Respekt vor dem noch so kleinsten Lebewesen als sexy gilt. Kritisches Hinterfragen von Tatsachen, Schulbücherinhalten und LehrerInnenaussagen? Ha, das lernen die Kids schon in der Grundschule. Und während sie solidarisches Handeln durchnehmen, würden sie mit der bezaubernden Nachricht konfrontiert, dass alle Abgeordneten des Südtiroler Landtages für den Rest des Coronajahres einer Halbierung ihrer Gehälter zustimmen, um die andere Hälfte in Not geratenen Menschen zugute kommen zu lassen. Den Vorschlag gibt es in der Tat – von einem Abgeordneten! Er hatte seine liebe Mühe, damit überhaupt bis zur Öffentlichkeit vorzudringen. Er war, wen wundert’s, auch der Einzige mit diesem Vorschlag. 

Und ich träume, wenn sie gerade das Fach: «Artenschutz lokal – Was Gemeinden und BürgerInnen tun können» durchnehmen, dass der Südtiroler Gemeindeverband neue Möglichkeiten für das praktische Umsetzen von vielfältigem Lebensraum schafft und die für die Landwirtschaft vorhandenen Gelder sorgsam und zukunftsorientiert umschichtet. Und da die Verantwortlichen wissen, dass SchülerInnen solche Fächer haben, wenden sich sich an die Schulen: Projekttage von SchülerInnen werden unbürokratisch ermöglicht. Während die Jugend eifrig projektiert, sieht sie, dass nicht alles nur heisse, sondern echte Luft zum Atmen für die Arten ist. Ohne die Jugend und die nachkommenden Generationen wird es nicht gehen, dass wir die Steine neu aufstellen, mit Licht für die Sonne zum Durchscheinen und mit gutem Grün zum Ausruhen. 

Naiv! Was ist diese postpandemische Spiesserin aus dem Bohème-Prekariat naiv! Sie, die gerade gestern noch sagte: «Keinen Bock auf Eierfärben mit Zwiebelschalen und biologisch angebauter Roter Beete. Ich will sie diesmal schreiend bunt – und wenn das Zeug noch so chemisch hergestellt wird!» Frei nach Kirchenvater Augustinus: «Gib mir Keuschheit, aber jetzt noch nicht». Halleluja, was für eine Inkonsequenz. Werte Postpandemiker, ich glaube nicht, dass es Leute wie mich für kluge Kommentare über die Zukunft des Planeten braucht, wenn ich schon beim Ostereierfärben scheitere. 

Das Einzige, was uns derzeit retten kann? Die Zeit, die wir uns nehmen, selbst nachzudenken, anstelle als Nachrichtenjunkie kaputt in der Ecke zu landen: ob auf einem Boca da lobo-Sofa oder mit Mütze und Handschuhen im Bett der ungeheizten Wohnung ist dabei schnurzpiepegal. Damit jede und jeder wenigstens das Stück Leben an Tageslicht befördern kann, das dort im Inneren wohnt und das nur eines will: rauskommen. Und wenn als einziges schwarzes Samenteilchen in einem Pool voller weisser Kollegen – auch hundewurscht! Die Frage bleibt natürlich bestehen, ob das eine Lüge in die eigene Tasche ist, oder ob es sich schlichtweg um die Einsicht handelt, dass die Kritik, wenn sie sich an alles Äussere richtet, nicht wirklich weiterführt. Also was ist diese Einstellung nun: Eher Joseph Campbell:  «Wir befinden uns nicht auf unserer Reise, um die Welt zu retten, sondern um uns selbst zu retten. Aber indem wir das tun, retten wir die Welt.» – oder die bürgerlich-bequeme Ansage an das eigene, heimelige Wohlbefinden? 

 

Mit verwirrten Grüssen an euch alle und in Erwartung der kommenden postpandemischen Briefe

Katharina

 

P.S. Ein bisschen verwirrt zu sein ist übrigens ein Zustand, der keineswegs zu verachten ist. 

P.P.S. Ein Blick zurück: Das Werk von James Agee und Walker Evans: «Let us now praise famous men» (1941) setzte in den USA neue journalistische Massstäbe. Fotografien wie jene von Dorothea Lange, Gordon Parks oder Marion Post Wolcott, nun, sie wären nicht hier, hätte es im Rahmen der Farm Security Administration nicht jenes Programm gegeben, dass Fotografinnen und Autoren finanziell unterstützte, um die dramatische Situation der FarmerInnen in den USA zwischen 1935 und 1944 zu dokumentieren. Das heutige kulturhistorische Archiv hat damals jenen Kulturschaffenden einen bezahlten Job geboten. Wäre das nicht etwas für uns heute? 

 

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