Montag, 15. November 2021, Zürich, Schweiz

 

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Eine Lanze brechen für Helvetia

 

Liebe Katharina, lieber Romano, werte Mitlesende, Freiheitsliebende,

 

Danke für eure Schreiben! Wie viel habe ich euch zu erzählen, dass es nicht mal auf eine Bärenhaut passt. Zwei Tigerfelle würden eventuell genügen oder ein platt wie die Erde gewalztes Breitmaulnashorn, aber dieses als Schreibunterlage zu verwenden wäre dann doch pervers. Sorry. Es ist der Herbst, der das eher Dunklere aus meinem Innern zum Leuchten bringt.   

Was ist sonst los? Keine Neuigkeiten von der heimischen Impffront. Trotz Gedöns um die Impfkampagne durchweht ein pandemieverdrossener Gleichmut das Land  – die letzten paar impfrenitenten Bürgerinnen und Bürger werden mit einem heissen Raclette zum Piksen gelockt, was ich sympathisch finde. Harmonie also unter der Käseglocke. Die Schweiz sei ein ideales Fluchtland, weil so klein und eng, dass man nicht anders kann, als sein Glück jenseits der Grenzen zu suchen. Dies sagte der Karikaturist Patrick Chappatte, eines der feinsten Exportgüter, das die Schweiz je hatte.

Ein Nachbar, den ich neulich auf der Strasse traf, sammelte Landkarten der Welt, mit verschiedenen Perspektiven: In Italien haben sie den Stiefel im Zentrum. In China ist das Reich der Mitte zentriert. Ebenso im Tibet, in Kaschmir oder in Nepal, da ist der Olymp der Himalaya. Wenn ich aber eine Achse ziehe von Patagonien via das gewählte Heim von Herr Herren bis ganz nach oben zum Nordpol, dann ist 99.99% dieses Landstrichs Terra Incognita.  

Meine Stadt, da wo ich lebe, die nennt man auch „Zureich“. Mark Twain aber, der Prototyp des alten weissen Mannes, soll mal gesagt haben: „Kauf dir ein Stück Land, sie machen keines mehr.“ Tja. Die Ressourcen sind seit Twains Zeiten ordentlich endlicher geworden. Und wir haben uns zünftig vermehrt, nebenbei dem Planeten eingeheizt, dass bald die Pole schmelzen. Nun schlägt die Natur halt mal auf ihre Art zurück, mit einem Virus. Ist jemand überrascht? 

 

„Das Zertifikat als trojanisches Pferd, das uns die Grundrechte rauben wird. Ich höre vor allem Angstmacherei, Panikmache, schrille Schreie in der Medienbubble.“

 

Ach ja, es war noch nationaler Zukunftstag. Meine zwölfjährige Tochter war bei Greenpeace zu Besuch, mit elf anderen Kindern. Sie schnupperte etwas Erwachsenenluft, es gefiel ihr sehr.   

Wenn es mir zu politisch wird, halte ich es immer mit den Katholiken des Hürntals. Ja, auch als linker Städter mit Sympathien für Marx. Am Tag, wo in Südafrika Willem de Klerk starb und im Radio kam, dass sich in der Volksrepublik Xi Jinping für eine dritte Amtszeit in Position bringt, Dynastie auf Lebzeiten, ist auch von Schottland die Rede. Das Land sei „reich an Mohren“, verhöre ich mich. Dabei sind Moore gemeint.  

Heute breche ich eine Lanze für Helvetia und trete ein für ein Ja zum Covid-Gesetz. Am Ende des Monats dürfen wir uns ja dazu äussern, völlig frei. Alle erwachsenen Menschen mit Bürgerrecht, muss man sagen. Aber das ist auch schon der Hauptgrund, warum ich dafür bin, um Gebrauch zu machen von meinem Bürgerrecht. Ich werde gefragt, ob ich einverstanden sei, wie der Pandemie begegnet wird. Ich sage ja zum autonomen Nachvollzug, dem Legalisieren des Geschehenen. Und schätze es, dass ich überhaupt gefragt wurde.

Alle Parteien ausser eine sind dafür, eine Koalition der Vernunft, doch im Briefkasten hatte ich sieben Flyer gegen das Gesetz. Von ImpfgegnerInnen, FreundInnen der Verfassung, FreiheitstrychlerInnen und VerschwörungstheoretikerInnen, was weiss ich. Die Meinungsfreiheit gilt. Aber woher haben diese „alternativen“ Kritiker so viel Geld für die Nein-Kampagne?  Und wovor haben sie Angst?

Es gibt sicher auch gute Argumente für ein Nein, wie sie zum Beispiel die Schriftstellerin Sybille Berg geäussert hat. Das Zertifikat als trojanisches Pferd, das uns die Grundrechte rauben wird. Ich höre vor allem Angstmacherei, Panikmache, schrille Schreie in der Medienbubble. Und ich wiederhole mich: Impfen ist wie abstimmen. Man geht in sich, bildet sich eine Meinung und trifft eine persönliche Entscheidung. Ja, man denkt auch an das grosse Ganze. Es gilt das Stimmrechtsgeheimnis. Niemand hat mich zum Impfen gezwungen.  

Ja, es ist ein Privileg und ich habe den Schutz freiwillig in Anspruch genommen. Einmal, damit ich mich frei bewegen kann, nicht nur in der Schweiz, sondern auch im nahen Ausland. Die Freiheit ist das einzige Gut, das mach brauchen muss, damit es nicht verkümmert. Ist das egoistisch, naiv? Ich lebe in einer lebendigen Demokratie und halte es für falsch, sie als Diktatur zu bezeichnen. Es ist auch unfein gegenüber jenen Menschen, die wirklich in einem autoritären Staat leben.  

Also nein, das Zertifikat ist kein Vorbote der Diktatur, lieber Romano.  Auch 2G oder 1G ist kein Horrorszenario, in Österreich oder Italien tun sie es, um zu überleben. Und ja, in Israel sind sie dazu übergegangen, auch Kinder zu impfen. Was ist daran falsch? Okay, es mag die gröberen Probleme politischer Art, die jedes Land kennt, keineswegs lösen. Das halte ich für das Hauptproblem. Vielleicht ist es die Achillessehne der Weltgesellschaft, die Ungleichheit, die ökonomische, die durch die Pandemie verstärkt wurde.  

Deshalb legen wir ja alle Kräfte zusammen, um der Seuche die Stirn zu bieten. Ich bin auch für Fantasie, unbedingt. Die braucht es jetzt, um diese Herausforderung zu meistern. Soll ich nun den internationalen Pharmakonzernen Hausverbot erteilen, nur weil sie kapitalistisch finanziert und kommerzielle Gebilde sind?  

 

„Bin ich naiv, nur weil ich mich entschieden habe,
dem Impfen eine Chance zu geben?“

 

Verzeiht mir meinen Ernst. Aber ich will den Staat nicht abschaffen, lieber Romano. Er stellt meinen Pass aus und finanziert die Spitäler. Warum soll er keinen Covid-QR-Code hüten? Ich vertraue ihm, meiner kleinen Welt, dem Lokalstaat Zürich, Kreis 10, Sektion Wipkingen. Die Grenzen abzuschaffen wäre das Kind mit dem Bad ausschütten und den Doktor mit dem Virus zum Teufel schicken.  

Wer Zug fährt, braucht ein Ticket und trägt eine Maske. Das gleiche gilt im Bus und Tram. Wer im Club tanzen gehen will, muss ein dickes Portemonee haben und ein Zertifikat. Wer Auto fahren will, braucht eine Prüfung, obwohl es nicht gerade zukunftsträchtig ist, Autofahren zu lernen. Fahrstunden sind vorgeschrieben, auch das macht der Staat.  

An der Ostgrenze von Europa karrt ausgerechnet ein Diktator ganze Menschenmengen an Flüchtlingen heran, aus dem Nahen Osten, die die Festung Polen stürmen sollen. In Flugzeugen werden sie transportiert, gecharterten. Ja, das bringt auch mich ins Grübeln.

Bin ich naiv, nur weil ich mich entschieden habe, dem Impfen eine Chance zu geben?

Ich respektiere die Entscheidung jener, die sich nicht impfen möchten, obwohl dies die Bestrebung der Mehrheit sabotiert. Es sind ein paar Paradoxe, die einfach auszuhalten sind: Natürlich darf es keinen Impfzwang geben, gerade weil die Impfung das Virus nicht aus der Welt schafft. Entweder oder. Spöiz oder Choder.  

Vorgestern sass ich in der Herbstsonne wonniglich auf einer Parkbank und sinnierte. Die Menschen, die im dicht benutzen Park vorübergehen, ihre Kinder behüten, joggen, Liegestütze machen oder einkaufen oder am Rande des Marktplatzes Unterschriften sammeln, sprechen Deutsch, Spanisch, Französisch, Englisch und Griechisch. Immer öfter Griechisch, wie die alten Griechen, aber mitunter sind es auch junge Menschen von heute. Zu Frontex haben die Grünen übrigens auch eine Unterschriftensammlung am Laufen, aber da waren schon alle Bögen voll signiert, am Stand. Deshalb konnte ich nicht gegen Frontex unterschreiben, weil kein leerer Bogen mehr da war, sondern unterschrieb halt nur die Petition zur Erhaltung einer grünen Wiese im Quartier. Direkte Demokratie im Dorf. Das Virus ist gekommen, um zu bleiben und zu mutieren.

Ja, die Niederlande gehen in den Lockdown. Ja, in Österreich und Italien darf man nur noch zur Arbeit, wenn man geimpft oder genesen ist. Ich verstehe diese Massnahmen, sie sind real und ich befürworte im Übrigen auch das Absetzen von korrupten Regierungen. Die Pandemie geht ans Lebendige, wir feiern hier gerade eine nationale Impfwoche, bei dem der restliche Viertel der Bevölkerung, mit allen friedlichen Mitteln davon überzeugt werden soll, sich impfen zu lassen.

Natürlich darf man anders denken. Aber vielleicht liegt das Problem des Gesundheitswesens gar nicht in der Coronapandemie, sondern darin, dass es rein ökonomisch ausgerichtet ist. Ein Feind hat noch keinem System geschadet. Aber wenn ein Gesundheitssystem marode ist, kommt so eine Virenplage ungelegen.   

Die Staatsvertreter haben keine natürliche Autorität mehr. Sie müssen vor allem Hohn und Häme über sich ergehen lassen. Man hat Mühe, Leute zu finden. Ja, es geht auch hier den Menschen ans Läbige, in der reichen Schweiz. Wir sind mitten in Europa angekommen, endlich gibt es keine Grenzen mehr, Halleluja Corona! Ich meine das nicht zynisch und auch nicht fascho. Musiker können wieder spielen, Beizer Gäste bewirten, wir können wieder sozial sein. 

Während ich dies schreibe, ist in Glasgow der Klimagipfel fast vorbei. Ja, es muss etwas geschehen. Ja, wir sind reif dafür, kollektiv und friedlich Verantwortung zu übernehmen. Ja, wie alle Städter werden wir den Gürtel enger schnallen müssen. Ja, das ist einfacher gesagt als getan. Ja, es wird wehtun.  

Aber man kann nur lokal handeln, im Quartier, im Laden, mit den Produkten, die man kauft. Man ist, was man isst, was man tut, was man sagt.
Gleichzeitig stimmen wir Ende Monat übrigens über die Pflegeinitiative ab. National verlangt diese bessere Löhne für das Personal in den Spitälern. Und im Kanton Zürich machen wir mit dem Energiegesetz vorwärts, inschallah. Der sozialdemokratische und der liberale Ständerat – schon wieder zwei alte weisse Männer! – setzen ihre „ungeteilte Standesstimme“ dafür ein, dass der Kanton ein neues Energiegesetz erhält. Zürich kann das.  

So, ich habe brieflich abgestimmt, alle Kreuzchen gemacht und muss jetzt Ukulele üben. Irgendwo muss man ja anfangen. Oder? Ich wünsche euch jedenfalls viel Harmonie, menschliche Wärme und Sonnenstunden, auf bald!

Claudio 

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Montag, 11. Oktober 2021, Zürich, Schweiz

 

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Die Realität geht nicht einfach weg

 

Liebe Katharina,
lieber Romano,
lieber Markus, der uns leider verlassen hat, 

 

Ich hoffe, es geht euch gut, ihr esst deftig und blickt trotz dem anbrausenden Herbst tapfer und mit Lebensappetit in die Zukunft. Dreiviertel des Jahrs 2 mit Corona sind um, da darf man fragen: Wie war die Ernte? Was macht das Wetter? Und welches Gestürm raschelt heute durch den Blätterwald? 

Ich danke zuerst dem geschätzten Kollegen Markus für seinen konzisen Abschiedsbrief. Kein Wort zu viel, stringente Argumente, absolut nachvollziehbar! Ich möchte dich nachahmen, dem Sog nachgeben und ebenfalls desertieren, erhobenen Hauptes. Du hast es dir nicht leicht gemacht, lieber Markus. Deshalb ist es eine schwierige Aufgabe, dir zu antworten. Im privaten Rahmen werde ich bei Gelegenheit ins Hymnische taumeln, verspreche dir, dich über den grünen Klee zu loben, für das, wozu ich noch nicht bereit bin: Aufzugeben, eben, um mit Anstand Abstand von der Krise zu gewinnen.

Aber ich habe noch eine Rechnung offen mit der Pandemie, verehrte Lesende. Deshalb mache ich weiter, deshalb bin ich hier dabei, bleibe am Ball und renne noch nicht vom Feld. Ich will hier versuchen, die Pestilenz, diese flüchtige, unsichtbare Virenplage, mit Worten zu bändigen. Was soll man sonst tun? 

Schreibend das Weltgeschehen fassen zu versuchen ziehe ich dem Studium von Zahlen in der Zeitung vor. Das ängstige Beäugen von Corona-Statistiken, Fallzahlen, Siebentageschnitten und Konsorten lehne ich ab. Zahlenlesen als bare Konsumhaltung und Volkssport: Covid ist Junkfood, medial betrachtet. Leider wurde dagegen noch keine Impfung entwickelt. 

Vor über 20 Jahren habe ich einen Kalenderspruch in mein Poesiealbum geklebt, ein Spruch, den ein Leser als Leserbrief einer Zeitschrift geschickt hatte, sozusagen ein gedruckter Vorläufer des Onlinekommentars: «Es gibt zwei Unendlichkeiten: jene des Universums und jene der menschlichen Dummheit.» Den Zusammenhang habe ich leider vergessen, aber der Spruch bleibt universell gültig, zeitlos und unendlich, nicht?

No news are good news.
Und die Erde? Sie bewegt sich doch. 

Vor 20 Jahren geschah 9/11, dann ging die Swissair Pleite und die USA waren seither als Kriegsmacht in Afghanistan, bis vor kurzem. Barrack Obama wurde einst der Friedensnobelpreis verliehen, etwas voreilig vielleicht, für seine Bemühungen.
Vergangene Woche erhielten Maria Ressa und Dmitri Muratow den gleichen Preis. Eine Journalistin aus den Philippinen und ein Kollege aus Russland – beide unerschrockene Verteidiger der Pressefreiheit, die unabhängige Medien betreiben, oft unter Einsatz ihres Lebens. Möge das Preisgeld und das Prestige die Plattformen «Rappler» und «Nowaja Gaseta» lang am Leben halten.   

Der Schweizer Unternehmer und Autor Rolf Dobelli dagegen propagiert eine strikte Newsdiät: «Stop reading the news», heisst sein Rat. Dobelli, übrigens auch Romancier und ehemaliger Swissair-Mitarbeiter, lebt dies seit gut einer Dekade konsequent: Er liest keine Zeitungen, hört kein Radio und hat dafür Zeit für Literatur und das Leben. Mit der Beschränkung auf das Wesentliche habe er weniger Stress und mehr Glückshormone, propagiert er. So ein Digital detox ist sicher ein Zeitgewinn, aber ich glaube nicht, dass es auf Dauer gesund ist, sich der Aktualität, wozu ja auch Covid gehört, ganz zu verweigern.

Das Herstellen von Essenz, das Zusammenfassen, war andererseits auch Dobellis erfolgreiches Businessmodell, das er mit der Firma GetAbstract gründete. Von dort erhielt ich notabene regelmässig Aufträge, als ich am Anfang als selbständiger Schreiber stand: Ich fasste gegen Lohn Literaturklassiker zusammen, darunter Werke von Dostojewski, H. G. Wells und Elfriede Jelinek. 

 

„Nach der Pandemie ist vor der Pandemie, ich betrachte dieses Covid mehr und mehr
als eine Art Volkssport, wie der Fussball, nur dass er eben nicht aufhört.“

 

Die Jelinek bringt mich zu Friederike Mayröcker, eine österreichische Literatin, Lebensgefährtin von Ernst Jandl, dem konkreten Poeten, den sie mehr als 20 Jahre überlebte. Mayröcker starb im April 2021, mit 96 Jahren. Am Tag der Literatur-Nobelpreis-Verkündung hörte ich auf Radio SRF 2 Kultur ein Radio-Feature über die Dichterin. Der Nobelpreis ging an Abdulrazak Gurnah, einen «Autor ohne Leser» (NZZ). Im Radiofeature aus dem Jahr 2013 wird Mayröcker als 80-jährige Dame porträtiert. Man hört sie selbst, im Gespräch, und auch wie sie dem Redakteur auf den Telefonbeantworter gesprochen hat, köstlich, liebenswert, grandios: Was sie wieder entdeckt hatte, in ihrem Haus voller Zetteln, was er noch wissen müsse und was ihr noch in den Sinn gekommen sei.

Es gibt Überschneidungen von Mayröckers Themen zu unseren hier beim Post-Pandemic-Planet: der Pathos, der trübe Sommer und der Flug der Vögel, zum Beispiel. An einer Stelle schwärmt sie vom Kunstflug der Lerche. Und sie erzählt, wie sie als junge Frau und Lehrerin immer von ihrer Eitelkeit abgelenkt worden sei. Sie steige so lange in ein Bild hinein, bis es Sprache werde, sagte sie einmal.

Freilich gibt sie zu, wie sie immer rasend geschrieben habe, wie eine Verrückte. Im Gegensatz zu ihrem Partner Jandl, der manisch-depressiv war und dessen lyrisches Tagwerk sie zu seinen Lebzeiten absegnen musste. Er las ihr täglich seine Sachen vor, sie brachte ihm das Nachtmahl, danach hörten sie beide stundenlang Jazz. Sie aber zeigte ihm fast nie etwas, sondern gab ihm ihre Prosa erst zu lesen, als das Geschriebene fertig war. 

Es gibt also beide Wege – jener Jandls oder jener Mayröckers. Wie impfen oder nicht impfen. Jedes Kind muss seinen Weg finden. Aber die Realität geht nicht einfach weg.

Das Covid-19-Virus wird nicht einfach verschwinden. Man kann sich heute dagegen impfen, niemand muss, immerhin. Bald wird es hoffentlich ein Medikament dagegen geben. Bis dahin werden wir uns arrangieren müssen, wissend, dass die Viren schneller mutieren als wir Mittel dagegen finden. 

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie, ich betrachte dieses Covid mehr und mehr als eine Art Volkssport, wie der Fussball, nur dass er eben nicht aufhört. La balla è rotonda, sagen die Italiener. Das Spiel ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Und das erhält die Spannung.

Hier beginnen die Herbstferien und ich muss abrupt enden. Dabei bin ich guter Dinge, dass die Arbeitsverbote und Reiseverbote bald vorbei sind. Das kann der Zivilgesellschaft nur guttun, wenn sie sich wieder frei versammeln darf, zu Poesie, Politik und Spielen. Ich danke euch, verehrte Leserschaft, dass ihr mir bis hierher zugehört habt und grüsse euch herzlich, auf bald!

Claudio

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Montag, 14. Juni 2021, Zürich, Schweiz

 

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Betteln für mehr Vernunft

 

Liebe Brieffreunde, liebe Katharina,

 

«Am Anfang braucht man Durchhaltevermögen. Aber warum ist die Zukunft MINT?!» (1) – «Darcy ist jetzt der Host!» – Aha, also nicht mehr Jessica, die mir vorhin aufgefallen ist. 

Sorry für die Verwirrung. Ich bin auf Zoom, und rundherum passiert eine zweite Realität, am Helvetiaplatz: Tauben im Kies, gehen im Kreis, die schattige Gartenterrasse des Salut grüsst lau, ich sitze aber auf einer langen Landibank, nicht im Café, bin nur Zaungast, hier und auf Zoom.

Zu Mittag ass ich mit Ben auf seiner Dachterrasse, dazu später mehr. Es gab Suppe, Salat, Brot, Ice Tea in der PET-Flasche. Nach so einem Dreigänger leiste ich mir kein Kafi mehr.

Heute will ich von Patti (2) und Chris (3) erzählen, die mir auf Insta (4) begegneten, was manchmal zu meinen Morgenritualen gehört. Patti und Chris sind mir nur aus Funk und Fernsehen bekannt, gehören zum heimischen Unterhaltungspersonal, früher sagte man Cervelatpromis. Hier die wortgewaltige Kabarettistin und Ex-Lehrerin aus dem Aargau, dort der einstige Oberpropagandist der Schweizer Volkspartei SVP und morbider Uniprofessor mit Spezialgebiet Mumien.

Die zwei chatteten also auf Facebook: Patti postete Screenshots der Dialoge, mit dem Kommentar, sie hätte nur Streit gesucht und aus Versehen eine Brieffreundschaft mit Chris gefunden. Ein Flirt mit Witz, Infotainment mit understatement, so what?!

Inhaltlich ging es um die Agrarinitiativen, über die gestern abgestimmt wurden. Chris zündete Patti an, sie «als Bauerntochter» müsse die Initiativen doch ablehnen, weil sonst das Bauernsterben weiter wüte. Infame Geschichtsverdrehung eines Meisterschwarzmalers: Als ob Landwirtschaft ohne Pestizide und Antibiotika nicht möglich wäre. 

Chris verschrieb sich, er sprach Patty mit y an, wie in Schnyder, zudem siezte er sie, eine Steilvorlage für Patti und ihr erster Punkt. Merke: Streite nie mit einer ausgebildeten Lehrerin und Bauerntochter über Orthografie.

Versteht mich nicht falsch. Man soll natürlich über Initiativen streiten, auch über diese zwei, unbedingt. Die meisten Bauern sind ja dagegen, diese Tatsache ist unübersehbar an den Plakaten auf den Feldern, die das Land überwuchern, wo es noch grüne Restflecken hat.

Und es ist auch gut, dass wir abstimmen dürfen, wiewohl die Meinungsbildung mühsam ist. Und ja, ich habe zweimal Ja gestimmt, als linker Städter und im Wissen, dass diese Vorlagen meilenweit von einer Mehrheit weg sind. A propos: Wie viele Meilen sind es von Jona bis Meilen?
Ja für sauberes Wasser, gegen Pestizide und Ja zu einem massvollen Umgang mit Antibiotika. Kann man da dagegen sein?

Man kann. Herr und Frau Schweizer wollen keine 6 Wochen bezahlten Ferien, sie möchten lieber ohne Masseneinwanderung sein und nichts hören von Einheitskassen. Darum gingen auch diese Initiativen bachab wie die letzten 12 Reformen der Altersvorsorge. Versenkt in Gülle.

Item.

Auch dass eine Komikerin und ein Intellektueller in der Öffentlichkeit streiten, ist ein Lebenszeichen für die Demokratie, also gut. Wenn auch das Niveau solcher Instachats bedenklich tief ist und ich vielleicht dem Chris, der ja auch eine Witzfigur ist und ein Ur-Unsympath, mit Verlaub, zuviel der Ehre angetan habe, als ich ihn als Intello adelte. Manchmal muss man sich aber auch einfach etwas Luft verschaffen.
Das geht mit Mails ganz gut. Seid ihr noch da?

Cut

 

Seit Januar ist mein Twitteraccount stumm,
weil ich den Lärm auf den digitalen Kanälen nicht mehr vertrage.

 

Ein Bettler zeigt mir seine Wunde. Hier, mitten im lauschigen Luzern. «Das Wohnen in Zürich ist nicht billig.» sagt der Referent im Zoom, ein Studienleiter der Elektrotechnik. «Ihre Internetverbindung ist instabil» meldet Zoom auf meinem Screen. Ich nehme den Kopfhörer ab, damit ich den Bettler versteh, nur um den Kopf zu schütteln. Ist Betteln nicht verboten hier?!

Das letzte Mal, dass mich jemand für eine OP anbettelte, weilte ich in Bamako, im Januar 2002. Damals gab ich ihm sogar etwas, weil es mich so grauste und ich den Trick nicht schlecht fand: Er zeigte mir den steril verpackten Katheter, den er angeblich für die Blasen-OP ins Spital bringen musste, damit seine höllischen Schmerzen aufhörten. Ein cleverer Bettler, selber Flüchtling. Aus Ghana kam er, sprach Englisch in Mali, armer Hagel. Wo lebte ich nur die letzten 20 Jahre?

Meine älteste Tochter ist eben 14 geworden und der Grund, wieso ich hier zoome. Sie hat einen Schnuppertag an der ETH gewonnen, weil sie in einem Mathetest für Mädchen sehr gut abschnitt. Die Bemühung ist international, Kangaroo goes science (KGS) heisst das Programm: Man will Mädchen Mut machen, die MINT-Fächer zu wählen und zu studieren. Ich platze vor Stolz und gerate ins Schnaufen vor Rührung. Zum Glück ist meine Kamera aus und ich bin auf mute.

Danke für den Eichelhäher, lieber Markus. Bei uns sagen wir dem Heeregäggu! Ornithologie kommt auf meiner Bucket List der ungelebten Hobbies noch vor dem Pillen spicken, caro Romano. Und kurz nach dem Wildheuen, liebe Katharina.

Nun ist die Präsi fertig, die Eltern dürfen Fragen stellen.

Seit Januar ist mein Twitteraccount stumm, weil ich den Lärm auf den digitalen Kanälen nicht mehr vertrage.
Aber ich wollte euch noch von Ben erzählen, der sein Atelier im Basislager hat, am Stadtrand. Dort hat neulich eine Amsel ihr Nest gebaut und drei Eier gelegt. Sie wusste nicht, dass im Stock darunter eine Katze lebt. Ben aber, der einmal Zeuge war, wie eine Meeresmöwe am Vierwaldstättersee einen Spatz verschlang, baute wie der kleine Maulwurf aus Draht einen Schutz um das Nest. Die drei Küken schlüpften, wurden gefüttert. Und als eines der Nestlinge aus dem schiefen Nest fiel, rettete es Ben – ohne es zu berühren und setzte es wieder ins Nest, das er noch gerade rückte.

Drei gerettete Schwarzdrosseln. Ich bin sicher, Ben kommt in den Himmel. Eine englische Redensart, die auf Deutsch nicht geht, ist jene vom frühen Vogel, der den Wurm fängt.

Trotzdem habe ich schon abgestimmt, brieflich. Das wird einem empfohlen, seit Covid. Beim E-Voting würde ich wohl Nein stimmen, aus Traditionsliebe und technischer Skepsis. Auch die CO2-Initiative wurde abgelehnt, wenn auch knapper. «Autofahren nur noch für Reiche?» steht auf den Plakaten vor den Bauernhöfen.

Ich denke mir still, ja, genau, das wäre gut für die Welt!

Und habe mir, nach Romanos Brief, endlich eine Meinung zum Impfen gebildet: Ich werde es tun. Nicht etwa aus Bequemlichkeit, sondern aus Solidarität. Impfen ist wie abstimmen, ein persönlicher Entscheid von gesellschaftlicher Bedeutung. Einfach nicht viermal im Jahr, sondern nur zweimal pro Pandemie. Niemand ist im Übrigen keinem Rechenschaft schuldig.  Es gilt das Stimmgeheimnis.
Ein Mathe-Lehrer am Gymi verglich für sich die Wahrscheinlichkeiten, einen Impfschaden oder einen schweren Verlauf von Covid-19 zu erleiden. Die Differenz betrug nur einen Zehntel Prozentpunkt, aber das genügte ihm, um aufs Impfen zu verzichten.

Es ist gut, dass Meinungsfreiheit herrscht und kein Impfzwang.

Die Frau von der Reinigung, wo ich einen Anzug abholte, liess sich auch impfen, obwohl sie das Virus schon hatte. Dann reicht eine Dosis.
Meine Kolleginnen bei der Arbeit machen Witze über gutaussehende, grossgewachsene, tätowierte Pflegende, die einem das Gift spritzen.
Ich möchte den Schluss finden, meine Lieben, hört ihr es?

Man muss ja nicht immer gleich in den Stollen steigen, wenn man das Wort Kumpel hört. Aber man kann es tun, wohlüberlegt und dosiert, keineswegs in blindem Eifer.

Reflexe nützen beim Kung Fu wie beim Kochen. Nun habe ich euch wieder in die Pfannen blicken lassen, in denen ich gerade rühre. Habe ich mir aber echt die Unart angewöhnt, meine Entscheidungen im Survivalmodus zu fällen, ohne lang zu überlegen? Frei nach Globis Motto: Probieren geht über studieren? Ich sage: Nein, das stimmt nicht. Es ist nur eine Laune.

Und drücke euch herzlich, seid fröhlich und geniesst die Sommerpause!

 

Claudio

 

(1) – Als MINT-Fächer werden die Disziplinen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik bezeichnet.

(2) – Basler, nicht zu verwechseln mit Boser.

(3) – Christoph Mörgeli, ein von einem Bundesrat im Parlament unartig als Mengele betitelt. 

(4) – Instagram, ein digitaler Zeitfresser aus dem Hause Facebook. 

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Montag, 17. Mai 2021, Zürich, Schweiz

 

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Am Ende ist Corona ein einziger Zufall

 

Liebe Vinschgauerin,
Liebe Brieffreunde dies und jenseits des Atlantiks, 

 

Konkret muss ich mit Kierkegaard anfangen und einem Geständnis, unbeirrbar: «Entweder – oder» ist das einzige, was ich von ihm kenne. Ein Titel, nothing else matters. Alles, was mir Kierkegaard sagt, ist Halbwahres, Zitiertes. Trotzdem habe ich eine Ahnung, was Kierkegaard umtrieb. Wieso ich das behaupte? Der Dilettant in mir ist es, ein Teufel, der immer mal wieder Bewegung braucht. Und dann lasse ich ihn halt reiten.

Es hat auch mit der Lust zu tun und einem Gespräch mit einem Philosophen, der Roth hiess und Bescheid wusste. Der Nordländer Kierkegaard war seine Nummer zwei nebst einem italienischen Zeitgenossen, der ähnlich tickte. Die Quintessenz, die sich in meiner Erinnerung festgesetzt hat, ist die: Wenn die Zeit unendlich ist, kann es keine Kunst geben. Das ist er, mein Existentialismus in der Nussschale. C’est la vie, n’est-ce pas?

Hier könnte ich nun küchenpsychologisch abschweifen, aber der Zufall will es, dass an diesem landesweiten Feiertag, der «Uffert», gleich zwei Textstücke fällig sind. Beide habe ich angefangen. Das andere ist ein Blog über eine Tanzstunde auf Distanz, ein Tango ohne Touch. Im Übrigen möchte ich einmal eine Auffahrtsprozession mit Pferden live erleben. 

Danke, lieber Markus, dass du das nur leicht abgefälschte Churchill-Zitat aufgenommen hast. Noch mehr freute mich deine tollkühne Aufforderung, unsere Karten auf den Tisch zu legen, bezüglich der Utopie. Als ich dies einer Freundin erzählte, fragte sie: Wieso nicht Dystopie?

Es ist eine Journalistenkrankheit, dass das Schlechte zuerst kommt, weil es sich gut verkauft. Bad News. Ein berüchtigter Politiker und Verleger soll mit diesem Schlagwort jeweils das Gespräch eröffnet haben, wenn er wieder eine Kollegin zu sich zitierte, um sie zu feuern. So wird es wenigstens kolportiert, wir Journis sind ja auch armselige Klatschtanten. Das ist bekannt. Ich weiss nicht, ob es stimmt; vermutlich stimmt es halb. Wieso erzähle ich es euch? Weil es ein gutes Beispiel ist, wie man es nicht tun sollte. 

Wahr ist wahrscheinlich, dass der legendäre Anton Mosimann sich als Chefkoch im Hotel Dorchester London beim Hauptgang am Mittag nie wiederholt hat. Er arbeitete 13 Jahre dort und erzählte die Anekdote seinem Biografen. Obwohl ich es nur in der Biografie gelesen habe, die notabene reich bebildert ist, also ein Bilderbuch, glaube ich es.

Ich glaube an die Schulmedizin und den Nutzen von Impfkampagnen. Ich glaube an das persönlich verifizierte Weltwissen. An die Mühe, die man sich nehmen muss. Jemand verrät mir, dass man die Röschti mit Geschwellten vom Vorabend macht. Oder dass auch Hacktätschli besser sind, wenn man sie am Tag zuvor mit frischen Kräutern vorbereitet.

Was aber tut ihr, wenn noch ein Ei im Kühlschrank ist, kein trockenes Brot, ausgerechnet und auch keine Milch? Streicht ihr damit den Zopf ein oder braucht ihr es für die Hacktätschli? Ich kenne eure Hausrezepte nicht. Wie sagt man den Frikadellen im Südtirol, Katharina? Und gibt es am Greifensee, Romano, ein eigenes Wort dafür? Essen Ecuadorianer auch profane Buletten, nebst Meerschweinchen? Fleisch ist für Feiertage, da bin ich biblisch eingestellt. 

Den Begriff Apophase habe ich bei Stephan Gärtner in der Woz gelesen und mir gemerkt. Er bedeutet um den Brei herumreden.

Ich glaube an die freie Rede und an die Notwendigkeit von Gesetzen gegen Missbrauch. Ich glaube an die kathartische Wirkung von Deklarationen. Ich glaube an die Sternstunden der Menschheit von Stefan Zweig. Wie Martin Luther King seinen Traum proklamierte, vor dem Kapitol, das Trump geschändet hat. Und Amanda Gorman musste mit einem Gedicht die Untat ausbügeln, den Hügel zurückerobern. Romanisch sagt man für hill canova.

Ich glaube an Eselsbrücken und glaube Wikipedia, dass Martin Luther mit einer «Katharina von Bora» verheiratet war. Ob ich an Gott glaube oder nicht, möchte ich offenlassen. Ich glaube an die Kooperation, an Grenzen und die Warterei. Ich glaube an feine konfessionelle Unterschiede, die keine Rolle mehr spielen, wie im Appenzell. AI und AR. 

Ich glaube an Abkürzungen und an die Kooperativen im Gelobten Land, obwohl ich nie dort war. Bestimmt gibt es sie und sie sind gut. Ist es relevant, dass vor hundert Jahren andere Menschen dieses Land bebauten, die fliehen mussten und die bis heute die Schlüssel ihrer Scheunen in der Familie aufbewahrt haben, sie von Generation zu Generation weitergeben, mit der Erinnerung?

Ich glaube an die Möglichkeit des Seiltanzens in vermintem Gelände, why not, wenigstens in der Fantasie. Die Beliebigkeit des Globetrottelns, den Zynismus der Windräder, lehne ich ab. Ich glaube an den Sinn des Wortes «Stopp

 

„Ich glaube an abrupte Schlüsse und an die Magie der Orthografie. Ich glaube an die Beharrlichkeit, ans Protokollieren, den Genitiv und an die Chronistenpflicht. Ich glaube an das Jägerlatein von Paracelsus, das korrekte Zitieren und an Ohrwürmer, obwohl sie manchmal nerven.“

 

Ich konnte mich zwar registrieren für eine Impfung, habe es aber verschlafen, zwei Termine zu ergattern. Einer hätte mir gereicht. Nun wird es womöglich 2022, bis ich immun bin. Ich glaube an den Kantönligeist und dass es eine Wahrheit gibt, die man nicht fälschen kann. Ich glaube an die Zukunft. Punkt. 

Leistung und Ehrlichkeit zählen, sicher. Aber am Ende ist es Zufall, das Leben. Wo wir auf die Welt kommen. Wen wir treffen. Mit wem wir leben. Was wir tun. Und was wir sein lassen. 

Ich glaube an die Logik und die Verantwortung jedes einzelnen. Ich glaube an Tipp Ex, Tango und die Theorie von «Walk the Talk». Ich glaube an die Wichtigkeit von Träumen. Ich glaube ans CO², das Schmelzen der Pole und an den Materialismus von Marx. Kulturrevolutionen, lange Märsche und die Raumfahrt im Konkreten lehne ich ab, nicht nur im Reich der Mitte.
Ausnahme: Mentalreisen à la Raumschiff Enterprise. Nach dem Unglück mit der Challenger, 1986, begann ich, Zeitung zu lesen. Es war auch eine Astronautin unter den Märtyrern, sie hiess Christa. Gleichzeitig lernte ich auf der Klewenalp Skifahren. 

Ich glaube an das Konkrete und an das ewige Fragen. Was Chlordioxid ist und wie es wirkt, weiss ich nicht. Ich glaube an die Nachhaltigkeit, obwohl es ein wüstes Wort ist. Ja!

Wider die Bibeltreue glaube ich an das ewige Irrlicht des Journalismus, an die klugen Leserinnen, den mündigen Leser und an den Chorgesang. Veränderung ist immer gut, sagte mir mein Kamerad, der mich heute vom Schreiben abhielt, Gott sei Dank, und mit mir eine Ausfahrt ins Blaue unternahm. Wir sind nicht zu Christi in den Himmel gefahren, noch nicht, aber über den Pfannenstiel im Nebel. 

Veränderung ist immer gut. Er meinte nicht die Viren, sondern uns alle, ganz konkret. 

Man muss aber die Augen offenhalten. Bei allem Ekel vor Geschichtsverdrehung begrüsse ich als Bewohner von Zwingli Town das mutmasslich unnütze Metawissen. Es gibt nur einen Schweizer Literaturnobelpreisträger, dessen Namen fast vergessen ist. Vom Ex-Stadtschreiber Keller dagegen weht noch wacker das «Fähnlein der Sieben Aufrechten». Es wurde auch verfilmt. 

Peter Bichsel schrieb einmal, dass wenn zwei sich um den Hals fallen, die wohl das gleiche Buch gelesen haben. Ich glaube also an das Verbindende der Literatur, das Flackern des Wetters, im Gegensatz zur Verehrung von säulenheiligen Kriegsgurgeln wie Churchill, Castro oder Hitler, die es entschieden zu verfluchen gilt. Unisono. 

Ich glaube an das Üben, die Erosion und die Wiederholung. Wir sind frei von Vorbestimmung. Ich glaube an abrupte Schlüsse und an die Magie der Orthografie. Ich glaube an die Beharrlichkeit, ans Protokollieren, den Genitiv und an die Chronistenpflicht. Ich glaube an das Jägerlatein von Paracelsus, das korrekte Zitieren und an Ohrwürmer, obwohl sie manchmal nerven.
Mani Matter war von Beruf Fürsprech und Notar. Er wurde als Amateur unsterblich, der Liedermacher, starb mit 36 Jahren als Automobilist, wie James Dean, ein Unfall, gleich bei mir um die Haustür. 

Ich glaube an Gift, aber mit Dosis. Denkmäler sind zu schützen, wenn möglich, ja. Apple mag vor die Hunde gehen, der Journalismus am Arsch sein, aber das Mantra von Steve Jobs hat was: Stay foolish, stay hungry. Man darf es nur nicht falsch verstehen. Ich glaube an das Deutliche im Deutschen und an das Erwachsensein. 

Den goldenen Tritt gibt es. Ebenso die Unverrückbarkeit dessen, was passiert ist. 

Passé. 

Heute schrieb ich eine Postkarte an eine Holländerin, die wünschte, dass man ihr keine Covid-Karten schicke. Offenbar gibt es einen Trend zu Seuchen-Sujets. Seit einigen Wochen meditiere ich täglich und es passiert mir nur noch selten, dass ich mich selbst belüge. Wenn es geschieht, sage ich mir: Schuster, bleib bei deinen Listen!

Dann tue ich Simples. Zwei Schritte links, zwei Schritte rechts. Hecke eine List aus, pumpe mein Velo oder backe ein Brot. 

So, jetzt wisst ihr alles, und ich bin leer. Schnörkellos und floskelfrei grüsst euch, euer uferlose Utopist, nur leicht dystopisch geneigt, 

 

Claudio

Montag, 19. April 2021, Zürich, Schweiz

 

***

 

Lahme Schnecken, wohldosierte Morgenluft

 

 

Verehrte Leserschaft, liebe KorrespondentInnen,

 

8 Franken 10 sind das neue 7 Franken 80. In Bern sagen sie 8-i 10 und 7-i 80. Aber ich bin in Olten, am Nullpunkt, steige um, kaufe 1 Wasser und 3 Stück Süsses. Energie, um voran zu kommen. Und mit diesem Brief fertig.
Winston Churchill, der viele Krisen überlebte, dabei gern eine Corona rauchte, sagte: «Never waste a good crisis.» Habe ich nun wieder eine vergeudet?

Ständig werde ich abgelenkt und versuche, mich auf das Ziel zu konzentrieren: Quo vadis? Es gelingt mir, den Einstieg zu finden. Zu viel Licht im Tunnel. Draussen ist der Frühling ausgebrochen, es bleibt aber kalt. Freitag ist, ich habe eine halbe Stunde frei, bin einmal mehr zu spät. «Es ist viel zu früh zu spät.» 

«What about Bob?» Kennt ihr den Film mit Bill Murray, der als Psychotiker seinen Psychiater in den Wahnsinn treibt? Ein Lieblingsfilm. Bob der Patient eignet sich mit subversivem Charme die Familie des Psychiaters an. Am Anfang hat er Angst vor allem, vor Mikroben speziell. Ein Multiphobiker, der sich mit weissen Tüchlein gegen die Berührung von Türfallen schützt.
In den 80ern war das lustig, grosses Kino, weil eindeutig irr. Heute ist das die Norm im Öffentlichen Verkehr; schöne neue Welt. Hygienestandards im Jahr 2021. Wir waschen uns öfter die Hände als Muslime beten (sollten). A propos Orient: Ist eigentlich schon Ramadan? Google sagt Ja.

Prinz Philip wurde 99 Jahre alt. Als ein Journalist ihn einmal fragte, wo seine Heimat sei, fragte er zurück:  «Was verstehen Sie unter Heimat?» Er war als Kind vertrieben worden. Adel schützt davor nicht.

Manchmal spaziere ich vom Bahnhof zum Büro. Auf der morgendlichen Route werden donnerstags die vollen Kompostkübel an den Strassenrand gestellt, abends stehen sie entleert wieder da, noch schmutzig. Irgendwann zwischen 7 und 17 Uhr kommen Heinzelmännchen, um den Biomüll zu sammeln und die Kübel zu leeren. Ein B&B namens Bettstatt gibt es auf dem Weg und eine Wäscherei namens Metzger, da denke ich immer an Blutwurst; jedes Mal.
Vis-à-vis das Restaurant Oskar, das nun die Gartenwirtschaft wieder öffnen darf. Chorsingen ist plötzlich wieder erlaubt, ohne Maske gar, bis zu 15 Leute. Und Basketball nur mit Maske und 1.5 Meter Distanz. Mein goldener Käfig, das Homeoffice, bleibt mir erhalten, yeah.

Es sind widersprüchliche Nachrichten. Und in meinem stürmischen Kopf herrscht Verwirrung. Ist es ein Long-Covid-Symptom? Oder nur klassische Hypochondrie? Voll okay?
Vor zwei Jahren bin ich zuhause ausgezogen, seither zweimal umgezogen. Morgen helfe ich meinem Bruder beim Zügeln. Sie ziehen zu viert von Bern nach Bern.

 

Dann kam ich am Neubad in Luzern vorbei, einem Kulturbetrieb, früher Hallenbad, in einer Ära prä Corona war es auch eine schwarz-weiss-geplättelte In-Location für Anlässe aller Art, dem aber das Wasser nun bis zum Hals steht: «Neubad über Wasser halten!», schreit ein Plakat.

 

Konzentriert stehe ich am Barfi in Basel, es ist Abend geworden und dunkel. Mein mitgereistes Stehbüro habe ich auf einer Baustellenabschrankung aufgeschlagen, tippe unter freiem Himmel, freestyle. Ein Passant fragt mich: «Supermarket?!». Ich bin nicht von hier, murmle ich, warte nur auf einen Freund.
Über den Barfi rollt ein Velokurier mit Uber-Essen, er grüsst den Lotsen auf der Trambaustelle, der in gelber Leuchtweste schaut, dass kein Fussgänger unters Tram kommt: «Salaam!»

Der Alte mit der Gelbweste hört nichts. Ein Taschenradio in seinem Hosensack spielt orientalische Musik. Nebenan schliesst der McDonalds. Es gibt ums Eck einen Juwelier Mezger, ohne t. Und ich merke, dass mein Freund gar nicht am Barfi wartet, sondern am Claraplatz. Kleinbasel, nicht Grossbasel. Kleines Missverständnis.

Auch ich bin coronamüde, wer denn nicht. Der Pandemie-Verleider tanzt mit der Frühlingsmüdigkeit Tango. Gibt es ein Mittel gegen die Verbitterung? Man kann sich anmelden zum Impfen; schimpfen darf man, aber man muss nicht. Kinos dürfen wieder öffnen, Gartenterrassen zu einem Drittel. Nun kann man sich auch testen, Roche sei Dank, um wieder Leute zu treffen, ohne Abstand. Die Abgabe von Test-Sets ist gut organisiert. Rationierte Persilscheine, perfekte Logistik. Die Sicherheit wird herbei beschworen, aber die Situation ist noch da. Real und unsichtbar.

Der Apotheker, aus Sri Lanka stammend und sein eloquenter Assistent, sind äusserst gut gelaunt. Sie stehen auf dem Trottoir und schenken jedem, der ihnen die Krankenkassenkarte zeigt, fünf Selbsttests. Gratis. Ich kriege fünf, weiss nicht, wann ich einen anwenden werde, das Stäbli im Rachen, igitt. Einen Tag später sind alle Testpakete verschenkt, keine mehr erhältlich, ein Engpass. Ähnliche Effekte hatten wir vor einem Jahr mit WC-Papier.  

Seid ihr noch da?

Niemand wird hier gezwungen, weiterzulesen. Den DDR-Honecker höre ich sagen, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu bauen.

Gestern nach Feierabend spazierte ich an der Obergrundstrasse in Luzern vorbei und sinnierte, ob es einen Weg in den Untergrund gäbe. Und ob das ein guter Haken wäre, um diesen Brief daran aufzuhängen. Dann kam ich am Neubad vorbei, einem Kulturbetrieb, früher Hallenbad, in einer Ära prä Corona war es auch eine schwarz-weiss-geplättelte In-Location für Anlässe aller Art, dem aber das Wasser nun bis zum Hals steht: «Neubad über Wasser halten!», schreit ein Plakat.

Einmal bin ich hier aufgetreten, im Keller, las unter dem Motto «verloren» ein Stelleninserat vor, dazu sang ich Ausschnitte eines Coca-Cola-Werbespots, wie ich mich unscharf erinnere. Lange her, damals war ich arbeitslos. Man sieht sie nicht, die Erinnerungen, trotzdem mutieren sie wie Viren.
Den freundlicheren Umgang mit Robotern, Androiden oder Mutanten – auch bekannt unter dem Fachausdruck «Bots» – habe ich mir lange vor der Pandemie auf die Fahnen geschrieben: Behandle deine Androide so, wie du von ihnen behandelt werden willst. Frei nach Kant, der sich wohl auch ab und zu die Kante gab. Haha! Aber das waren andere Zeiten, in Königsberg.

Larvatus prodeo. (Descartes)
Entweder oder. (Kierkegaard)
Ride today. Save Tomorrow! (Pro Velo)

Ich lese Bettelbriefe von Verbänden. Es ist ein Naturgesetz meiner Existenz, dass ich keine Zeile zustande bringe, wenn ich nicht mindestens das Messer am Hals habe. Oder ein Honorar in Aussicht. Ohne Druck, das ist mein allyu, lieber Romano – wird nichts fertig.

Es kann sein, dass ich mir das nur einbilde. Konnte der griechische Gott Pan gar nicht flöten? Und hat das All, das kollektive Bewusstsein, das über uns hinausgeht, in meinem privaten, primitiven Universum überhaupt Platz?

 

Die Abschweifung ist auch ein Segen. Man kann die Augen schliessen
und sich in eine Parallelwelt flüchten, wie man in ein Buch eintaucht.
Das Postpandemische könnte ein imaginärer Sehnsuchtsort sein, ein Jenseits.

 

Weitere Naturgesetze: Das Leben ist teuer. Zuerst die Arbeit, dann der Spass. Und es kommt immer anders, als man denkt. Wenn es nichts Wichtigeres zu tun gäbe, ginge der Witz der Prokrastination flöten. Nun muss ich wieder aussteigen, umsteigen.

Die Abschweifung ist auch ein Segen. Man kann die Augen schliessen und sich in eine Parallelwelt flüchten, wie man in ein Buch eintaucht. Das Postpandemische könnte ein imaginärer Sehnsuchtsort sein, ein Jenseits. Natürlich ist es nicht real, liebe Freunde, noch nicht, aber wir können es uns ja trotzdem ausmalen, oder? Niemand schreibt uns vor, was zu träumen ist.

Ausreden allerdings haben auch kein Ablaufdatum. Die Werbewirtschaft will mir alles andrehen, als ob das Glück käuflich wäre. Ich kaufe drei paar Unterhosen für 12 Franken 95, viel zu billig.

An der Hans im Schneckenloch-Seuche kranke ich auch. Wenn ich das Wort Schneckenloch lese, stimme ich laut das Kinderlied an, zwanghaft: «De Hans im Schnäggeloch hed alles was er will. Und was er hed, das will er ned. Und was er wott, das hed er ned…» Wenn man im überfüllten Pendlerzug hockt und einen Brief hackt, ist laut Singen unpassend. Besser geht es im Freien, wenn niemand in der Nähe ist.

Nun fahre ich auf der S-Bahn-Strecke meiner Schulzeit vorbei. Das Rollmaterial ist neu, die Landschaft gleicht noch der von früher. In Wauwil, «Wauwu» war das erste Wort meiner grossen Schwester, liegt das Wauwilermoos, wo einst ein welscher Oberst amerikanische Internierte quälte. Heute ist hier eine Strafanstalt, halboffen. Weil es einen «Personenunfall» auf der Strecke gab, sind besonders viele Menschen in den Zug gepfercht. Selbst die Stehplätze sind ausgebucht.

Ein junger Mann mit Wurzeln in Afrika, der neben mir sass, Nieten auf der schwarzen Baseballmütze, steigt aus. Es setzt sich sogleich ein Mädchen mit asiatischem Antlitz, ein Butterbrezel essend und mit dem Plastik raschelnd. Es spricht französisch zu seiner Mutter, die in einer anderen, mir fremden Sprache antwortet.

Die Pandemie hat fast kein Gewicht mehr, seit der Bundesrat die letzte Lockerung verkündete. Zu einem Drittel ist die Norm wieder hergestellt. Per Dekret, gedrosselt. Die Rückeroberung wurde hauruck beschlossen, einige sind entsetzt über das Tempo. Die Masken bleiben, sie geben der Krise ein Gesicht. Ob wir uns das manische Händewaschen wieder abgewöhnen werden? Man könnte nun auch Veranstaltungen planen. Aber ich traue dem Tauwetter nicht ganz.
In der Klasse der 11-jährigen Tochter sind sie ganz begeistert von Schnecken. Sie gingen in den Wald, um Schnecken zu sammeln für das Schulzimmer, als Haustiere, gaben ihnen Namen. 

Ich möchte lieber lesen als schreiben. Aber das Buch ist zu Hause geblieben. Es ist immer nicht dort, wo es sein soll.

Neulich reiste ich zu meinen Eltern, besuchte sie dort, wo ich aufgewachsen bin. Früher war das ein Industriedorf, wie es viele gibt, mit 3000 Einwohnern und einer Zigarettenfabrik. Heute hat die Gemeinde deutlich mehr Einwohner, 5500, wobei sie in der Zwischenzeit mit zwei Nachbardörfern fusioniert wurde.
Ich fuhr mit dem Rennvelo hin, verfuhr mich einige Male und versuchte, meinen Schulweg von einst wieder zu finden. Im luzernischen St. Erhard fuhr mir ein Gümmeler aus Balsthal vor die Nase. Beim Restaurant Mostkrug, wo es hinauf geht zur Knutwiler Höhe, sagte er mir, er ändere nie das Tempo wegen irgendeinem anderen Menschen. Weder schneller noch langsamer, fahre er, einfach immer sein Tempo. Er zog mich in seinem Windschatten auf die Höhe hinauf.

Das soll mein Leitsatz sein, in dieser vorsichtigen Öffnung: Ich gehe mein Tempo, unbeirrt, Schritt für Schritt.

 

Wacker grüsst euch, teilweise befreit, mit Mass Morgenluft witternd,

Claudio

Montag, 22. März 2021, Zürich, Schweiz

 

***

Das ABC der Krise 

 

Liebe Katharina, geschätzte Kameraden, liebe Unbekannte,

 

Danke den beiden Herren für die ansprechenden Vorlagen: Dem Auslandschweizer vom Greifensee, Meister des Kung Fu. Dem grössten Reporter der Innerschweiz, 1 Meter 98, überragt nur durch den eigenen Witz und Grossmut.

Der Steilpass der Liebe bringt mich auf eine Nebenfährte der Erinnerung, zu einem Vorläufer dieses Briefwechsels, als alles privat und nichts politisch war. Vor zwei Dekaden begannen wir uns zu schreiben, inspiriert durch den Roman «Liebesmale, scharlachrot» von Feridun Zaimoglu. Damals hielt Markus einen Vortrag in unserer Stube, mit schriftlichem Handout, über «das Wesen der Liebe». Am gleichen Abend bot ein Luzerner Barde eine deutsche Version eines Liedes von Bob Dylan dar, noch heute hallt der trocken rezitierte Refrain «Kleinkind, Kleinkind, Kleinkind!» nach. Hei, wie waren wir jung und unbeschwert!

Verzeiht mir die Abschweifer. Für einen stringenten Brief hatte ich keine Zeit, soll Goethe gesagt haben, womöglich wird es ihm nur zugeschrieben. Ich mache euch ein persönliches ABC zur Pandemie schmackhaft. Es ist als blosse Form zu begreifen, ein Werkzeugkasten auf tönernen Füssen, eine schlingernde Leitplanke, für euch wie für mich, alles ist im Fluss.

Zuvor führte ich ein beamtenartiges Leben, wohnte in Zürich und war Pendler, arbeitete 80% in Luzern. Täglich eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Am Freitag hatte ich frei. Und nun?

Seid ihr bereit?

 

Alkohol war der Sprit des Autors Bukowski. Sein Mindset kann uns als Einstellung dienen. Der Dilettant aus Hollywood, der das Nichtstun liebte und ein Suchtmensch war, lebte rastlos. Dann wurden seine eingesandten Schreibwaren Kult und er durfte fortan in Filmen sich selbst spielen. Seinen Unterhalt aber, die Unkosten, verdiente sich Bukowski als Pöstler.

Briefe trug auch mein Urgrossvater Gotthard Ackermann (1880-1955) eine Weile aus, in Rothenburg, wo er lebte. Er tat dies nur aus der Not, als Nebenverdienst und nicht sehr lange. Die Alteingesessenen gaben ihm, dem aus dem Entlebuch zugezogenen, die übelzeitigste Tour. Er musste in der Morgenfrühe zu den entlegensten Chrachen und hörte auf, sobald er Arbeit als Schneider fand.

Charakter braucht der Schreibende; gerade in harzigen Zeiten. Die Haltung kann freundlich sein und an Gazellen jagende Bergleute im Hochland Kenias gemahnen, die stets locker, aber aufsässig, ihre Beute müde laufen.

Demokratie ist okay. Allerdings wird mein Urteil laufend relativiert und revidiert. So missfällt mir das von der Mehrheit neulich beschlossene Verhüllungsverbot. Es ist zudem ein hässliches Wort, ich wünschte mir vom Bundesrat eher ein Dekret mit Vermüllungsverbot, nur für mich.

Episodisch hat die Epidemie mit Brot zu tun und Grenzen. Als vor gut einem Jahr die Seuche von Süden her, wo der Karneval von Venedig abgesagt wurde, in die Schweiz überschwappte, weilte ich in Berlin. Dort hatte ich anderes im Kopf, war liebestrunken, wenn ich mich recht erinnere. Mein erster Reflex gegenüber Plagen ist immer das Wegschauen. Bei Viren nutzlos.

Frühlingshaft flattern meine Nerven. Wie geht es weiter? Unsere Nachbarn Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich gingen politisch rigoroser mit der Pandemie um, da handelte die Schweiz vergleichsweise lasch. Wir nahmen dafür mehr Tote in Kauf. Wer führt diese Statistik? Besiegen lässt sich eine Pandemie nur gemeinsam. In Myanmar herrscht nun wieder eine Militärdiktatur, das Volk geht auf die Strasse und wird dafür getötet. Aber Myanmar kann ja politisch nicht der Massstab sein.

Gebäck bietet Trost. Die Rückbesinnung auf das Backen ist ein Plus. Entschieden breche ich eine Lanze für das Brotbacken!

Härtefälle gibt es unzählige, Einzelschicksale, das ist unbestreitbar, auch in der Schweiz. Die Beizen, Konzertlokale, Theater, Kinos, alles zu und leer. Arbeitslose Existenzialisten wie Sand am Meer. Bleibt uns der öffentliche Raum. Im Sommer standen wir trinkend vor dem Bahnhof Enge, wie Teenies in Spanien. Und Shopping ist erlaubt, nur das Nötigste, Lebensmittel, keine Dekowaren. Im Supermarkt gibt es alle Ingredienzen zum Sauerteigbrot, dazu ist Luft und Liebe zu addieren. Das Salz nicht vergessen. Mal gelingt es besser, luftiger, mal gerät es fade oder hart wie Stein.

 

Leute im Hamsterrad laufen Gefahr, sich im Kreis zu drehen. Meine Routine war es einst,
am Morgen auf den 6-Uhr-Zug zu hetzen. Um 5:55 schloss ich mein Velo am Bahnhof ab,
was mir gemütlich reichte, um vor dem ersten Zug die erste Zigi zu rauchen.
Seit ich nicht mehr rauche, tue ich stattdessen daheim ein paar Atemzüge.

 

Ischgl oder der Inn, das ist mir einerlei, Hans was Heiri, aber früher glaubte ich, dass der Olympiasieger der Nordischen Kombination von 1988 in Calgary, Hippolyt Kempf, am Skigymnasium in Stans studiert hätte. Dabei war er in Stams. Kleiner Unterschied. Eine grammatikalische Minimutation?

Jedes ist seines eigenen Glückes Beck. Was macht den Journalisten aus? Die Journalistin? Sie wählt die Worte mit Bedacht und legt sie nicht auf die Goldwaage, denn das wäre päpstlicher als Franziskus. Mitunter gebiert die Not Gutes. Die Fachzeitschrift, die einst «Schweizer Journalist» hiess, wird nun länderübergreifend von zwei Kolleginnen in einer Co-Redaktionsleitung herausgegeben und heisst «Journalist:in».

Kolumbien war Herd einer Mutation, höre ich. In einer traurigen Favela sollen die Covid-19-Viren sich um die robuste Genetik der Ansässigen foutiert haben. Trotz Reisebeschränkungen gelangte das Zeugs über die Luft nach Europa, in unsere überalterte Festung, die doch nur das frische Blut wollte, nicht unbedingt die Menschenmassen. Ich zitiere frei nach Frisch, werte Leserschaft, möchte nicht politisch unkorrekt erscheinen.

Leute im Hamsterrad laufen Gefahr, sich im Kreis zu drehen. Meine Routine war es einst, am Morgen auf den 6-Uhr-Zug zu hetzen. Um 5:55 schloss ich mein Velo am Bahnhof ab, was mir gemütlich reichte, um vor dem ersten Zug die erste Zigi zu rauchen. Seit ich nicht mehr rauche, tue ich stattdessen daheim ein paar Atemzüge. Insofern hat mich der Homeofficezwang auch gesünder gemacht.

Morgen ist World Mouth Health Day. Die Mundhygiene habe während der Pandemie gelitten und sei eine Katastrophe, warnt ein Communiqué im Newsticker. Meine 11-jährige Tochter half vorgestern ihrem drei Jahre jüngeren Bruder, einen abstehenden Eckzahn zu ziehen, der ihn lange plagte. Am gleichen Tag wurde die älteste Tochter (13) ihre Zahnspange los, genannt Gartenhag. Das Zirkustraining war für sie «magic», weil sie erstmals den Handstand allein konnte. Völlig frei.

Neulich war Weltfrauentag, ein Montag, ich war bei Frau Stähli zur Dentalhygiene aufgeboten. Wir versuchen, das Unangenehme des Akts mit Humor zu überbrücken. Seit Corona braucht es ein Formular mehr und einen zusätzlichen, würgenden Saugschlauch im Hals. Frau Stähli ist aber froh, dass sie arbeiten darf und dass die Homeofficepflicht für ihren Beruf keine Option darstellt.

Oh, wie die Liebe doch in allem steckt! Manchmal male ich mir meine Wohnung als goldenen Käfig aus. Ein Atelier! Meinem Vater fiel einmal, in einem Hotelzimmer, auf Reisen, beim Klipsen der Fussnägel ein Lavabo auf den Boden. Mir passieren solche Dinge auch ständig. Neulich in Avers – wo ich als Skitourist ein Wochenende mit Kindern im Schnee verbrachte – fiel eine ganze Garderobe krachend zu Boden, als ich meinen viel zu schweren Rucksack an einem Kleiderhaken aufhängte.

Pandoras Fässer sollte man nicht anrühren, heisst es. Die Plagen sind eben, einmal befreit, nicht mehr so leicht in die Büchsen zurück zu stopfen. Langeweile und Neugier treiben mich dazu, gewisse verbotene Dosen trotzdem zu öffnen, nur zum Test. Beim Bahnhof Wipkingen gibt es einen Pop-up-Store mit Möbeln. Nebenan sammeln sie online mit einer Petition Unterschriften für ein öffentliches WC. Lange Jahre gab es dort einen Schalter mit stadtbekanntem Reisebüro, tempi passati.

Quaderförmig erscheint mir die Welt zuweilen, wie ein Tennisplatz. Die Sehnsucht nach Reisen ist stark. In China war ich noch nie, in Südamerika ebensowenig. Terra incognita. Nach Australien wollte ich nie, bisher. Federer hat auf Melbourne verzichtet. Nun tritt er nach einem verhexten Jahr wieder in Wimbledon an. Er ist erst 40, der Spund.

 

Waschküchen sind soziale Minenfelder, man teilt sie sich im Haus.
Neulich wurde ich vom Nachbar ausgeschlossen. Während der zehntägigen Isolation im Herbst,
als ich das Virus hatte, verkam der maskierte Gang in den Keller zum abenteuerlichen Thrill.
Der Spaziergang an die frische Luft zum Briefkasten war pures Glück.

 

Rebellisch war ich nie, wobei die Innensicht mit der Aussensicht kontrastieren kann. «Leider können wir unser Serviceversprechen bei der Beantwortung von schriftlichen Kundenanfragen nicht halten», mailte mir ein Verlag und entschuldigte sich. 

Sauerteigbrot ist mein Lieblingsbrot, man kann es nicht genug wiederholen. Lieber als Selbstgebackenes habe ich nur den Luzerner Weggen, das Brot meiner Kindheit, vom Profi frisch gebacken. Das beste Brot der Welt gibts beim Merz in der Eisengasse oder beim Odermatt am Helvetiaplatz. Doch man kriegt eben nichts Vergleichbares ausserhalb des Kantons! Bin ich nun völlig verbohrt?

Total geschlossen per 20. März 2021 wurde die Postfachstelle Luzern 7 Hirschengraben. Mit der Filiale ging die Postfachanlage zu. Ein Fotograf lässt sich seine Post nun an den Erlenweg 4 in Kriens liefern. Sagt dir diese Adresse etwas, lieber Markus, als Krienser?

Unverständlich ist mir, wieso die Abfahrten am Ski-Alpin-Weltcupfinale in der Lenzerheide abgesagt wurden. Zu viel Schnee, Mitte März. Lara Gut-Behrami und der Nidwaldner Marco Odermatt wurden um ihre Kristallperspektiven geprellt. Im Kampf um die grosse Kugel sind ihre Widersacher eine Slowenin und ein Franzose. Der Nationalismus im Sport ist krank.

Vereinsfarben sind Nebensache. Rot-Blau steht für das Tessin, wo eine Maskenpflicht in öffentlichen Räumen eingeführt wurde. Sie gilt von 10 bis 19 Uhr auf den Piazzen. Der italienischsprachige Kanton – Heimat von Lara Gut-Behrami und ihrem Gatten Valon, einem verdienten Fussballveteranen, aus dem Kosovo in die Schweiz geflüchtet – war auch Vorreiter punkto Verhüllungsverbot. In Basel demonstrierten derweil die ausgesperrten Fans vor dem Stadion gegen den Verkauf ihres Clubs ins Ausland, während innen der FCB gegen den FCL 4:1 gewann. Mein Sohn ist blau-weiss, hopp Lozärn, spricht aber Zürideutsch. Blau-weiss sind auch die Farben der beiden Stadtclubs FCZ und Grasshoppers.

Waschküchen sind soziale Minenfelder, man teilt sie sich im Haus. Neulich wurde ich vom Nachbar ausgeschlossen. Während der zehntägigen Isolation im Herbst, als ich das Virus hatte, verkam der maskierte Gang in den Keller zum abenteuerlichen Thrill. Der Spaziergang an die frische Luft zum Briefkasten war pures Glück.

X-fach habe ich mich in Demut geübt und tief geatmet. Stoisch. Alter Trick.

Youtuber wurde ich auch noch, Pandemie sei Dank. Wegen Corona fand die Erzählnacht ausnahmsweise nicht im Schulhaus statt. Wir verlegten sie ins Internet, die Väter youtubten. Der Professor der Soziologie las aus einem Kinderbuch vor. Sein Livestream brach abrupt ab.

Zusammenhangslos bin ich ins Ziel geschlittert, einmal mehr.

 

Wie geht es Euch? Ist es sehr schlimm? Und sagt mir, hört es je wieder auf?

Ich grüsse euch herzlich, bleibt gesund und passt auf euch auf!

Claudio

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