Montag, 24. Mai 2021, Mals, Italien

 

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Von kollektiven Kochtöpfen, bärigen Sauviechern und schmelzenden Bühnen

 

Wertgeschätzte Brieffreunde,

 

Udo Lindenberg wurde vor wenigen Tagen 75 Jahre alt. Die eierlikörliebende Kultgestalt schätzt Hermann Hesse, hat ein neues Album herausgebracht, und Mittendrin tönt es: «Für uns ist love & peace die einzige Währung und auch die dunkelste Stunde hat nur 60 Minuten». Richtig gelesen, Romano, love & peace, und: Zu den Binsenweisheiten auf Kalendern und mit zarten Blümchen geschmückten Büchern – übrigens zu einem Preis, der in einen Nipozzano von Frescobaldi sinnvoller investiert wäre – kommen wir noch, Markus.

Und da beim Wein, klären wir gleich die Sache mit den Frikadellen, Claudio: Fleischkrapfln sagen sie hier in Südtirol, Buletten im Nordosten Deutschlands, Boulette die Franzosen, Fleischpflanzerl werden in Bayern gegessen, Bratklops und Fleischlaberl liegen hunderte von Kilometern voneinander entfernt und sie zeigen, rund und deftig, wie sie sein können, dass Kochen auch ohne Yotam Ottolenghi und Ana Roš funktioniert. Gleiches gilt für die Gerichte aus den Töpfen Siziliens, zusammengefasst in Profumi di Sicilia von Giuseppe Coria, und die Spiegel unzähliger Mittag- und Abendessen, Festtafeln und Werktagsgerichte sind – anstelle der Ideen weniger Köpfe mit Kochlöffeln. Nicht so chic, kaum spektakulär, eher einfach. La Bibbia della cucina siciliana ist seit rund 40 Jahren ein Dauerbrenner des Verlags.

Apropos Bibel: Thomas Münzer hat sich nicht wie Martin Luther mit den damals Wachteln verzehrenden und den Bauern das Jagd- und Fischereirecht beschneidenden Fürsten einigen wollen. Angeblich hatte er – drei Jahre vor der Luther’schen Bibelrevolution – in deutscher Sprache gepredigt, auch Frauen durften in seinem Kirchenchor mitsingen, seine Gattin, ehemalige Nonne, hiess Ottilie von Gersen und angeblich rannten ihm die Gläubigen die Kirche ein, so beliebt soll er beim Volk gewesen sein. «Dem Satan von Allstedt», wie Luther ihn nannte, wurde im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat DDR gehuldigt, er erschien auf der Fünf-Mark-Note und bekam stattliche Denkmäler. Ihn, der auf der Seite der Bauern gegen die Söldner von Philipp von Hessen kämpfte, hatte die Bundesrepublik jedenfalls fast vergessen.

Ebenso verplombt scheint der constructive journalism. Hin und wieder bricht er durch, funkelt flackernd und verglüht am medialen Sternengewölbe. Sogar eine kleine Lokalzeitschrift im Vinschgau wollte vor etlichen Jahren in diesem Topf mitrühren. Vorgestellt wurden junge Leute, die etwas bewegen wollen. Kurz erwacht, schnell eingeschlafen. Wäre es weitergelaufen, würden wir seit dieser Zeit wöchentlich von einem jungfräulichen Projekt, einem ungewöhnlichen Traum, einer frischen Tat lesen können. So schlecht wäre das nicht. Warum ging da die Puste aus?

Romano hat mit dem konstruktiven Journalismus etliche Vorarbeit geleistet. Weiter so möchte man skandieren! Doch ohne auf Missstände aufmerksam zu machen, braucht es den Journalismus gar nicht mehr. Wer nur konstruktiv berichtet, der kann gleich PR machen. Jean Ziegler macht selbst dann PR für sich, wenn er sagt, dass – in den frühen Jahren in Cuba, bei einem so sensiblen Projekt – Pressefreiheit erst einmal hintenanzustellen sei. Schüttelt keiner wild mit dem Kopf?

Als die Flugzeuge 2001 in das World Trade Center krachten, schaute die westliche Welt hin, wir starrten in einem Frankfurter Büro auf den Bildschirm. Fassungslos. Eine Fassungslosigkeit, die einen Krieg im Auge hatte, der auch kam – ganz anders, als wir ihn uns vorstellten – und die wir nächtelang diskutierend unter uns aufteilten. Der Investor, für den ich arbeitete, und – in einer Vermögensklasse beheimatet, mit der wir zuvor eher wenig Bekanntschaft gemacht hatten – zeigte eine andere Reaktion; nämlich eine kaum spürbare. Sie war der unerschütterlichen Erkenntnis geschuldet, dass der Feuersturm – so wie alle anderen Orkane – seinem Leben, wie es war und sein würde, wenig anhaben konnten. Schon damals klappte der Mund vor Verwunderung kaum mehr zu. Distanz ist käuflich.

 

Da die Teller und Becher gefüllt und die Betten weich sind, der Arzt in der Nähe weilt, hoffentlich auch der nächste Gehaltsscheck; so wünsche ich euch die Möglichkeit des Miteinanders.

 

Markus, wenn du vom Durchwursteln schreibst, triffst du den Kern der Sache. Mit Hilfe der neuen Krisenerfahrung, so scheint mir, könnten wir vielleicht erstmalig in Ansätzen verstehen, was es bedeutet, wenn von einem Tag auf den anderen unsere Welt Kopf steht. Besser, wir schöpfen jeden Tag genug Wasser aus dem Kahn, um weiterzufahren.

Unsere Corona-Erfahrungen sind nicht vergleichbar mit denjenigen von Menschen im Krieg, den sie selbst nicht angezettelt haben. Nicht vergleichbar mit denjenigen, die Meere überqueren, um ihrem Leben Hoffnung zu geben. Nicht vergleichbar mit dem Verlust von allem Geliebtem derjenigen, die nach 1986 aus Tschernobyl verbannt wurden oder der Panik, dass der Klimawandel den Grund und Boden der heimatlichen Insel wegspült. Angesichts der Coronakrise wird jedoch nachempfindbarer, was Menschen in anderen Zeiten oder auf anderen Kontinenten oder in anderen Arbeitsbedingungen täglich leisteten und leisten, um ein kleines Stück Glück unserer regenundurchlässigen Dächer, vollen Teller, unseres sauberen Trinkwassers, der erhofften Urlaubstage, der jahrzehntelangen Sicherheit vor Krieg zu erhaschen. Wenn Corona uns dazu bringt, mitzufühlen, wäre das nicht ein erster Schritt?

Dann wäre die Krise sehr wohl eine Chance, die man gar nicht vertun kann. Einfach mal eintauchen und mitfühlen. Damit ist noch nichts verbessert. Aber gelangen wir derzeit nicht näher an das Begreifen, wie nicht nur in der Natur alles miteinander verbunden ist, sondern auch wir untereinander? Und dass wir nicht so abgeschottet sind vom restlichen Glück und Elend der Welt, wie wir immer glaubten?

Ihr seid nicht überzeugt? Kein Problem, nicht alle polpette gelingen ohne Anleitung. Vielfältiger noch als die gesammelten kulinarischen Wunderwerke Siziliens und für die staunende Leserschaft so abwechslungsreich wie opulent – verzeiht diese Geschmacklosigkeit – ist die Lektüre von Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft. Oder auch: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Die Autorin lässt die Menschen zu Wort kommen. Tausende von ihnen. Zack, die Vorstellung Leben, wie du es kanntest? Vorbei. Der Vorhang brennt. Die Bühne schmilzt. Was nun?

Endlich haben auch wir eine Chance. Mal nicht nur mitzureden. Sondern zu versuchen, ein spärlich’ Stückchen mitzufühlen. Ein erster Schritt. Auch wenn ihm, schönreden hilft nicht, «dieses Triumphgeheul über Binsenweisheiten», wie Markus es treffend nennt – in rosa Blümchen gebettet und im Internet jederzeit abrufbar – ab und an vorausgeeilt sein mag.

Da die Teller und Becher gefüllt und die Betten weich sind, der Arzt in der Nähe weilt, hoffentlich auch der nächste Gehaltsscheck; so wünsche ich euch die Möglichkeit des Miteinanders. Ayllu kann auch hier geschehen und vergessen wir nicht: Das Elend wohnt manchmal im dritten Stock.

 

Katharina

 

PS: Der Klappmechanismus für einen sich schliessenden Mund, der vor Erstaunen wieder einmal weit geöffnet war, setzte angesichts eines kürzlich gesehenen Videos völlig aus. Ein Bär wird von einem Haus aus gefilmt, als er versucht, über einen Zaun zu steigen. Die Filmer filmen nicht nur, sondern kommentieren munter: «So ein Sauvieh. So ein Schwein». Der Widersinn dieser Bezeichnung lässt Rückschlüsse zu.  

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Montag, 26. April 2021, Mals, Italien

 

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Wenn die Unterschiede zu gross werden, ist man entweder zu alt oder fast tot

 

 

Werte Brieffreunde, postpandemische KorrespondentInnen und LeserInnen

 

Ohne euch auf diese Distanz zu nahe treten zu wollen, und ihr könnt mich korrigieren: Der ein oder andere von euch ist auch verwirrt – offensichtlich sind wir das alle auf recht individuelle Weise. Beruhigend ist es nicht, aber nicht nur wir sind verwirrt, sondern auch jene, die gar nicht merken, wie wirr sie sind. Deutlich wird auch: die Verwirrung steigt. Doch das ist nicht nur Corona geschuldet.

Am Küchenfenster klopfte neulich ein Finger, der zu einem Bekannten aus Deutschland gehörte: Zeit habe er keine, nur zwei Tage unterwegs, er müsse gleich weiter. Er streckt die Hand aus, ich schüttele kräftig, «Ach, so eine bist du nicht?», (also eine Keine-Händeschüttlerin), er erklärte noch freudestrahlend, dass er zu den Verschwörungstheoretikern gehöre, das habe er ganz zu Beginn schon gesagt, das Ganze werde ums Impfen gehen. Dreht sich um, stolziert aus dem Hof, schliesst das Eisentor, weg ist er. Digital schreiben Freunde aus weiter Ferne, man solle doch über die Nasenflügeltests, die Lehrerinnen und Lehrer um 7.30 Uhr mit der Brut und Zukunft der Provinz durchführen, schreiben, so etwas gehöre an die Medien, so gehe das ja nicht, den bekannten Herrn aus Deutschland, diesen Wolfgang Wodarg, den würde ich hoffentlich kennen? Nein, näher kenne ich ihn nicht, den Aktivisten in Sachen Corona. Sollte ich?

Eine Wissenschaftlerin aus den USA hingegen kennt ihre Ratten genau. Peggy Mason prüft, inwieweit womöglich auch komplexere Emotionen bei Tieren vorhanden sind. Im Besonderen forscht die Neurobiologin, inwieweit Ratten der Empathie fähig sind. Ratte eins, ich nenne sie mal Angie, sitzt also in einem richtig engen Käfig, der sich in einem grösseren Käfig befindet. Das Türchen kann sie nicht selbstständig öffnen, dies geht nur von aussen. Ratte zwei, Mercedes, flitzt daraufhin in den grossen Käfig. Erster Fakt, der Peggy Mason staunen liess: Mercedes huscht zielstrebig zur Käfigmitte, wo Angie gefangen gehalten wird, normalerweise, sagt die Wissenschaftlerin, würden sich Ratten nur am Rande eines Käfigs aufhalten. Um es abzukürzen: Mercedes befreit Angie aus ihrer misslichen Lage, wenngleich sie einige Mühe hatte, herauszufinden, wie der Schnappmechanismus funktionierte.

Zweiter Versuch, gleiche Mäuse. Angie ist wieder in dieser äusserst misslichen Lage, Mercedes flitzt und weiss nun, wie die Käfigtüre zu öffnen ist. Doch dieses Mal befindet sich ein zweiter Käfig im grossen Käfig, ebenso geschlossen wie der mit der armen Angie – und direkt daneben. Aber dort befinden sich leckere Schokoladenkekse! Mercedes rennt hin und her (sie ist das clevere Ding, das nun schon weiss, wie die Käfige geöffnet werden müssen) und entscheidet sich, erst einmal Angie rauszuholen. Und das immer wieder! Und die Moral von der Geschicht? Wahrscheinlich keine. Ausser, dass eben sie, die Moral, nicht uns Menschen vorbehalten ist, sondern dass auch Ratten eine haben. Wenn wir das nicht Moral nennen wollen, dann bitteschön, gerne auch Ethik. Empathie wäre ein Teil davon. Etliche Formen von Ayllu finden sich, so scheint’s, also im Tier- und Pflanzenbereich.

 

Die laienhafte Frage, ob die kulturelle Evolution, angefeuert von einem immer lästigen,
teils todbringendem Virus, gerade einen Quantensprung nach vorne wagt,
den wir kaum einschätzen können, bleibt bestehen.

 

Claudio, Markus, Romano, entschuldigt, dass an dieser Stelle keine Replik zu euren so ausführlich wie logisch formulierten Briefen kommt. So unterschiedliche Dinge uns beschäftigen und so verschieden die Sichtweisen sein mögen: Tapp, tapp, tippten die Füsse während des Lesens, manches Mal war es ein ähnlicher Groove, den ich spürte, über Länder, Kontinente und Lebensbedingungen hinweg. Sei es der Gemeinschaftsinn, den ich so wahnsinnig wichtig finde, aber den ich selbst nur sehr eingeschränkt verwirkliche oder die Erkenntnis, dass das Ausklinken aus der Welt nicht zielführend oder eben, ja, in der Tat nicht gesellschaftsfähig ist.
Eingeschlossen in den – wenn schon nicht gleichen Takt, dann doch in eine wiedererkennbare Melodie – sind die zahlreichen Referenzen zur Literatur, mit der viele ihre Zeit verbringen und womit sie das einzige Leben, begrenzt wie es nun einmal ist, nicht nur erweitern, (meinte auch Houellebecq, nur hübscher formuliert) und ohne die es gar keinen Sinn macht, auf diesem Planeten mühsam herumzukrabbeln. Dazu später. Leider muss ich ausholen, was uns zu den Nagetieren zurückführt.

Und zwar zu israelischen Ratten in einem israelischen Nadelwald. Irgendwann hatte eines der klugen Kerlchen herausgefunden, dass die Kerne der Tannenzapfen nahrhaft und lecker sind. Und wahrscheinlich, dass sie besser schmecken, wenn sie frisch von den Baumkronen genossen werden. Die Tiere wurden hervorragende Kletterer und entwickelten laut Genetikerin und Evolutionsbiologin Eva Jablonka einen ganz neuen Lifestyle, inklusive der Nester für die Aufzucht der Jungen in luftigen Höhen. Eine Genmutation liegt dem nicht zugrunde, wohl aber eine kulturelle Evolution. Jablonka kam zu dem Fazit, dass Entwicklung und Evolution deutlich zusammenhängen und zusammengehören: «Denn was evolviert, ist nicht ein einzelnes Gen, sondern ein Entwicklungssystem, das eingebettet ist in ein noch breiteres Netz einer fluktuierenden Umwelt.»

Wenn sich der Mensch in den kommenden Generationen gentechnisch nicht verändert, aber eine kulturelle Evolution durchmacht, dann liegt es nicht an Corona, sondern an einer anderen, der digitalen Evolution. Aufgrund von Corona jedoch beginnt der digitale Drive schneller Fahrt aufzunehmen. Einige Teenager von heute, so scheint es, sind sprachlich nicht wirklich auf der Höhe. Rechtschreibung, Grammatik, Interpunktion, es rattert vor Fehlern. Nur stellt sich die Frage: Brauchen sie das eigentlich noch in der Zukunft?

Die laienhafte Frage, ob die kulturelle Evolution, angefeuert von einem immer lästigen, teils todbringendem Virus, gerade einen Quantensprung nach vorne wagt, den wir kaum einschätzen können, bleibt bestehen. Denkbar wäre, dass Schreiben nicht mehr wichtig sein wird, denn das erledigen ja andere. Stets gut gelaunte KIs zum Beispiel. Bewerbungsschreiben werden folgendermassen verfasst: Seite im Netz finden, (drei Sekunden), eigenen Namen eingeben (eine Sekunde.), Unternehmen oder Organisation angeben, bei der man sich bewirbt (zwei Sekunden, bei komplizierten Namen auch drei), dann der Zeitraum, die Stelle, der Posten, wofür man sich bewirbt (vier Sekunden) und schon wird das perfekte Schreiben (in Urdu oder Englisch, Arabisch, Chinesisch, Russisch, Tamil und in allen anderen Sprachen, die es so gibt) ausgespuckt, weil die Informationen über die Bewerberin und das Unternehmen in Nanosekunden vorhanden sind, der Algorithmus alles miteinander verknüpft und das, was wir armen veralteten Verirrten früher als Bewerbungsschreiben bezeichneten, dagegen hoffnungslos unprofessionell wirkt. Was ich als gut erachtete, scheint völlig veraltet. Und was die Zukunft will, das kann ich nicht. So richtig Out zu sein, hat sich nie klarer angefühlt als im Kontrast zu einer Generation, von der ich manchmal eben nicht weiss, ob wir noch derselben Spezies angehören. Der Punkt dabei: Ich frage das im Ernst.

Wo wird Rechtschreibung gefragt sein, wenn die Formulare, die von Krankenversicherungen und Kfz-Anmeldestellen und Steuerbehörden nur von Maschinen gelesen werden? Und wozu braucht der Mensch noch Bücher, wenn das Interessanteste, was er lesen möchte, die reizenden Bilder der Kids-Influencerin (plus Kommentaren wie: «Annabel hat heute schon Pipi im Töpfi gemacht!» oder andere bedeutungsschwere Sätze wie: «You reflect what you desire» (männlicher Mode-Influencer)) sind und die gesamte Influencer-Industrie mittlerweile sowieso ohne Künstliche Intelligenz kaum auskommt. Ich als Teil der Noch-nicht-auf-den-Tannenwipfeln-lebenden-Generation kann nicht mitreden. Ich habe keine Ahnung, welche unserer Fähigkeiten in der Zukunft gebraucht werden. Der ultimative Genuss beim Lesen könnte weniger stattfinden. Wird die Nachfrage irgendwann das Angebot regeln?

Wir wünschen uns Corona-freie Zeiten, dabei hatten einige von uns Dekaden vor den Corona-Massnahmen die Augen schon – wie Stanley Kubrick 1999 so treffend formulierte – Wide Shut.

 

Passt auf euch auf und lasst es euch gut gehen!

Katharina

 

P.S. Was zum Teufel ist mit jener israelischen Ratte passiert, die es nicht auf den Baum geschafft hat?

P.P.S. Das, was mich die letzten Tage die Augen weit aufreissen liess ist die in Deutschland entbrannte Debatte über #allesdichtmachen. Kann es kaum abwarten, von euch zu diesem Stück Corona-Geschichte ein paar Einschätzungen zu lesen.

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Montag, 29. März 2021, Mals, Italien

 

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Nach innen gehen und rausspazieren?

 

Werte Post-Pandemiker, 

 

Erinnert ihr euch an Woody-Allens Film «Was Sie schon immer über Sex wissen wollten (aber bisher nicht zu fragen wagten)»? Er wurde einige Jahre vor eurer Geburt gedreht, lief jedoch häufig im Fernsehen oder in den Programmkinos. Nach der Lektüre eurer Briefe fiel mir diese fantastische Filmszene ein, worin ein schwarzes Spermium inmitten weisser Kollegen reichlich verwirrt in Richtung Uterus rutschte: «Hilfe, ich bin hier falsch!», rief es immer wieder, bevor es in der Menge verschwand. 

Dieses kleine schwarze Kerlchen; nun kann ich mir vorstellen, wie es sich gefühlt hat. Anders drauf, anders denkend, anders eben. Denn ich bin sie, Markus, die schon Jahre vor der Pandemie liebend gerne auf der heimischen Terrasse sass und die Sonne beim Untergehen bewunderte und auch damals kaum Bedarf nach lustigem Treiben im Dorf hatte, damit sie nicht noch eine andere Meinung hören musste: die Spiesserin. Auch bin ich jene, die sich, im reichen Südtirol lebend, mit all jenen Ecuadorianerinnen, die von der Hand in den Mund leben, bestens identifizieren kann: das Prekariat. Und eine, die sich wundert, ob die Charaktere all jener, die sie im Laufe langer Wintertage erfindet und erfunden hat – wenn kein Job vorhanden ist, der das Geld zum Leben bringt – nicht zu blass sind: die Bohémienne. 

Das macht also zusammen: Eine Prä-post-prekäre-Pandemische-Bohémienne-Spiesserin, heute mit Pulswärmern, weil der Kamin nicht zieht, wir kein Feuer machen können und die Fingerchen während des Schreibens einzufrieren drohen. 

Doch muss ich wirklich vor die Türe, wenn rote Zettelchen auf dem Bürgersteig – vom Wind angetrieben – an den Gummistiefeln auf dem Weg zu den Hühnern kleben bleiben? Denn so etwas passiert durchaus. Heute zum Beispiel. Da wirbelte doch diese rote DIN-A4-Seite in schwarzer Schrift auf Wadenhöhe herum, mit dem herausragenden Titel: «Der Wunsch nach mehr». Naja.
Der Text beginnt mit einer Frage, die eine Frage aufwirft: Soll man darüber stolpern oder gleich laut loslachen?: «Was haben Sie sich von der Pandemie erwartet?». Weiter ging’s mit Aussagen rund um die Pandemie und um die Verfassung Italiens, insbesondere ist hier der Verweis auf das Recht auf Arbeit von Interesse. 

 

La Repubblica riconosce a tutti i cittadini il diritto al lavoro 

e promuove le condizioni che rendano effettivo questo diritto. 

Ogni cittadino ha il dovere di svolgere, secondo le proprie possibilità 

e la propria scelta, una attività o una funzione che concorra 

al progresso materiale o spirituale della società. 

 

Arbeitslosigkeit gab es – Verfassung hin oder her – übrigens auch vor der Pandemie. Das rot-unterlegte Schreiben dreht sich um alles, was laut VerfasserIn nicht rund läuft: «Maskentragen ist strafbar», so steht’s geschrieben, das sei nur zu Fasching erlaubt. Bei einer Anzeige von Seiten der Polizei solle man diese einfach nicht unterschreiben. Jeder Bürger und jede Bürgerin habe sich frei zu bewegen, sich frei zu machen von diesem Wahnsinn, es sei denn, er oder sie habe ein Verbrechen begangen, die psychologischen Folgen würden jene tragen, die die Unschuldigsten von allen seien: die Kinder. Diese Gefangennahme, entnehmen wir den Zeilen, sei drauf und dran, die Menschheit auszurotten. 

Beim Lesen fällt mir die Krankenschwester ein, die in einem Altenpflegeheim arbeitet. Und die berichtete, dass sie es sich nicht mehr leistet, die Entscheidungen der Politik, ob richtig oder falsch, zu beurteilen. Ansonsten würde sie tatsächlich wahnsinnig. Bei 14-Stunden-Schichten, etlichen Todesfällen und dem dauerhaften Maskentragen lautete ihre Devise irgendwann nur noch: «Ihr entscheidet, wir setzen um. Sonst drehen wird durch». Aufmerksam wird man auch auf jenen Angestellten, der sich, als einige Gemeinden in Südtirol aufgrund der südafrikanischen Mutation zur Sperrzone wurden (inmitten der Sperrprovinz in der gesperrten Region im zugesperrten Land), einmal die Woche Urlaub nahm, damit er sich nur zweimal anstelle der viermal wöchentlich testen lassen musste. In Hessen/Deutschland gibt es nun ein mobiles Testzentrum für Schülerinnen und Schüler. Eines. Für ganz Hessen. Nach einem Jahr Pandemie-Verordnungen! Gestern verordnete Angela Merkel etliche Osterruhetage, heute sind sie bereits wieder auf der Dann-doch-nicht-To-Do-Liste gelandet. Kurz: der Wahnsinn lauert so oder so; ob nun Coronaverordnungen befolgt werden oder nicht. Und er liegt vielmehr in der intensiven Beschäftigung mit Corona als in der Krankheit selbst.

Was wäre denn, wenn wir der Pandemie deutlich weniger Gewicht gäben? Man muss keine Leugnerin sein, um keine Lust mehr zu haben auf eine derart einseitige Sicht auf die Welt. Der Planet ist ja nicht nur mit Corona, sondern vor allem mit einer Corona-Sichtweise infiziert. Wenn wir ein kleines Stück zurückgingen? Dorthin, wo die grössten Baustellen warten. Die klobigen Stiefel und die groben Arbeitshandschuhe anziehen und beginnen, die Steine neu zu ordnen oder den Grundstein mal woanders hinzusetzen? Das Artensterben schreitet voran, der …, nun, ich will das überstrapazierte Wort dafür (vor einiger Zeit noch in aller Munde) nicht benutzen, schreitet voran … Jetzt wisst ihr alle, was kommen könnte, nämlich die ganze Litanei, wie wir den Planeten retten könnten. Ihr kennt die Worte, ihr kennt alle wissenschaftlichen Argumente dafür, ihr kennt die wirtschaftlichen Argumente dagegen. Ich kenne sogar mein eigenes bescheidenes Verhalten, das kaum jemals perfekt und manchmal – fast schon gewissenlos ist. 

Ihr wisst ja, dass Sauerteig-in-der-Designerküche-herstellen der neue champagne-socialism ist, und ihr wisst auch, dass noch nicht einmal sauberes Konsumverhalten und Energiesparen uns direkt und sofort aus dieser wirklich planetarischen Krise retten kann: Erst einmal nicht. Doch träumen – das können wir immer. 

 

“Werte Postpandemiker, ich glaube nicht, dass es Leute wie mich für kluge Kommentare über die Zukunft des Planeten braucht, wenn ich schon beim Ostereierfärben scheitere.” 

 

Also träume ich mich in eine Schule, deren Schulbücher neue Themen haben. Eine neue Schule, in der Solidarität als cool und Respekt vor dem noch so kleinsten Lebewesen als sexy gilt. Kritisches Hinterfragen von Tatsachen, Schulbücherinhalten und LehrerInnenaussagen? Ha, das lernen die Kids schon in der Grundschule. Und während sie solidarisches Handeln durchnehmen, würden sie mit der bezaubernden Nachricht konfrontiert, dass alle Abgeordneten des Südtiroler Landtages für den Rest des Coronajahres einer Halbierung ihrer Gehälter zustimmen, um die andere Hälfte in Not geratenen Menschen zugute kommen zu lassen. Den Vorschlag gibt es in der Tat – von einem Abgeordneten! Er hatte seine liebe Mühe, damit überhaupt bis zur Öffentlichkeit vorzudringen. Er war, wen wundert’s, auch der Einzige mit diesem Vorschlag. 

Und ich träume, wenn sie gerade das Fach: «Artenschutz lokal – Was Gemeinden und BürgerInnen tun können» durchnehmen, dass der Südtiroler Gemeindeverband neue Möglichkeiten für das praktische Umsetzen von vielfältigem Lebensraum schafft und die für die Landwirtschaft vorhandenen Gelder sorgsam und zukunftsorientiert umschichtet. Und da die Verantwortlichen wissen, dass SchülerInnen solche Fächer haben, wenden sich sich an die Schulen: Projekttage von SchülerInnen werden unbürokratisch ermöglicht. Während die Jugend eifrig projektiert, sieht sie, dass nicht alles nur heisse, sondern echte Luft zum Atmen für die Arten ist. Ohne die Jugend und die nachkommenden Generationen wird es nicht gehen, dass wir die Steine neu aufstellen, mit Licht für die Sonne zum Durchscheinen und mit gutem Grün zum Ausruhen. 

Naiv! Was ist diese postpandemische Spiesserin aus dem Bohème-Prekariat naiv! Sie, die gerade gestern noch sagte: «Keinen Bock auf Eierfärben mit Zwiebelschalen und biologisch angebauter Roter Beete. Ich will sie diesmal schreiend bunt – und wenn das Zeug noch so chemisch hergestellt wird!» Frei nach Kirchenvater Augustinus: «Gib mir Keuschheit, aber jetzt noch nicht». Halleluja, was für eine Inkonsequenz. Werte Postpandemiker, ich glaube nicht, dass es Leute wie mich für kluge Kommentare über die Zukunft des Planeten braucht, wenn ich schon beim Ostereierfärben scheitere. 

Das Einzige, was uns derzeit retten kann? Die Zeit, die wir uns nehmen, selbst nachzudenken, anstelle als Nachrichtenjunkie kaputt in der Ecke zu landen: ob auf einem Boca da lobo-Sofa oder mit Mütze und Handschuhen im Bett der ungeheizten Wohnung ist dabei schnurzpiepegal. Damit jede und jeder wenigstens das Stück Leben an Tageslicht befördern kann, das dort im Inneren wohnt und das nur eines will: rauskommen. Und wenn als einziges schwarzes Samenteilchen in einem Pool voller weisser Kollegen – auch hundewurscht! Die Frage bleibt natürlich bestehen, ob das eine Lüge in die eigene Tasche ist, oder ob es sich schlichtweg um die Einsicht handelt, dass die Kritik, wenn sie sich an alles Äussere richtet, nicht wirklich weiterführt. Also was ist diese Einstellung nun: Eher Joseph Campbell:  «Wir befinden uns nicht auf unserer Reise, um die Welt zu retten, sondern um uns selbst zu retten. Aber indem wir das tun, retten wir die Welt.» – oder die bürgerlich-bequeme Ansage an das eigene, heimelige Wohlbefinden? 

 

Mit verwirrten Grüssen an euch alle und in Erwartung der kommenden postpandemischen Briefe

Katharina

 

P.S. Ein bisschen verwirrt zu sein ist übrigens ein Zustand, der keineswegs zu verachten ist. 

P.P.S. Ein Blick zurück: Das Werk von James Agee und Walker Evans: «Let us now praise famous men» (1941) setzte in den USA neue journalistische Massstäbe. Fotografien wie jene von Dorothea Lange, Gordon Parks oder Marion Post Wolcott, nun, sie wären nicht hier, hätte es im Rahmen der Farm Security Administration nicht jenes Programm gegeben, dass Fotografinnen und Autoren finanziell unterstützte, um die dramatische Situation der FarmerInnen in den USA zwischen 1935 und 1944 zu dokumentieren. Das heutige kulturhistorische Archiv hat damals jenen Kulturschaffenden einen bezahlten Job geboten. Wäre das nicht etwas für uns heute? 

 

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