Montag, 22. März 2021, Zürich, Schweiz

 

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Das ABC der Krise 

 

Liebe Katharina, geschätzte Kameraden, liebe Unbekannte,

 

Danke den beiden Herren für die ansprechenden Vorlagen: Dem Auslandschweizer vom Greifensee, Meister des Kung Fu. Dem grössten Reporter der Innerschweiz, 1 Meter 98, überragt nur durch den eigenen Witz und Grossmut.

Der Steilpass der Liebe bringt mich auf eine Nebenfährte der Erinnerung, zu einem Vorläufer dieses Briefwechsels, als alles privat und nichts politisch war. Vor zwei Dekaden begannen wir uns zu schreiben, inspiriert durch den Roman «Liebesmale, scharlachrot» von Feridun Zaimoglu. Damals hielt Markus einen Vortrag in unserer Stube, mit schriftlichem Handout, über «das Wesen der Liebe». Am gleichen Abend bot ein Luzerner Barde eine deutsche Version eines Liedes von Bob Dylan dar, noch heute hallt der trocken rezitierte Refrain «Kleinkind, Kleinkind, Kleinkind!» nach. Hei, wie waren wir jung und unbeschwert!

Verzeiht mir die Abschweifer. Für einen stringenten Brief hatte ich keine Zeit, soll Goethe gesagt haben, womöglich wird es ihm nur zugeschrieben. Ich mache euch ein persönliches ABC zur Pandemie schmackhaft. Es ist als blosse Form zu begreifen, ein Werkzeugkasten auf tönernen Füssen, eine schlingernde Leitplanke, für euch wie für mich, alles ist im Fluss.

Zuvor führte ich ein beamtenartiges Leben, wohnte in Zürich und war Pendler, arbeitete 80% in Luzern. Täglich eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Am Freitag hatte ich frei. Und nun?

Seid ihr bereit?

 

Alkohol war der Sprit des Autors Bukowski. Sein Mindset kann uns als Einstellung dienen. Der Dilettant aus Hollywood, der das Nichtstun liebte und ein Suchtmensch war, lebte rastlos. Dann wurden seine eingesandten Schreibwaren Kult und er durfte fortan in Filmen sich selbst spielen. Seinen Unterhalt aber, die Unkosten, verdiente sich Bukowski als Pöstler.

Briefe trug auch mein Urgrossvater Gotthard Ackermann (1880-1955) eine Weile aus, in Rothenburg, wo er lebte. Er tat dies nur aus der Not, als Nebenverdienst und nicht sehr lange. Die Alteingesessenen gaben ihm, dem aus dem Entlebuch zugezogenen, die übelzeitigste Tour. Er musste in der Morgenfrühe zu den entlegensten Chrachen und hörte auf, sobald er Arbeit als Schneider fand.

Charakter braucht der Schreibende; gerade in harzigen Zeiten. Die Haltung kann freundlich sein und an Gazellen jagende Bergleute im Hochland Kenias gemahnen, die stets locker, aber aufsässig, ihre Beute müde laufen.

Demokratie ist okay. Allerdings wird mein Urteil laufend relativiert und revidiert. So missfällt mir das von der Mehrheit neulich beschlossene Verhüllungsverbot. Es ist zudem ein hässliches Wort, ich wünschte mir vom Bundesrat eher ein Dekret mit Vermüllungsverbot, nur für mich.

Episodisch hat die Epidemie mit Brot zu tun und Grenzen. Als vor gut einem Jahr die Seuche von Süden her, wo der Karneval von Venedig abgesagt wurde, in die Schweiz überschwappte, weilte ich in Berlin. Dort hatte ich anderes im Kopf, war liebestrunken, wenn ich mich recht erinnere. Mein erster Reflex gegenüber Plagen ist immer das Wegschauen. Bei Viren nutzlos.

Frühlingshaft flattern meine Nerven. Wie geht es weiter? Unsere Nachbarn Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich gingen politisch rigoroser mit der Pandemie um, da handelte die Schweiz vergleichsweise lasch. Wir nahmen dafür mehr Tote in Kauf. Wer führt diese Statistik? Besiegen lässt sich eine Pandemie nur gemeinsam. In Myanmar herrscht nun wieder eine Militärdiktatur, das Volk geht auf die Strasse und wird dafür getötet. Aber Myanmar kann ja politisch nicht der Massstab sein.

Gebäck bietet Trost. Die Rückbesinnung auf das Backen ist ein Plus. Entschieden breche ich eine Lanze für das Brotbacken!

Härtefälle gibt es unzählige, Einzelschicksale, das ist unbestreitbar, auch in der Schweiz. Die Beizen, Konzertlokale, Theater, Kinos, alles zu und leer. Arbeitslose Existenzialisten wie Sand am Meer. Bleibt uns der öffentliche Raum. Im Sommer standen wir trinkend vor dem Bahnhof Enge, wie Teenies in Spanien. Und Shopping ist erlaubt, nur das Nötigste, Lebensmittel, keine Dekowaren. Im Supermarkt gibt es alle Ingredienzen zum Sauerteigbrot, dazu ist Luft und Liebe zu addieren. Das Salz nicht vergessen. Mal gelingt es besser, luftiger, mal gerät es fade oder hart wie Stein.

 

Leute im Hamsterrad laufen Gefahr, sich im Kreis zu drehen. Meine Routine war es einst,
am Morgen auf den 6-Uhr-Zug zu hetzen. Um 5:55 schloss ich mein Velo am Bahnhof ab,
was mir gemütlich reichte, um vor dem ersten Zug die erste Zigi zu rauchen.
Seit ich nicht mehr rauche, tue ich stattdessen daheim ein paar Atemzüge.

 

Ischgl oder der Inn, das ist mir einerlei, Hans was Heiri, aber früher glaubte ich, dass der Olympiasieger der Nordischen Kombination von 1988 in Calgary, Hippolyt Kempf, am Skigymnasium in Stans studiert hätte. Dabei war er in Stams. Kleiner Unterschied. Eine grammatikalische Minimutation?

Jedes ist seines eigenen Glückes Beck. Was macht den Journalisten aus? Die Journalistin? Sie wählt die Worte mit Bedacht und legt sie nicht auf die Goldwaage, denn das wäre päpstlicher als Franziskus. Mitunter gebiert die Not Gutes. Die Fachzeitschrift, die einst «Schweizer Journalist» hiess, wird nun länderübergreifend von zwei Kolleginnen in einer Co-Redaktionsleitung herausgegeben und heisst «Journalist:in».

Kolumbien war Herd einer Mutation, höre ich. In einer traurigen Favela sollen die Covid-19-Viren sich um die robuste Genetik der Ansässigen foutiert haben. Trotz Reisebeschränkungen gelangte das Zeugs über die Luft nach Europa, in unsere überalterte Festung, die doch nur das frische Blut wollte, nicht unbedingt die Menschenmassen. Ich zitiere frei nach Frisch, werte Leserschaft, möchte nicht politisch unkorrekt erscheinen.

Leute im Hamsterrad laufen Gefahr, sich im Kreis zu drehen. Meine Routine war es einst, am Morgen auf den 6-Uhr-Zug zu hetzen. Um 5:55 schloss ich mein Velo am Bahnhof ab, was mir gemütlich reichte, um vor dem ersten Zug die erste Zigi zu rauchen. Seit ich nicht mehr rauche, tue ich stattdessen daheim ein paar Atemzüge. Insofern hat mich der Homeofficezwang auch gesünder gemacht.

Morgen ist World Mouth Health Day. Die Mundhygiene habe während der Pandemie gelitten und sei eine Katastrophe, warnt ein Communiqué im Newsticker. Meine 11-jährige Tochter half vorgestern ihrem drei Jahre jüngeren Bruder, einen abstehenden Eckzahn zu ziehen, der ihn lange plagte. Am gleichen Tag wurde die älteste Tochter (13) ihre Zahnspange los, genannt Gartenhag. Das Zirkustraining war für sie «magic», weil sie erstmals den Handstand allein konnte. Völlig frei.

Neulich war Weltfrauentag, ein Montag, ich war bei Frau Stähli zur Dentalhygiene aufgeboten. Wir versuchen, das Unangenehme des Akts mit Humor zu überbrücken. Seit Corona braucht es ein Formular mehr und einen zusätzlichen, würgenden Saugschlauch im Hals. Frau Stähli ist aber froh, dass sie arbeiten darf und dass die Homeofficepflicht für ihren Beruf keine Option darstellt.

Oh, wie die Liebe doch in allem steckt! Manchmal male ich mir meine Wohnung als goldenen Käfig aus. Ein Atelier! Meinem Vater fiel einmal, in einem Hotelzimmer, auf Reisen, beim Klipsen der Fussnägel ein Lavabo auf den Boden. Mir passieren solche Dinge auch ständig. Neulich in Avers – wo ich als Skitourist ein Wochenende mit Kindern im Schnee verbrachte – fiel eine ganze Garderobe krachend zu Boden, als ich meinen viel zu schweren Rucksack an einem Kleiderhaken aufhängte.

Pandoras Fässer sollte man nicht anrühren, heisst es. Die Plagen sind eben, einmal befreit, nicht mehr so leicht in die Büchsen zurück zu stopfen. Langeweile und Neugier treiben mich dazu, gewisse verbotene Dosen trotzdem zu öffnen, nur zum Test. Beim Bahnhof Wipkingen gibt es einen Pop-up-Store mit Möbeln. Nebenan sammeln sie online mit einer Petition Unterschriften für ein öffentliches WC. Lange Jahre gab es dort einen Schalter mit stadtbekanntem Reisebüro, tempi passati.

Quaderförmig erscheint mir die Welt zuweilen, wie ein Tennisplatz. Die Sehnsucht nach Reisen ist stark. In China war ich noch nie, in Südamerika ebensowenig. Terra incognita. Nach Australien wollte ich nie, bisher. Federer hat auf Melbourne verzichtet. Nun tritt er nach einem verhexten Jahr wieder in Wimbledon an. Er ist erst 40, der Spund.

 

Waschküchen sind soziale Minenfelder, man teilt sie sich im Haus.
Neulich wurde ich vom Nachbar ausgeschlossen. Während der zehntägigen Isolation im Herbst,
als ich das Virus hatte, verkam der maskierte Gang in den Keller zum abenteuerlichen Thrill.
Der Spaziergang an die frische Luft zum Briefkasten war pures Glück.

 

Rebellisch war ich nie, wobei die Innensicht mit der Aussensicht kontrastieren kann. «Leider können wir unser Serviceversprechen bei der Beantwortung von schriftlichen Kundenanfragen nicht halten», mailte mir ein Verlag und entschuldigte sich. 

Sauerteigbrot ist mein Lieblingsbrot, man kann es nicht genug wiederholen. Lieber als Selbstgebackenes habe ich nur den Luzerner Weggen, das Brot meiner Kindheit, vom Profi frisch gebacken. Das beste Brot der Welt gibts beim Merz in der Eisengasse oder beim Odermatt am Helvetiaplatz. Doch man kriegt eben nichts Vergleichbares ausserhalb des Kantons! Bin ich nun völlig verbohrt?

Total geschlossen per 20. März 2021 wurde die Postfachstelle Luzern 7 Hirschengraben. Mit der Filiale ging die Postfachanlage zu. Ein Fotograf lässt sich seine Post nun an den Erlenweg 4 in Kriens liefern. Sagt dir diese Adresse etwas, lieber Markus, als Krienser?

Unverständlich ist mir, wieso die Abfahrten am Ski-Alpin-Weltcupfinale in der Lenzerheide abgesagt wurden. Zu viel Schnee, Mitte März. Lara Gut-Behrami und der Nidwaldner Marco Odermatt wurden um ihre Kristallperspektiven geprellt. Im Kampf um die grosse Kugel sind ihre Widersacher eine Slowenin und ein Franzose. Der Nationalismus im Sport ist krank.

Vereinsfarben sind Nebensache. Rot-Blau steht für das Tessin, wo eine Maskenpflicht in öffentlichen Räumen eingeführt wurde. Sie gilt von 10 bis 19 Uhr auf den Piazzen. Der italienischsprachige Kanton – Heimat von Lara Gut-Behrami und ihrem Gatten Valon, einem verdienten Fussballveteranen, aus dem Kosovo in die Schweiz geflüchtet – war auch Vorreiter punkto Verhüllungsverbot. In Basel demonstrierten derweil die ausgesperrten Fans vor dem Stadion gegen den Verkauf ihres Clubs ins Ausland, während innen der FCB gegen den FCL 4:1 gewann. Mein Sohn ist blau-weiss, hopp Lozärn, spricht aber Zürideutsch. Blau-weiss sind auch die Farben der beiden Stadtclubs FCZ und Grasshoppers.

Waschküchen sind soziale Minenfelder, man teilt sie sich im Haus. Neulich wurde ich vom Nachbar ausgeschlossen. Während der zehntägigen Isolation im Herbst, als ich das Virus hatte, verkam der maskierte Gang in den Keller zum abenteuerlichen Thrill. Der Spaziergang an die frische Luft zum Briefkasten war pures Glück.

X-fach habe ich mich in Demut geübt und tief geatmet. Stoisch. Alter Trick.

Youtuber wurde ich auch noch, Pandemie sei Dank. Wegen Corona fand die Erzählnacht ausnahmsweise nicht im Schulhaus statt. Wir verlegten sie ins Internet, die Väter youtubten. Der Professor der Soziologie las aus einem Kinderbuch vor. Sein Livestream brach abrupt ab.

Zusammenhangslos bin ich ins Ziel geschlittert, einmal mehr.

 

Wie geht es Euch? Ist es sehr schlimm? Und sagt mir, hört es je wieder auf?

Ich grüsse euch herzlich, bleibt gesund und passt auf euch auf!

Claudio

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