Montag, 31. Mai 2021, Tumbaco, Ecuador

 

***

Covid-19 entlarvt den ganz normalen Wahnsinn unserer Zeit

 

 

Lieber Markus, Büronachbar aus Luzerner Zeiten
Lieber Claudio, Chef-Administrator aus dem Fast-Aargau
Liebe Katharina, Dialektsprecherin aus dem Gallierdorf Mals

 

Heute kam ein älteres Pärchen in die Praxis und erzählte der Ärztin, sie würden Mitte Juli nach New York fliegen, um sich dort impfen zu lassen. Bitte?!, dachte ich, Impftourismus Made in USA. Was geht denn hier gerade ab? Klar, die Menschen wollen zurück zur Normalität vor der Pandemie, und scheuen keinen Aufwand, sich jene Injektion geben zu lassen, von der sie sich diese erhoffen. Das ist nach Monaten der staatlich verordneten Isolation und des Arbeitsverbotes verständlich. Gleichzeitig spiegelt es die Rat- und Rastlosigkeit unserer Gegenwart wider sowie den ungebrochenen Glauben an schnelle Lösungen von grossen Institutionen aus dem Globalen Norden.  

Wenn sich weltweit Millionen von Menschen innerhalb weniger Monate durch einige hundert Firmen und Staaten Produkte injektieren lassen, als handle es sich um eine antibiotikabedürftige Viehherde, dann stösst das bei mir auf Skepsis. Nein, ich bin kein Impfgegner. Doch ich kann die derzeit stattfindenden Ereignisse nicht einfach abnicken. Auch verstehe ich den kaum vorhandenen Widerstand aus der Bevölkerung nicht, etwa gegen den Impfausweis. Immerhin muss Mann und Frau diesen heute vielerorts in Hotels und Restaurants bereits vorweisen, um ein Bett oder einen Tisch zu bekommen, Registrierung inklusive.

All das riecht stark nach Impfzwang, der früher oder später kommen könnte. Und durch die Registrierung von Namen und Telefonnummern droht auch gleich noch die Aushöhlung des Datenschutzes. In Quito sind einzelne Busbahnhöfe inzwischen sogar mit Geräten ausgerüstet, die einem bei Betreten des Geländes automatisch die Temperatur messen und sämtliche Gesichter fotografieren – ungefragt, wohlverstanden. Schöne, neue, gespritzte und transparente Welt. George Orwell dürfte sich im Grab umdrehen …

Ich finde diese Entwicklung alles andere als gesund, und ist nicht einmal dadurch zu rechtfertigen, baldmöglichst zum Alltag Pre-Covid-19 zurückzukehren. Abgesehen davon gibt es diesen eh nicht mehr. Ich bin gelinde gesagt überrascht ab Eurer Haltung, lieber Markus und lieber Claudio. Wenn Ihr Euch impfen lassen wollt, dann ist das Eure Sache, aber das Ganze ohne weitere Fragen gutzuheissen und der Pharmaindustrie blind zu vertrauen, kommt einer Kapitulation gleich. Müssten wir als JournalistInnen diese Entwicklung nicht kritischer begleiten? Oder ist das in einem Land, dessen Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren massgeblich vom Pharmasektor abhing, nicht mehr möglich? 

Durch die Massenimpfungen senden wir jedenfalls ein klares Signal: Wenn was ist, liebe Pharmaindustrie, dann verlassen wir uns auf Euch. Vertrauen tönt eigentlich gut, aber doch bitte nicht gegenüber grossen Industrien! Die chronische Abhängigkeit derselben – egal ob Rohstoffe, Nahrungsmittel, Pharma, Hightech – zwingt uns doch heute schon in ein viel zu enges Korsett. Abgesehen davon verdienen Novartis & Co. mit unseren Krankheiten ungesund viel Geld.   

 

Auf Grund des etablierten Produktionsmodells und der herrschenden Kräfteverhältnisse
haben sich einfache sozial- und umweltpolitische Anliegen in Utopien verwandelt.

 

Die Aufhebung des Patentschutzes, wie es nun von den USA gefordert wird, mag ein erster Schritt sein, dies zu ändern. Doch danach braucht es dringend eine Demokratisierung unserer Gesundheitssysteme, also etwa die Abschaffung privater Krankenkassen sowie die komplette Anerkennung alternativer Behandlungsmethoden. Es darf nicht sein, dass Gesundheit monopolisiert, und den Völker dieser Erde nur dann Zugang zur Welt geschaffen wird – Stichwort Reisen –, wenn sie sich mit einem bestimmten Produkt impfen lassen. Wir können Covid-19 als Zufall betrachten wie Claudio, und die Geschichte trivialisieren. Wir können die Krankheit aber auch als Warnung interpretieren, um die herrschenden Strukturen in Frage zu stellen und nach Alternativen zu suchen.

Dazu braucht es Utopien. Nur so verlieren wir den Horizont nicht aus den Augen. In diesem Sinne scheint mir Markus’ Gedankenspiel durchaus aufschlussreich – vielen Dank! Es setzt Mut, Anstrengung sowie ein bisschen Widerstandskraft voraus, um sich von den Kräften der Massen nicht einnehmen oder gar erdrücken zu lassen. Nur schon indem wir andere Gedanken zulassen und weiterspinnen, öffnen wir die Türen für andere Lebensformen. Diese mögen zuerst auf einem Kalenderblatt geschrieben stehen oder in einem Song wie «Imagine» vorkommen. Wie sollen sie sonst in die Köpfe und Herzen dieser Welt kommen? Ohne Visionen droht, wie Markus selber schreibt, der Stillstand. Die Sorgen, um die anschliessende Umsetzung hingegen teile ich nicht. Sie wird sich von alleine ergeben – zumindest an jenen Orten, wo die Bevölkerung noch Einfluss hat. Da vertraue ich auf den genio colectivo

Utopien gibt es derzeit ja genügend – nicht etwa, weil diese enorm revolutionär wären, sondern weil wir Sumak Kawsay oder «gut leben» (Buen Vivir) verlernt haben. Der herrschende Courant Normal oder das Streben danach, alles, immer und überall konsumieren zu können, hat uns blind für die natur- und menschenfeindlichen Strukturen unserer Zeit werden lassen. Deshalb ist es auch keine Überraschung, dass wir wie Schafe vor Spitälern und Praxen warten, und all unsere Hoffnung in ein Arzneimittel setzen, dessen langfristige Folgen noch gar nicht geklärt sind. Dieser Kontext scheint mir wichtig, um die Liste der folgenden Utopien besser verstehen zu können: 

 

Sauberes Trinkwasser: Ich bin bisher davon ausgegangen, dass dies im Wasserschloss Schweiz eine Selbstverständlichkeit ist. Nun ist diese durch die bevorstehende Abstimmung Mitte Juni in Frage gestellt. Und ich bin sprachlos, dass Regierung und Parlament die Nein-Parole gefasst haben.  

Geldpolitik: Vor drei Jahren wurde in der Schweiz darüber abgestimmt, ob künftig nur noch die Nationalbank für die Geldschöpfung verantwortlich sein soll. Das hätte die Privatbanken in die Schranken gewiesen und wäre ein mögliches Mittel gewesen, um (Finanz)-Krisen vorzubeugen. Doch auch dieses Anliegen scheint heute nur in der Welt der Utopie Platz zu haben. 

Ernährungssouveränität: Will heissen, dass wir lokal anbauen und nicht mehr auf Importe angewiesen sind. Im 19. Jahrhundert führten die Getreideimporte aus den USA zu einer Verarmung der Bauern. 150 Jahre später setzt das Schweizer Stimmvolk weiterhin auf Importe aus Übersee. 

Fair produziertes Essen: Auch hier ging es um eine Volksinitiative zur Lebensmittelproduktion und darum, diese fairer und umweltfreundlicher zu gestalten – und auch hier fanden die Stimmberechtigten: Niet!  

 

Ihr seht: Auf Grund des etablierten Produktionsmodells und der herrschenden Kräfteverhältnisse haben sich einfache sozial- und umweltpolitische Anliegen in Utopien verwandelt. Entsprechend reicht es vielleicht für den Moment, wenn wir uns auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner auf etwas konzentrieren, dass wir alle zum Lleben brauchen: das Essen.
Als Städter (siehst Du Dich eigentlich noch als Städterin, Katharina?) wissen wir oft nicht, wie viel Schweiss und manchmal sogar Blut in unseren Äpfeln, Rosinen und Frikadellen steckt. Die Bauern und Viehzüchter stehen jeden Tag auf dem Feld oder im Stall, um uns zu ernähren. Und vergessen wir nicht Sonne, Wind, Erde und Wasser sowie die Würmer und Pilze, Bakterien und Mikroorganismen, die dafür sorgen, dass die Samen spriessen und die Früchte reifen. Deshalb meine Utopie: Die Beziehungen zwischen Natur, LebensmittelproduzentInnen und KonsumentInnen so zu gestalten, dass sich die Menschen der gegenseitige Nähe zum Anderen bewusst werden, erkennen, wie abhängig sie voneinander sind, und wie wichtig gesundes und lokal angebautes Essen für den Zusammenhalt einer Gesellschaft, eines ayllus, ist.

Ohne sich bisher mit Covid-19 angesteckt zu haben (jedenfalls nicht wissentlich), ohne geimpft worden zu sein, dafür gelegentlich Salate aus dem eigenen Garten essend, grüsst vom Äquator

 

Euer Romano 

***

Montag, 3. Mai 2021, Tumbaco, Ecuador

 

***

“Ich spreche zu Euch als Götter und Göttinnen Eures Lebens. Ihr erschafft diese Welt in jedem Augenblick neu. Ihr tragt die volle Verantwortung für Euer Handeln, ja für jeden Gedanken und für jedes Wort, das Ihr sagt. Ich spreche zu Euch, die Ihr mit der Erde als lebenden Planeten und all ihren Lebewesen in einem natürlichen Prozess der Entstehung, der Wandlung und des Zerfalls verbunden seid. Ich spreche zu jeder Seele, die sich selbst befreit aus dem Kreislauf von Geburt und Tod durch die Widergeburt in Ewigkeit. Es gibt kein Grund mehr Angst zu haben. Ich spreche zu Euch durch jeden, der mit reinem Herzen spricht. Denn alle Worte in Liebe gesprochen, sind ein Gebet an diesen Planet.”

“Denk jetzt nicht” – Thomas D. 

 

Gehen wir weiter – dankbar, erhobenen Hauptes und ohne Angst

 

 

Sehr geehrte Noch-Pandemikerinnen,

Sehr geehrte Noch-Pandemiker,

Sehr geehrte alle Anderen 

 

Als erstes möchte ich auf das letzte Schreiben von Markus eingehen. Immerhin hat es mich kurz aus meinen Träumen zum Post-Pandemic-Planet gerissen, diesem vielleicht etwas verwogenen Projekt, das zu einem Zeitpunkt geboren wurde, den die Allgemeinheit als inadäquat bezeichnen könnte. Markus selbst schreibt, dass er eigentlich noch viel zu sehr mit der Pandemie beschäftigt sei, als dass er sich Gedanken über das Danach machen könne.
Klar, es gibt einfachere Dinge, als sich von den Wellen des herrschenden Narrativs nicht erschlagen zu lassen – vor allem dann, wenn man als Journalist im Tagesgeschäft steckt und als Angestellter eines staatlichen Medienunternehmens nahe an der offiziellen Version berichtet. Bitte nicht persönlich nehmen!

Damit wir uns richtig verstehen: Auch ich zähle mich zu den Noch-Pandemikern und die Zweifel zu meiner eigenen Wahrnehmung sind meine ständigen Begleiter. Allerdings scheint es mir wichtig, dass wir als Schreibende nicht im Fahrwasser der Krise verharren, sondern mehr und mehr jenen Gedanken Raum geben, die uns und unseren LeserInnen ein bisschen Luft verschaffen. Ansonsten wird jene Entwicklung potenziert, die bereits vor der Pandemie auszumachen war und die auch mir zuweilen Bauchschmerzen bereitet: Der Rückzug ins Private und Digitale und die Abnabelung vom Alltag auf der Strasse. Das Homeoffice lässt grüssen.

Auch ich informiere mich seit längerem nur noch oberflächlich zu Covid-19. Schliesslich kann ich mir die Pandemie-Situation ungefähr zusammenreimen, etwa wenn wie in diesen Tagen hier in Ecuador neue Ausgangssperren verhängt werden. Als JournalistInnen wissen wir genau, dass die abgebildete Realität immer nur ein kleiner Teil dessen ist, was sich tatsächlich abspielt. Entsprechend stellt sich mir die Frage, ob ich mich damit auseinandersetzen möchte. Und die Antwort ist für mich mit jedem Pandemie-Tag klarer: Nein. Ganz einfach, weil ich mein Immunsystem nicht zusätzlich belasten möchte. Sich einmal in der Woche auf den neuesten Stand bringen, reicht absolut.

Diese Entscheidung bedeutet nicht, dass ich mich blind-stumm-taub vom «Leben da draussen» verabschiede. Es bedeutet lediglich, dass ich mich aus Gründen der Gesundheitsprävention der seit über einem Jahr kultivierten Angst entziehe und mich stattdessen auf meine Intuition verlasse. Und die sagt mir, dass es ein guter Zeitpunkt ist, meine Perspektive auf die Welt zu ändern – und damit auch auf die Pandemie. Ich bin jedenfalls daran, meinen Konsum und die Reproduktion von Bad News auf ein Minimum zu reduzieren. Lieber nehme ich sie als Ausgangspunkt dafür, anderen Themen eine Plattform zu bieten. Im Fachjargon heisst das constructive journalism. Mehr dazu gleich nach dem folgenden Satz, dem ich eine eigene Zeile widmen möchte:

Es gibt Tage, an denen ich Brechreiz bekomme, wenn ich daran denke, womit ich die vergangenen Jahre mein Geld verdient habe. Geht Euch das auch so? 

 

Weiss einer von Euch, warum in Zusammenhang mit der Pandemie
kaum über alternative Heilmethoden berichtet wird?

 

Konstruktiver Journalismus also: Willkommen an Bord! Ist nicht auch das einer der Gründe für unseren Briefverkehr? Der Versuch, eine andere Welt zu denken? Klar befinden wir uns noch mitten in der Pandemie, hier in Lateinamerika könnte diese sogar noch länger dauern. Aber das hindert uns ja nicht daran, Ideen fürs Danach zusammenzutragen. Mir tun die Ansätze von Katharina jedenfalls gut, wenn sie davon träumt, dass Respekt für die kleinsten Lebewesen unter Jugendlichen sexy werden könnte. Ich finde, das hat überhaupt nichts Revolutionäres. Gerne würde ich mehr solche Dinge lesen. Sie sind wie ein Schnorchel, durch den ich frische Luft schnappen kann, bevor es wieder in den dunklen Bauch des Covid-19-Einheitsbreis geht.
Sorry für diese Rhetorik, aber wenn ein paar hundert Firmen und Staaten Millionen von Menschen ein über Notverordnungen zugelassenes Arzneimittel spritzen lassen, und dies von den Medienschaffenden praktisch unhinterfragt als einziger Weg aus der Pandemie gesehen wird, kann nicht von einer differenzierten Berichterstattung die Rede sein. Ach, und wenn wir schon dabei sind: Weiss einer von Euch, warum in Zusammenhang mit der Pandemie kaum über alternative Heilmethoden berichtet wird?  

Die Verwirrung, liebe Katharina, hat auch mich wieder mal eingeholt … Deshalb kehre ich jetzt zurück zu meinen Leisten: dem konstruktiven Journalismus. Nun, eigentlich sind es gar nicht meine Leisten, immerhin gehörte ich jahrelang zur Bad-News-Sekte. Wenigstens habe ich es vor vier Jahren geschafft, ein Buch mit konstruktiven Geschichten zu veröffentlichen (sorry für die Schleichwerbung). Und ich darf heute gestehen: Es ist etwas vom Besten, was ich in meinen zwanzig Jahren Journalismus getan habe. Nicht weil der Inhalt besonders gut ist, das sollen andere beurteilen. Doch als Autor habe mich gut gefühlt. Und auch dieser Satz bedarf einer eigenen Zeile. 

Als Autor eines journalistischen Textes habe ich mich gut gefühlt. Ausrufezeichen. 

Ich habe es danach leider nicht geschafft, diesen Typ Journalismus weiter zu pflegen, bin aber nach den Krisenjahren 2019 (Landesstreik in Ecuador) und 2020 (Ausbruch der Pandemie) zum Schluss gekommen, dass ich meine Energie nicht weiter an Menschen und Gegebenheiten vergeuden möchte, die mich schlecht schlafen lassen. Ich möchte nicht, dass meine Sensibilität vor die Hunde geht und ich mich zwecks Abwehr nebst Schutzmasken im Gesicht bald noch in eine Ritterrüstung zwängen muss.
Letztlich gehts doch darum, mit welchem Gefühl man sich am Ende eines Arbeitstages zu Bett legt. Beim Schreiben von «Hände der Transition» ging es mir jedenfalls besser als bei den Recherchen zur Agrarindustrie. Ich setzte mich mit Realitäten auseinander, die mich endlich wieder schnorcheln liessen. Und ich kam mit Personen in Kontakt, die Freude an dem haben, was sie machen. Ein Privileg? Für viele Menschen Ja. In unserem Falle würde ich eher sagen: eine Entscheidung. Eine Verantwortung.  

Um dem Pathos noch den Rest zu geben, und auch, um Claudios Credo des Schritt-für-Schritt-Gehens zu ehren, sei an dieser Stelle der gute Eduardo Galeano (1940-2015) zitiert: «Die Utopie sie steht am Horizont. Ich bewege mich zwei Schritte auf sie zu und sie entfernt sich um zwei Schritte. Ich mache weitere zehn Schritte und sie entfernt sich um zehn Schritte. Wofür ist sie also da, die Utopie? Dafür ist sie da: um zu gehen!»

Gehen wir also weiter, liebe Brieffreundinnen und Brieffreunde. Dankbar, erhobenen Hauptes und ohne Angst. Zurück können wir sowieso nicht.  

 

Abrazos aus dem Südosten

Romano 

 

PS: Die #allesdichtmachen-Debatte ist völlig an mir vorbeigegangen, liebe Katharina. Vielleicht mögen Markus oder Claudio darauf eingehen. 

***

Montag, 5. April 2021, Tumbaco, Ecuador

 

***

 

Gesund sein ist nicht alleine Sache des Individuums 

 

 

Markus, liebgewonnener Bär

Liebe Katharina, lieber Claudio

 

Ich steh’ heute wieder mal am Berg. Klar, ich würde gerne etwas Ansprechendes schreiben, etwas, an dem sowohl Ihr als auch die Nachwelt etwas hätten. Etwas Aufbauendes vielleicht, etwas Perspektiven bietendes, aber ich tu’ mich gerade ziemlich schwer. Es fühlt sich an, als ob mich eine Bleikugel am Boden halten würde, um den kreativen Flug durch die Unweiten des Universums und dessen Möglichkeiten zu verhindern. Auf dass ja nichts Gutes den Weg durch meinen Körper findet! Was bei Markus Ratlosigkeit ist, ist bei mir Schwermut. Wenigstens heute. 

Entsprechend werde ich umstrittene Themen wie Massen-Impfungen, eingeschränkte Versammlungsfreiheit und staatlich verordnete Lockdowns aussen vor lassen. Sonst käme ich schnell ins Fahrwasser der Empörung, und wahrscheinlich würde ich mich hinterher dazu gezwungen sehen, mich mit einer Bettflasche am Rücken in die Embryostellung zurückziehen. Schreiben kann ja auch heilend wirken. Mal schauen, ob das heute klappt. 

Am besten berichte ich Euch kurz von meiner letzten Recherche hier in Ecuador. Sie handelt von Avelina, einer curandera, die ihre PatientInnen – auch jene mit Covid-19 – mit der Medizin ihrer Vorfahren behandelt, also mit Kräutern, Massagen, Schröpfen, Steine auflegen, Kolloidales (Silberwasser) und alles, was irgendwie mit Heilmethoden zu tun hat, die breiten Bevölkerungsschichten zur Verfügung stehen. Über die Wirksamkeit dieser Methoden liesse sich jetzt lange streiten. Aber lasst uns auch das auf einen anderen Tag verschieben.

Vom Gespräch mit ihr ist mir folgender Satz geblieben: «Wenn wir über Krankheiten sprechen, meinen wir nicht ein Symptom. Vielmehr geht es darum, was in unserem Umfeld passiert, in unserer kosmischen Geschwisterschaft, also das, was wir unter ayllu verstehen. Nur durch unser Wahrnehmen der comunidad und ihrem Zustand können wir verstehen, was sich im Körper jedes einzelnen von uns abspielt.» In der Kosmovision der Andenvölker ist diese Wahrnehmung selbstverständlich, für mich ist sie eine Art Bewusstseinserweiterung.   

Ayllu – Die Gemeinschaft also. Unser Stamm. Unsere Familie (gemeinsames Blut) und unsere Familien («Seelenverwandtschaften»). Das, was uns prägt und ausmacht. Es geht allerdings nicht nur ums Teilen des Lebensraums, sondern um eine lebhafte Interaktion mit demselben, sowohl materiell aus auch spirituell. Es geht um Werte und Weltanschauungen, um Solidarität und Respekt, um den Schutz des Lebens und den Aufbau und Erhalt von Lebensgemeinschaften – und zwar solchen die sich sowohl ihrer Vulnerabilität und Stärken bewusst sind als auch ihrer Möglichkeiten und Aufgaben. Es geht nicht nur ums Backen von Sauerteigbrot, ums gemeinsame Feierabendbier im «Si o No» in Zürich oder jenes im «Sabrosa» hier in Tumbaco (übrigens ein sehr schöner Ort mit sehr gutem Bier, handgemacht und meines Wissens noch nicht von Google erfasst …). Damit wir uns richtig verstehen: Brot backen und Bier trinken haben ihre Berechtigung, um nicht zu sagen ihren Stellenwert – auch innerhalb eines ayllu. Aber beim ayllu geht es um einen Kontext, der dem Brotbacken und dem Bier trinken einen Sinn gibt. Vielleicht spiegelt sich dieser Sinn im Wort Zusammenhalt wieder, vielleicht in dem, was wir allgemein unter Wertegemeinschaft verstehen.

 

“Denn während in Spitälern sowie Alters- und Pflegeheimen unsere Grossmütter und -Väter sterben, vegetieren weltweit tausende, wenn nicht Millionen von Menschen einsam und vereinsamt vor ihren Bildschirmen und Handys und krepieren langsam vor sich hin.”

 

Worauf ich hinaus möchte: Gesundheit ist nichts Isoliertes, sondern steht in enger Verbindung zu unserem Lebensstil und wie wir mit unserem Umfeld in Beziehung treten. Die Verbindung zwischen der Zerstörung von Ökosystemen und zoonotischen Krankheiten wie Covid-19 sind allgemein bekannt. Auch dass Stress unser Immunsystem belastet, wissen wir. Und dennoch wollen viele zurück zur Pre-Pandemie-Normalität. Selbst die Regierungen künden an, dass dank der Impfung bald wieder «Normalbetrieb» herrscht. Doch zu welchem Preis?

Krankheiten, so habe ich gelernt, sind nicht nur zum Heilen da – Stichwort Symptombekämpfung – sondern auch, um etwas von ihnen zu lernen und gescheiter aus der Sache rauszukommen. Im Falle von Covid-19 und unter Berücksichtigung von Avelinas Lektüre sind also nicht nur wir als Individuen gefragt, gemeint sind auch wir als Kollektiv, als ayllu.

Wenn ich nun aber an die Zeit vor der Pandemie denke, taucht bei mir automatisch die Frage auf, in welchem Zustand sich unsere ayllu befunden haben, dass ein Virus und seine Mutationen derart leichtes Spiel haben konnten. Was ist bloss los mit unseren ayllu, lieber Markus? Welchen Teil von ayllu haben wir nicht verstanden, querido Claudio? Oder Katharina, Du als Teil-Aussteigerin in den Bergen Südtirols, sind die ayllu dieses Planeten durch die Industrialisierung der vergangenen Jahrzehnte schon derart zerzaust, dass Gemeinschaftssinn nur noch in den eigenen vier Wänden stattfinden kann?

Einverstanden Markus, wir müssen bald wieder raus und von Angesicht zu Angesicht Argumente austauschen, von mir aus mit anderthalb oder zwei Meter Distanz. Aber bitte ohne Gesichtsmasken! Die rauben uns nämlich seit einem Jahr unsere Identität. Und ohne diese ist der (Wieder)-Aufbau von ayllu schwierig. Schliesslich lebt er, leben wir, von der Interaktion mit anderen Menschen. Zuhause hocken und Netflix glotzen scheint mir je länger desto gefährlicher. Denn während in Spitälern sowie Alters- und Pflegeheimen unsere Grossmütter und -Väter sterben, vegetieren weltweit tausende, wenn nicht Millionen von Menschen einsam und vereinsamt vor ihren Bildschirmen und Handys und krepieren langsam vor sich hin. Ob die Regierungen die Gefahr der chronischen Vereinsamung jener auf der Rechnung haben, denen sie eigentlich dienen sollten? «Divide and rule» lautet die Devise jener, die sich an der Macht halten wollen. Lässt sich dies etwa auch auf unsere momentane Situation übertragen? Denn so geteilt wie im Moment, so scheint mir, waren unsere ayllu schon lange nicht mehr …

Freunde, ich muss hier einen Break einlegen. Ich bin hundemüde und kann Katharina nachfühlen, wenn sie schreibt, dass sie verwirrt sei. Das bin ich auch. Deshalb höre ich jetzt auf. Das ist zwar nicht gerade gentlemanlike, aber als gebrandmarkter Woodstock-Hippie bin ich damit eigentlich fein raus, nicht?

 

Ich geh’ jetzt schlafen. 

 

Romano  

  

PS1: In dieser Woche jährt sich die Erdölkatastrophe im ecuadorianischen Regenwald zum ersten Mal. Und ich erwähne das nur, damit wir Ereignisse wie diese auf dem Radar haben, wenn wir über Gesundheit diskutieren. 

PS2: Markus, einE RebellIn zeichnet sich dadurch aus, dass sie oder er sich nicht an die vorgegebenen Normen hält, etwa jene einer Regierung. Im Falle des Feierabendbiers im «Si o No» könnte das zum Beispiel bedeuten, dass Du und Deine MittrinkerInnen den Spunten besetzen, und zwar solange, bis die BetreiberInnen entweder ihre Türen und Ausschänke öffnen und sich also auch in RebellInnen verwandeln oder aber ihr von der Polizei abgeführt werdet. Viel Glück! Und halt mich auf dem Laufenden …

***

Montag, 8. März 2021, Tumbaco, Ecuador

 

***

Die wahre Rebellion besteht aus Liebe 

 

 

Liebe Freunde des geschriebenen Wortes 

 

Soeben bin ich mit meinen Einkäufen aus dem Dorf zurückgekehrt, keuchend das Velo vor mir her stossend. Hier oben ist es einfach zu steil, als dass ich mich mit vollem Rucksack und Wasserbidon am Lenker den Strapazen einer Bergfahrt hätte aussetzen wollen; verschwitzt bin ich trotzdem. Wie jeden Tag parkten auch heute wieder diverse Autos in meiner Strasse – etwas, das sich anbietet. Denn die Strasse hier ist wenig befahren, die Gegend relativ sicher und die Aussicht aufs Tumbaco-Tal spektakulär, kurz: ideal für eine Pause oder ein Mittagsschläfchen. Auch Schäferstündchen werden hier abgehalten. Naja, zumindest ist davon auszugehen, wenn man die mit Decken abgedichteten und von Kondenswasser beschlagenen Fensterscheiben in Betracht zieht.

Doch wer will den Liebenden aus dem Tal den nachmittäglichen Austausch von Körperflüssigkeiten schon verwehren? Schliesslich rennen sie unten im Dorf seit über einem Jahr maskiert und Alkohol parfümiert durch die Gegend. Dazu kommen schlecht gelaunte Vorgesetzte, finanzielle Nöte oder Beziehungen, die wieder etwas Luft brauchen. Erwähnt sei auch die unfähige und korrupte Landesregierung, unmenschliche Arbeitsbedingungen oder gar keine Arbeit, aggressive Busfahrer und arrogante Polizisten. Wenn man dann noch die Meuterei in den ecuadorianischen Gefängnissen dazu nimmt, bei der Ende Februar rund achtzig Personen mit Küchenmessern erstochen, mit Eisenstangen erschlagen und hinterher mit Motorsägen zersägt worden sind – bei WhatsApp & Co. zirkulierten Videos von aufgestapelten Leichen und rausgeschnittenen Organen – dann bleibt einem eigentlich nur noch eine Medizin: Liebe machen am Berg! 

Und genau da möchte ich heute ansetzen, meine lieben Brieffreunde, bei diesem oft beschriebenen und durchwegs abgekochten Begriff namens Liebe. Ich bin mir des Risikos bewusst, bei dieser Übung zu scheitern. Schliesslich haben schon viele Menschen versucht, der Liebe sprachlich auf die Schliche zu kommen. Doch vielleicht liegt gerade dort der Hund begraben: im Keine-Worte-finden. Denn was heisst schon Liebe? Etwa das, was uns verkokste FilmemacherInnen aus Hollywood verkaufen, die sich im Selbstmitleid ertrinkend nach Romantik sehnen, irgendwann ein Budget für diese Emotionen erhalten, und die Liebe in Form eines Streifens in ein Korsett packen? Mal ehrlich, gehts nicht eine Spur simpler? Beginnt Liebe nicht dort, wo Hass keinen Platz hat? Was ist mit unseren ArbeitskollegInnen, mit unseren Nachbarn und dem Turnlehrer unserer Kinder? Was mit den Migranten, Strassenwischern, Kleinkarierten, Kinderlosen, Aussichtslosen, Freidenkern, Haarspaltern, Pazifisten, Alleinerziehenden und den Millionen Legionen, die seit Jahrzehnten unbewaffnet durchs Leben gehen, sich auf Grund der Bedingungen aber schon früh eine Ritterausrüstung überzogen, um sich vom Schlachtfeld des Alltags zu schützen? Ist Liebe nicht viel grösser, als dass man sie auf die klassische Paarbeziehung aus dem 20. Jahrhundert und die daraus geborenen Kinder reduzieren könnte? Ist unser heute beginnender Briefwechsel nicht auch Ausdruck von Liebe? 

Keine Sorge, dramatischer wird mein Schreiben nicht. Und auch werde ich unseren schriftlichen Austausch nicht wie andere Male durch postpubertäre Provokationen zu stören versuchen. Dazu ist die Stimmung allenthalben genügend aufgeheizt, nicht?

Mag sein, dass ich in dieser Hinsicht ein bisschen reifer geworden bin. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass ab jetzt Drittpersonen mitlesen und ich Flausen einem dichteren Filter unterziehe; bin mir da noch nicht auf die Schliche gekommen. Fakt ist aber, dass ich müde bin, meine Damen und Herren: müde vom Virus, vom Kriegsgerassel und den Ängsten anderer, müde von den immer selben Nachrichten aus den immer selben Quellen mit dem immer selben Narrativ. Ich bin müde von der eindimensionalen Wahrnehmung unserer Leben und dem lieblosen Umgang mit demselben. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich bin müde von mir selber. Es ist eine Müdigkeit, die mit meiner Wahrnehmung zu tun hat und mit meinem Beruf als Journalist, Ihr kennt das ja. Ich bin es leid, den sogenannt Mächtigen auf die Finger zu schauen und bei meinen Recherchen darauf zu hoffen, ein Problem zu finden. Haben wir nicht genügend davon? Sind wir als JournalistInnen nicht Teil des Problems, wenn wir diese ständig wiederkäuen und dadurch zusätzlich legitimieren? Könnte es sein, dass wir längst den Blick fürs Wesentliche verloren haben und in einer Art Knock-Out-Zustand darauf warten, zu Boden zu gehen? Alle miteinander.  

 

“Es ist die Zeitlosigkeit, die diesen Dingen innewohnt und sie deshalb unverzichtbar machen. Möglich, dass wir sie verlernt haben, ja. Möglich, das sie angestaubt irgendwo unter einer Decke stecken, doch verschwunden sind sie nicht. Wir brauchen sie lediglich wieder zu aktivieren und zu kultivieren.”

 

Ich weiss nicht, wie es Euch geht, aber in Zeiten wie diesen, in denen nicht klar ist, was morgen passiert und noch weniger, was uns übermorgen erwartet, scheint es mir sinnvoll, mich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren: Kampfkunst, nachbarschaftliche Beziehungen, der Garten, die Ursprungsfamilie sowie jene, die ich mir hier in Ecuador am aufbauen bin, gute Gespräche und Abende am Feuer, Musik und Tanz, gemeinsames Essen und Selbststudium sowie körperliche Nähe und seelische Wärme von liebgewonnenen Menschen. Es sind diese immateriellen Dinge, die mich in den vergangenen Monaten gehalten und gestärkt haben. Naja, eigentlich halten und stärken sie mich seit Jahren. Es ist die Zeitlosigkeit, die diesen Dingen innewohnt und sie deshalb unverzichtbar machen. Möglich, dass wir sie verlernt haben, ja. Möglich, das sie angestaubt irgendwo unter einer Decke stecken, doch verschwunden sind sie nicht. Wir brauchen sie lediglich wieder zu aktivieren und zu kultivieren. Sie sind Teil unserer Gemeinschaften und sie werden das Virus genauso überleben, wie sie es mit Hungersnöten, Kriegen und anderen Krisen getan haben. Ich glaube, man nennt das Kultur. Und auch glaube ich, dass wir uns da in die Nähe der Liebe bewegen. 

Ich kann mir vorstellen, dass beim einen oder anderen von Euch nun ein Gefühl des Widerstandes geboren wird, Widerstand gegen diese vermeintlich naive Wahrnehmung der Realität. Nur, wer bestimmt diese Realität? Liegt es nicht an uns, was wir sehen und hören und inwiefern wir uns also beeinflussen lassen wollen? Bestimmen nicht wir selber, wonach wir uns richten? Und wenn Ja, warum stehen wir dann heute wie Kinder vor der Schlange, paralysiert darauf wartend, bis die Realität besser wird? Oder bin ich alleine mit dieser Wahrnehmung?  

Apropos: Erinnert Ihr Euch an Momo, das kleine Mädchen in Michael Endes gleichnamigem Roman aus dem Jahre 1973? Katharina, die älteste in unserer Runde, war damals gerade sechs Jahre alt; wir andern dürften noch nicht einmal ein Funkeln in den Augen eines Kondukteurs gewesen sein, aber nun gut: anderes Thema. Momo jedenfalls lebte in einem Amphitheater und hatte es fertiggebracht, den BewohnerInnen der nahegelegenen Stadt wieder Leben einzuhauchen, allen voran den Kindern. Sie schaffte es, die Phantasie ihres Umfeldes anzuregen und den hart gewordenen Menschen, insbesondere den Erwachsenen, die Zunge zu lösen. Sie sprudelten wieder vor Lebensfreude, und immer wenn ich an Momo denke, kommt mir das unausgeschöpfte Potential von uns Menschen in den Sinn. Neurologen sagen, dass wir nur zehn Prozent unserer Hirnkapazitäten nutzen …
Anders Momo: Sie blickt bald hinter die Kulissen der zeitraubenden, grauen Männer. Durch ihre direkte und authentische Art gelangt sie schliesslich auch ans Herz einer dieser Männer. Und spätestens in diesem Moment wird klar: Rebellion bedeutet nicht Steine werfen oder grosse Reden schwingen. Auch bedeutet es nicht, Konflikte anzetteln oder Anschläge auf Institutionen verüben. Die einzige Rebellion, die wirklich Sinn macht, einfach auszuüben, und die langfristig unverzichtbar ist, kommt von Herzen. Die wahre Rebellion besteht aus Liebe.

Ob es sich bei den Liebe-Machenden vor meiner Haustüre um Rebellinnen und Rebellen handelt, konnte ich bisher übrigens nicht in Erfahrung bringen. Und eigentlich interessiert mich das auch nicht wirklich. Sonst würde ich möglicherweise jene Details erfahren, die nicht in mein romantisiertes Bild dieser Pärchen passen. So oder so scheint mir diese Form des Zeitvertreibs aber etwas vom Besten, was einem in Zeiten wie diesen passieren kann. Liebe machen am Berg!

Make love not war!, schrien die Hippies vor fünfzig Jahren. Ich würde den Krieg gar nicht mehr erwähnen, sondern ausschliesslich die Liebe: Make love, and just love!

 

Seid also lieb zueinander und fühlt Euch gedrückt!

Romano  

***